… Thomas Rosenlöcher, der ein Freund hätte werden können, hätte ich mich mehr bemüht. Jetzt ist nur noch fiktives Reden möglich, denn du bist in Kreischa gestorben, nahe deiner Heimatstadt Dresden, „nach schwerer Krankheit“, wie Hörfunk und Presse vermelden.
Lösen sich mit dem Tod Gedanken und Gefühle auf, die einen Lebenslauf bestimmt haben? Wirken sie sich weiter aus in Hinterbliebenen und Hinterlassenem? Das mag plausibel klingen, aber ist es wünschenswert oder gar notwendig? Spektakulärer finde ich die Idee, etwas davon würde, elementaren Teilchen anhaftend, aus denen wir bestehen, im Sterben freigesetzt und wieder in die kosmische Weite finden und zwar, das wäre der Clou, nicht einfach nur dahin zurück, sondern anders, als sie sich in dir zusammenfanden. Spektakuläre Ideen waren deine Sache auch.
Drei Jahre lang, von 1976 bis 1979, hockten wir mit einem Häuflein Ausgesuchter, die die Absicht hatten, künftig zu leben, um zu schreiben, mehrmals wöchentlich in den Räumen des Leipziger Literaturinstituts „Johannes R. Becher“. Rascher als es sonst der Fall gewesen wäre, wurde dieses Häuflein durch das Biermann-Desaster ein besonderes.
Der DDR-Staat hatte im Herbst 1976 dem populären Barden und Staatsfeind nach einem gestatteten Auftritt im Westen die Wiedereinreise in die DDR verweigert und dadurch eine unerwartet heftige Reaktion vieler Künstler und Intellektueller des Landes hervorgerufen, die einige Historiker heute als signifikanten Beschleuniger zur sogenannten Wende hin ansehen.
Damals bewahrtest du deine Gedanken und Gefühle vorzugsweise und vorzüglich in Gedichten auf, scheinbar lapidar, doch genau gelesen und befühlt, erstaunlich präzise und mit einem zuweilen beängstigenden Ausmaß. Ein außergewöhnlichen Versverständnis war da am Werk und eine unbeirrte Sorgfalt, mit der du deine Ideen auch auf Prosatexte übertrugst.
Das braucht Zeit, die du dir nahmst und mich noch weitere drei Jahre auf deinen ersten Gedichtband warten ließt. 1982 erschien „Ich lag im Garten bei Kleinzschachwitz“. Eine Rezension ließ ich mir nicht nehmen, veröffentlicht in der damals populären Literaturzeitschrift „Temperamente. Blätter für junge Literatur“:
„Als Neugieriger stand ich am Zaun, sah prüfend hinüber, hinein in diese Kunst-Landschaft (hab meine Erfahrungen mit Fallgruben und lauernden oder bissig kläffenden Eigentumshütern) und wagte dann den Schritt durchs nur angelehnte Tor. Dürre Schrebergartengeometrie, betören oder betäuben oder schockieren wollende Duftarrangements, auch selbstgefällige Besitzanzeigen ließ die Außenansicht nicht erwarten; dennoch überrachte mich jenes ‚Grün von nie gesehenem Ausmaß‘. Aus der wohlerwogenen Abstimmung aller Einzelheiten zu einem gleichermaßen dichten wie durchdringlichen Ganzen schien es sich zu ergeben.
Gelassen empfing mich der Dichter, ‚den Ellenbogen aufgestützt‘ auf seinem runden Tisch, beiläufig ‚den Mittelpunkt der Welt‘ markierend. Er bat mich zu keinem Wortkohlmenü, ließ mich atmen und umgehen in seinem Universum, ganz wie es mir beliebte. So wurde ich vertraut mit seinen Dimensionen, die Stille heißen und Himmel und Licht.“
Das schrieb ich über dein ‚verdichtetes‘ GrundStück in der Weitling Straße 4, das Wissenlose schon wegen des Ortsnamens „Kleinzschachwitz“ für einen KleinGarten halten mochten. Zwar war es kein Wäldchen oder Park, doch mit einem ansehnlichen Baumbestand, keine 200 Meter entfernt von der Elbefähre hinüber zum Pillnitzer Schloss, in dem anno 1747 anlässlich einer sächsisch-bayerischen Doppelhochzeit das Gelegenheitsspiel „Die Hochzeit des Herkules und der Hebe“ einmalig aufgeführt wurde, komponiert und in Szene gesetzt von dem bedeutenden Opernkomponisten Christoph Willibald Gluck.
Zwietracht und Not sind zu Ende, / Reichen wir froh uns die Hände! / So sei es immerdar
So heißt es im Schlussquartett des ViererSpiels und nicht als unverbindliche Floskel, sondern nach sieben Jahren Krieg zwischen Bourbonen und Habsburgern im Herzen Europas ein eindringlicher Friedensappell an den versammelten Hofstaat und die bajuwarischen Gäste.
Von der seinerzeit berühmten italienischen Theatertruppe des Pietro Mingotti dargeboten, bekam ich 1987 die Gelegenheit, Glucks musikalisch-poetische Ermahnung mit dem Hallenser „teatro mobile“ – erstes und einziges freies Musiktheater der DDR – zu aktualisieren und die Hintergründe auf einer Internationalen Wissenschaftlichen Konferenz während der Dresdener Musikfestspiele vorzustellen.
An dem in wenigen Tagen bevorstehenden Osterfest werde ich wieder dein Gedicht „Ich bin der Hase mit den langen Ohren“ lesen:
He wie ich hetz meine Läufe trommeln die Erde / Wo anzukommen und wo ich ankomm / Sitzen im Klee schon die Igel und rufen Wir sind allhier / Daß ich Haken auf Haken schlag purzelbäumlings hangabschieß / Daß mein Herz tickt Daß sich meine Augen / Nicht zu verlieren die ferne Linie des Horizonts / Fast aus den Höhlen verlieren bei diesem Lauf hangauf jetzt / Niemals will ich (ich keuch) mich in den Acker legen / Wie mein Vorfahr bei Grimms (ich taumle von Furche zu Furche) / Bin nur ein Kopf von der mittleren Art aber mit Ehrgeiz gerüstet / Mit langen Ohren bestückt Wie fliegen die trefflichen Löffel / Da ich so wetz mich abäschre hoffend / Auch einst vom Wortkohl der Weisheit zu fressen.
Ich sollte in Tränen ausbrechen und die Fäuste ballen. Ich tue beides. Ich tue es meinetwegen und immer noch deinetwegen, der du – denn dein Lauf war kein Lauf gegen die Uhr sondern in ihr – jetzt doch im Acker liegst. Geschafft im Geschaffenen. Erledigt nie. Auferstanden demnächst im Irgendwo.
„Bewegung ist kein Allheilmittel, nicht nur der fraglos ursächliche Antrieb unseres Werdens, sie ist auch der rastlose Umtrieb unseres fragwürdigen Gewordenseins“, schrieb ich in der Rezension und zitierte dich:
Beweg dich, in deiner Wahrheit weißt du, / wie sehr du das brauchst, und auch ich / renne umher in den Räumen, / trachtend, daß ich sie ausfüll
So tröste ich mich. So tröstest du mich mit deinem WortWeitblick über bewegte Zeiten, in denen wir uns mehr und mehr zu Getriebenen deformieren, zu Flüchtenden und Strauchelnden und Stürzenden, für andere (Zeiten), in denen ein guter Dichter nicht mehr den besten gehalten werden muss, um im Gespräch zu bleiben. Vermutlich wäre dir auch das noch zuviel des Guten.