„documenta fifteen“ 7

EINHEIT & VIELHEIT

Allmählich entdecke ich, dass sich in dem Begriff lumbung das existenzielle Bemühen von Menschen mit ihrer Wahrnehmung von Ursachen mischt, aus denen sie die Natur hervorgebracht hat. So benennt das Wort nicht nur eine mir sympathische Lebensweise, sondern auch eine außerordentlich gescheite. Warum? Weil sie mit der Einsicht verbunden ist, dass ich (über mich hinaus) nur am Leben bleibe, wenn wir (ohne wenn und aber) miteinander leben. Das von vornherein mit dem Wort Menschsein zu verbinden, ist allerdings eine fatale Illusion. Weiterlesen

„documenta fifteen“ 8

HARVEST  1

„Idealerweise kann lumbung ein Modell sein, das viele Menschen besitzen, anpassen, entwickeln und benutzen können“, heißt es im „Handbuch“ der documenta fifteen. „Die Art, wie Zellorganismen oder rhizomartige Strukturen sich selbst aufspalten, um klein zu bleiben, ist ein nützliches Modell. Ein großes Format bringt unabsehbare Folgen mit sich.“ Wieso bestimmen dann Großformate und hierarchische Strukturen unser Leben? Hat sich das einfach so ergeben oder fühlen wir uns in ihnen besser aufgehoben? Täuschen wir uns? Selbst? Weiterlesen

„Tschudi“ von Mariam Kühsel-Hussaini

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Hingerissen wie von „Tschudi“ war ich seit dem grandiosen Roman „Der Meister und Margarita“ nicht mehr. Darin lässt Michail Bulgakow den Teufel im Moskau der 1930er Jahre erscheinen, um im jugendlichen Sowjetstaat dem sogenannten Neuen Menschen auf den Zahn zu fühlen. Sollte er das Böse tatsächlich vom Sockel stürzen oder gar aus der Welt schaffen können? Mitnichten, wie sehr schnell sehr deutlich wird. 1976 las ich den Roman ein erstes Mal und erfuhr, dass Marianne Faithfull ihn anno 1968 Mick Jagger auf den Nachttisch geschoben und ihn so zu „Sympathy for the Devil“ inspiriert haben soll, für mich bis heute der spektakulärste Song der „Rolling Stones“.

Den Roman „Tschudi“ legte mir im Frühjahr 2021 eine inspirative Freundin nahe. Leihweise wanderte er in einem schwarzen Stoffbeutel mit rotem Aufdruck, wie sie der französisch-deutsche Kultursender arte auf Buchmessen verteilt, von Dresden in mein Leipziger Oberstübchen und weitete es im Nu in eine intensive Nachempfindung aus, wie sie die „Star Trek“-Astronauten auf dem Holodeck des Raumschiffes Enterprise erleben. Weiterlesen