WERDEGANG

Geboren bin ich 1949 im anhaltinischen Dessau, vier Jahre nach der verheerenden Zerstörung der Stadt kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Meine Mutter war damals Dreiundzwanzig und hatte eine kinderlose Kriegsehe hinter sich. Ich war ein Zwischenfall, bevor sie ihren Mann für’s Leben fand und mit ihm, kurz nach meinem ersten Geburtstag, über die „Grüne Grenze“ nach Nordrhein-Westfalen ging. Mich ließ sie bei ihren Eltern zurück. Sie sorgten dafür, dass ich die leiblichen Eltern nie vermisste.

Nach der achten Klasse durfte ich auf die Erweiterte Oberschule „Philanthropinum“. Dort kam ich nicht weit genug, um anschließend Astronomie studieren zu können. Ich ließ mich überreden, Lehrer zu werden, verweigerte aber, selbstbewusster inzwischen, den Schuldienst. In dieser Zeit entdeckte ich meie Liebe zur Sprache und bewarb mich mit Gedichten und Kurzprosa erfolgreich für ein Studium am Leipziger Literaturinstitut „Johannes R. Becher“.

Essays, fand man heraus, seien meine spezielle Begabung. Leben würde ich davon nicht können. In der „Deutschen Bücherei“ las ich die ersten Veröffentlichungen des „Club of Rome“. Sie prägten fortan meine Denk- und Lebensweise. Nach dem Institut wurde ich Dramaturg am Landestheater Eisenach. Dorthin zog ich, inzwischen verheiratet, im Jahr 1980.

Im Frühjahr 1989 kehrte ich mit Frau und Kind nach Leipzig zurück, wenige Monate vor dem Zusammenbruch der DDR, den ich hautnah erlebte. Der Verlag, in dem ich als Lektor für Reiseliteratur arbeitete, hatte im vergrößerten Deutschland nie eine wirkliche Chance. Seine Substanz wurde gefleddert und die Belegschaft zügig abgewickelt.

Die Leipziger Umlandgemeinde Mölkau stellte mich als Amtsleiter ein und bot ein knappes Jahrzehnt lang ein erfüllendes Betätigungsfeld. Im Jahr 2000 wurde sie im Zuge einer Gebietsreform Leipzig eingemeindet. Ich wurde „übernommen“ und hinter einen belanglosen Schreibtisch gesetzt. Belanglos wollte ich nicht werden. Sollte ich mich selbst entfernen? In eine umgepflügte Kulturlandschaft? In den „Westen“, zu dem der „Osten“ jetzt gehörte? Ich entschied mich für eine Revanche und startete inmitten der städtischen Bürokratie eine Sinnoffensive.

Mit Tastatur und Bildschirm reiste ich fast täglich stundenlang im World Wide Web, recherchierte und schrieb Essays, die ich jetzt schreiben musste. Das „Internet-Logbuch“ oder „Online-Tagebuch“ entdeckte ich als neue Form, Beobachtungen und Gedanken mitzuteilen. 2012 eröffnete ich meinen Blog, der, mehrmals umbenannt und umgestaltet, noch lange Start- und Landeplatz für meine Neugier bleiben möge und ein Labor, in dem ich – vergnügt, empört, betroffen – experimentiere und mich zeige.