Am 13. August 1961 war ich zwölf Jahre alt und wie jedes Jahr in den Großen Ferien mehrere Wochen zu Besuch bei Tante und Onkel in Oberschlema, das gebietspolitisch heute zur Stadt Aue gehört. Sie wohnten in der Bergstraße in einem dreigeschossigen Wohnblock für 12 Familien. Am Vormittag jenes Sonntags hielt ich mich mit meinem Cousin und anderen Kindern auf einer der Giebelseiten des Hauses auf, wo ein freier Platz zum Wäschetrocknen eingerichtet war. Hing keine Wäsche, durften wir dort spielen. Währenddessen werkelten mein Onkel und andere in ihren Schuppen, die ebenfalls an den Trockenplatz grenzten und auf der Bank an der Hauswand unterhielten sich Frauen. Weiterlesen
Archiv der Kategorie: ERLEBT
Jetzt vernetzte Zimmer kaufen!
Den Schriftzug ‚Jetzt vernetzte Zimmer kaufen‘ vor Augen, erwache ich früh am Morgen aus einem Traum. Sofort sind Zusammenhänge verschwunden. Vermutlich standen die vier Worte auf einem Plakat, doch ich weiß nicht mehr, ob es auf einer Demo getragen wurde oder an einer Hauswand hing oder in eine Bushaltestelle geklebt war oder zu einer Fernsehwerbung gehörte. Ich sehe nur noch schwarz auf weiß den Spruch vor mir und überlege, was er bedeuten könnte. Weiterlesen
„60. Biennale die Venezia“ 4
NOCHMAL IM ARSENAL
„Everything Precious Is Fragil“ ist die Botschaft der Künstler:innen Chloé Quenum (geb. 1983), Moufouli Bello (geb. 1987), Ishola Akpo (geb. 1983) und Romuald Hazoumé (geb. 1962) aus dem wesatafrikanischen Benin. „Alles Kostbare ist zerbrechlich“ berührt mit den Themen Sklavenhandel, Amazonen, Gèlèdé-Philosophie und Vodun-Religion ihren Lebensraum. Das öffentliche Fest „Gèlèdé“ feiert mit farbenfrohen Masken und rituellem Tanz die spirituelle Kraft der Mütter. Das Motiv der Amazonen erinnert an die militärische Rolle der Frauen im Königreich Dahomey. Die Vodun-Kosmologie dreht sich um Geister und Elemente des Göttlichen, die die Erde regieren. Weiterlesen
„60. Biennale di Venezia“ 3
IMPULSE
Den Gang durch Arsenal, die ehemalige Schiffswerft von Venedig, beginne ich in der Corderie. Erbaut im 14. Jahrhundert als Seilerei, beherbert das Gebäude nun den zweiten Teil der Hauptausstellung. Am Eingang empfängt mich der „Refugee Astronaut VIII“, eine Skulptur des Britsch-Nigerianers Yinka Shonibare (geb. 1962). Der Künstler selbst sieht sich als einen „postkolonialen Hybriden“. Der Weltraum ist für ihn, ähnlich der Perspektive von Yael Bartana im deutschen Pavillon, ein möglicher Zufluchtsort für die Menschheit. „Flüchtlingsastronaut VIII“ ist eine Schaufensterpuppe aus Fiberglas, schutzlos in wachsbedruckten Baumwollstoff gehüllt. In einem Netz schleppt er auf seinem Rücken recht irdische Utensilien. Wo will er damit hin? In den Weltraum? Nicht sein Ernst? Im Kunstraum ist er schon. Eben angekommen? Aus Absurdistan? Weiterlesen
„60. Biennale di Venezia“ 2
WELTBILDER – BILDERWELT
Auf der Biennale gibt es nicht nur den italienischen Beitrag, sondern auch einen der Stadt Venedig. Dafür überquere ich das Flüsschen Rio Dei Giardini und sehe unter der Überschrift „Inländischer Sextant“ Werke von Pietro Ruffo, Safet Zec und Vittorio Marella, ergänzt von Künstler:innen der „Akademie der Schönen Künste Venedig“. Zusammengehalten wird das von Versen des Dichters Franco Arminio (geb. 1960):
Wir brauchen / einen Ort: Er braucht / eine Hand, / ein Haus, ein Lächeln, / etwas, das wir zu einem Umkreis machen können // Weiterlesen