„documenta fifteen“ 4

VIELHEIT & GÄNZE

Lebenszeit an sich ist noch gar nichts wert. Das wird mir am letzten Tag von dem in Barcelona lebenden mexikanischen Künstler Erick Beltrán (geb. 1974) im Museum für Sepulkralkultur beigebracht. In seinem Projekt „Manifold“ („Mannigfaltigkeit“) geht er für die documenta fifteen gemeinsam mit Wissenschaftlern der Frage nach, was Macht ist. Warum ausgerechnet an diesem Ort? Die Antwort ist verblüffend: Weil die Diskrepanz zwischen unserem kurzen Dasein und dem ungeheuren Aufwand an Raum, Zeit und Materie, die es braucht, um ein Menschendasein hervorzubringen, nirgends klarer zutage käme. Weiterlesen

„documenta fifteen“ 3

STILLE KRÄFTE

In der Regierungszeit des Landgrafen Karl von Hessen entstand um 1700 in der Karlsaue ein Barockgarten mit Wasserbassins und fächerförmig angelegten Kanälen. Ende des 18. Jahrhunderts wurde daraus ein Landschaftsgarten im englischen Stil. Es blieben die barocken Sicht‐ und Bedeutungsachsen, an denen sich bis heute die Parkwandler erfreuen. Weiterlesen

„documenta fifteen“ 2

FRIDERICIANUM

In dem seit 1995 als Kulturbahnhof fungierenden Kasseler Hauptbahnhof sind in den Räumen der Bahnhofsmission Objekte und Skulpturen des US-amerikanischen Konzeptkünstlers und Politaktivisten Jimmie Durham (1940-2021) zu sehen. Im Mittelpunkt erforscht ein Video ein wildes Biotop, das aus den Ruinen einer Monokultur entstanden ist. In einem verlassenen Gewächshaus in Ligurien (in Nordwestitalien) verwandelt die Kletterpflanze Clematis vitalba bei Wassermangel und wachsender Hitze eine Rosenzucht in einen trockenen Dschungel, in ein Denkmal für ein verwildertes Ökosystem im Zustand allmählicher Erschöpfung. Die Ursache ist kein lokaler Zufall, sondern eine im Klimawandel enthaltene Lebensfeindlichkeit. Weiterlesen

„documenta fifteen“ 1

LUMBUNG

Worte wie ‚Zeitenwende‘, ‚Klimawandel oder ‚Perspektivwechsel‘ kommen jetzt häufiger vor.  Daraufhin notwendige Veränderungen in unserem Handelns und unseren Lebensweisen bleiben aus. Überall gibt es Willige und Mutige. Überall bleiben sie Minderheiten. Die Mehrzahl wird erst tätig, wenn es um Sein oder Nichtsein geht. Weiterlesen