Und danach? Ist die Welt eine andere? Friedvollere? Gehen wir dann besser miteinander um? Glauben wir das wirklich? Sind die zweifelhaften Erwartungen nicht vor allem Ausdruck der Enttäuschung über das eigene Leben?
Es fällt mir heute nicht besonders schwer, mich von Putin zu distanzieren, doch wenn es logisch ist, dass seine Untaten größer werden, je länger sie andauern und somit der Krieg, zu dem nach wie vor mindestens zwei Gegner gehören, warum nehme ich ihn hin? Warum sind die dazu bereit, die ihn unmittelbar erleiden?
Letztes Weihnachten, risikobehaftet wegen der COVID-Pandemie, schenkte ich mir eine Eintrittskarte für das Bühnenstück „Mord im Orientexpress“. Der US-amerikanische Dramatiker und Regisseur Ken Ludwig hatte es nach dem in die Jahre gekommenen Kriminalroman von Agatha Christie für eine Broadway-Bühne geschrieben. Die deutsche Fassung hatte die Regisseuse und Schauspielerin Katharina Thalbach im Herbst für die „Komödie am Kurfürstendamm“ inszeniert.
Nach Putins Einmarsch sah ich das vergnügliche Kriminalstück vergangene Woche, und ohne dass etwas an der Inszenierung verändert worden wäre, spielte sich Erstaunliches ab. Kein gelb-blaues Fähnchen wurde, wie dieser Tage häufig an den unpassendsten Orten, geschwenkt oder in die Bühnenbilder gemogelt, aber der fragile Bühnenboden des Berliner Schillertheaters, aktuelle Ausweichspielstätte für das Ensemble vom Ku-Damm, erinnerte sich seines Namensgebers und dessen „Ode an die Freude“ und zeigte sich als „Bretter, die die Welt bedeuten“.
Lange sah es nicht danach aus und er ertug geduldig die Szenenfolge, doch es kam die Stelle, wo Agatha Christies Meisterdetektiv Hercules Poirot – von der Regisseuse selbst gegeben – den Mord an dem amerikanischen Geschäftsmann Samuel Ratchett als kollektiven Mord aufklärt. Aus der Not geboren. Mit legendärem Vorbild.
Der römische Staatsmann und Feldherr Gaius Iulius Caesar, der im Laufe seiner Karriere zum Monokraten und Tyrannen mutierte, wurde bekanntlich anno 44 vor unserer Zeitrechnung aus dem Leben befördert, indem ihn zwölf seiner Politkollegen gemeinsam niederstachen.
Im Orientexpress wird Samuel Ratchett, der in Wirklichkeit der berüchtigte Gangster Lanfranco Cassetti ist, der in den USA die dreijährige Tochter einer wohlhabenden Familie entführt, Lösegeld kassiert und sich nach Ewuropa abgesetzt hat, bringt es auf eine neunfache, in der Summe erfolgreiche Stichelei.
Als Poirot im grandiosen Finale das gemeinsame Reiseziel der tatbereiten Fahrgäste enthüllt, die sich, der korrupten heimischen Justiz misstrauend, zusammentun, den Kindermörder aufspüren und endlich Hand anlegen, wird es auf einmal mucksmäuschenstill im Theater.
Jede und jeder im Publikum versteht, dass in dem Moment die Welt draußen vor der Tür jetzt hier drinnen gezeigt wird und Lanfranco Cassettis Ende zu einer Metapher für eine Möglichkeit wird, den russischen Präsidenten, der seit dem 22. Februar mit seinem Befehl zum Einmarsch russischer Soldaten in die Ukraine, den er „Spezialoperation“ nennt, ein Völkerverbrecher ist, seiner Verantwortung zuzuführen.
Bis der Vorhang sich schließt, wird auf einmal mit jedem vorgegebenen Satz das verhandelt und ob und mit welchem Recht und mit welchen Folgen draußen vor der Tür eine solche Tat eine Untat bleibt, wie vernünftig oder unsinnig oder anmaßend oder verzweifelt die Argumente dafür oder dagegen auch sind. Kann unabhängig von den eigenen Positionen und Ambitionen je vernünftig sein, heute und morgen und weiter zu kämpfen, zu töten, zu sterben, solange unser Leben reicht?