Hervorgehoben

Wer oder was ist das Übel? Der Bundeskanzler? die Regierung? die Opposition? die Demokratie? das Wachstum? das Menschenwesen? seine Vielzahl? Das Wesentliche wird die Natur regulieren, das Momentane schaffen wir – uns ab?

Hervorgehoben

Eine Sackgasse beseitige ich nicht, wenn ich sie breiter mache. Allerdings passt dann viel mehr Aussichtsloses hinein.

Chapeau Morisot

Seit Langem begeistert mich impressionistische Malerei. Warum entdecke ich jetzt erst Berthe Morisot? Ihretwegen waren doch beim Anbeginn die Impressionisten kein reiner Männerclub. Mit Claude Monet, Camille Pissarro, Pierre-Auguste Renoir, Edgar Degas und Édouard Manet war Berthe Morisot ein Gründungsmitglied. „Fünf oder sechs Verrückte – unter ihnen eine Frau – eine Gruppe unglücklicher Geschöpfe“, schrieb 1876 ein Kritiker in einer Rezension.

Berthe Morisot (Fotografie um 1872)

Ging es um eine neue Stilrichtung in der Malerei oder um ein neues Weltbild? Sowohl die Möglichkeit, Ölfarben in verschließbaren Bleituben liefern zu können und die Erfindung der Fotografie hat die Malerei damals an die frische Luft gebracht und von da zu einem neuen Blick in die Welt. Jahrhundertelang gewohnte Seh- und Zeigensweisen wurden aufgeweitet. Der „Salon Paris“, eine 1667 von Ludwig dem XIV. initiierte Kunstausstellung, avancierte in den 1860er und 1870er Jahren zum Austragungsort des Affronts zwischen Licht- und Momentverliebten mit der akademischen Malerei.

Studie am Wasser“ (1864)

Berthe Morisot entstammt einer wohlhabenden Familie. Sie erhält Privatunterricht im Malen und Zeichnen und wird in den 1860er Jahren Schülerin von Camille Corot. Nicht zuletzt der Malweise wegen entwickelt sich allerdings eine enge Freundschaft mit dem Maler Édouard Manet. Der arrogante Spott im Wort „impressionistisch“ stachelt sie an. Getuschel, dass ihr nicht Talent sondern Geld, mit dem sie die Malergruppe unterstützt, die Eintrittskarte in den Club der Impressionisten verschafft hat, empört sie maßlos. „Ich glaube nicht“, schreibt sie, „dass es jemals einen Mann gegeben hat, der eine Frau als absolut gleichgestellt behandelt hat, aber das war alles, was ich immer verlangt habe, denn ich weiß, ich bin genauso gut wie die Männer.“

Der Hafen von Lorient“ (1869)

Für den Pariser Salon 1870 reicht sie zwei Gemälde ein. Davon gilt „Der Hafen von Lorient“ heute als ein Höhepunkt in ihrem frühen Schaffen. Die Tiefenwirkung erzielt sie „mit dynamisch strukturierten Oberflächen, die den Pinselstrich zeigen und durch das Nebeneinandersetzen gesättigter Farben“, schreibt Morisots Biografin Anne Higonnet.

Mutter und Schwester“ (1869/70)

Das Doppelporträt von der Mutter und ihrer Schwester Edma beginnt sie, als diese bis zur Geburt ihres ersten Kindes bei ihrer Familie bleibt. In der intimen häuslichen Szene verhüllt die Malerin die Schwangerschaft diskret mit einem weißen Morgenmantel. Bevor sie das Bild an den „Salon“ schickt, will sie die Meinung von Édouard Manet hören. Der hat erstaunlich viel daran auszusetzen. Morisots Mutter übermalt er gleich selbst.

Einmal dabei, war er nicht mehr aufzuhalten“, schreibt sie verletzt. „Nach dem Kleid nahm er sich den Busen vor, nach dem Busen den Kopf und schließlich auch den Hintergrund. Er riss einen Witz nach dem anderen, lachte wie ein Irrer, reichte mir die Palette, nahm sie mir wieder ab. Um fünf Uhr nachmittags hatten wir die beste Karikatur geschaffen, die es je zu sehen gab.“

Ihre Hoffnung, die Jury würde das Bild ablehnen, erfüllt sich nicht. Beide Bilder werden im „Salon“ gezeigt. Was für eine Schmach für die 29Jährige. Manets Bruder Eugène heiratet sie dennoch. Oder deswegen? Sehr wohl war ihr bewusst, wie heikel und selbstzerstörerisch es für eine Frau ist, gesellschaftliche Konventionen zu ignorieren und im Wesentlichen bei sich zu bleiben.

Berthe Morisot (die Dame ganz rechts) in einem Panoramabild von

Yadegar Asisi (2024). Der zweite Herr von links ist Vincent van Gogh

In die Bilder der Morisot sehe ich so gern ein, weil sie mir wie Inseln im Zeitgeschehen sind. Nicht um mich aus Wirrem und Irrem zu retten, doch ihre Malkunst gibt mir Halt und immer wieder Mut, wie manches Wortwerk und Musikstück.

im Vorschein des Endes

Als Vorschein des Endes‘ übersetzt der Historiker Bazon Brock das griechische ‚apokalypsis‘, das sich ausapo‘ (‚weg‘) und ‚kalyptein‘ (‚enthüllen‘) zusammensetzt. Für die Perser war die Apokalypse der Endkampf zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis. In der Zeit Alexanders des Großen kursierte der Gedanke, alles Leben auf der Erde könnte mit einem Mal vernichtet werden, zum Beispiel durch einen gigantischen Vulkanausbruch oder eine Sintflut. Im Judentum ist ‚Apokalypse‘ die Endzeiterwartung und in der christlichen Theologie das Gottesgericht mit dem Ende der Weltgeschichte. Weiterlesen

Prostata et cetera

Heute, am meteorologischen Frühlingsanfang, hat die Welt sich neu für mich aufgetan. Im Jahr 1985 ging es mir schon einmal so. Damals fuhr ich auf der Autobahn von Eisenach Richtung Erfurt und kam unterhalb der Hörselberge bei Tempo 85 von der Fahrbahn ab. Ich prallte gegen einen noch elastischen Baumstamm und mein Trabi überschlug sich und landete dahinter mit Totalschaden dachüber auf einer Wiese. Weiterlesen

Großvaters 122. Geburtstag

Heute vor 122 Jahren wurde mein Großvater geboren. Seit meinem zweiten Lebensjahr war er anstelle abhandener Eltern für mich da. Im gemeinsamen Schlafzimmer lauschte ich häufig seinem Atem und hielt den eigenen an, wenn seiner unregelmäßig wurde. Nach einer Lungenentzündung in jungen Jahren und einem Magengeschwür hatte ihm, wusste ich, ein Arzt gesagt, er dürfe froh sein, wenn er Fünfzig würde. Sechzig war er, als ich mich in Kindernächten in den Gedanken rettete, dass zum Glück die Omi noch da war. Ohne sie weiterleben wollte ich nicht. Ohne den Großvater ginge es zur Not.

Gut erinnere ich, dass er mich mitnahm oder mit hinzu, wenn er für Zuhause werkelte oder außer Haus zu verrichten oder zu erledigen hatte. Geduldig zeigte er mir Neues und ließ mir Zeit, vieles selbst zu versuchen und auszuprobieren. Dass ich akzeptierte, wenn er es eilig hatte, war nicht Gehorsam, sondern Vertrauen. Er gab mir sehr viel Sicherheit – vielleicht zu wenig Mut, mir selbst mehr zuzutrauen. Weiterlesen