„documenta fifteen“ 1

LUMBUNG

Worte wie ‚Zeitenwende‘, ‚Klimawandel oder ‚Perspektivwechsel‘ kommen jetzt häufiger vor.  Daraufhin notwendige Veränderungen in unserem Handelns und unseren Lebensweisen bleiben aus. Überall gibt es Willige und Mutige. Überall bleiben sie Minderheiten. Die Mehrzahl wird erst tätig, wenn es um Sein oder Nichtsein geht.

Diesmal vorbei an der (Kunst)Marktmacht, haben die Verantwortlichen für die documenta fifteen dem globalen Süden für 100 Tage das Terrain überlassen. Im Februar 2019 haben sie die künstlerische Leitung ruangrupa aus dem indonesischen Jakarta anvertraut.

„Wir ernennen ruangrupa, weil sie nachweislich in der Lage sind, vielfältige Zielgruppen – auch solche, die über ein reines Kunstpublikum hinausgehen – anzusprechen und lokales Engagement und Beteiligung herauszufordern“, begründete die Findungskommission ihre einstimmige Wahl. „Wir sind gespannt, wie ruangrupa ein konkretes Projekt für und aus Kassel heraus entwickeln wird.“

ruangrupa in Kassel

ruangrupa besteht seit dem Jahr 2000. Übersetzt bedeutet ihr Name soviel wie ‚Raum der Kunst‘ oder ‚Raum-Form‘. Das Zauberwort darin ist ‚lumbung‘. So nennen indonesische Dorfgemeinschaften eine Reisscheune, in der sie ihre Ernten aufbewahren und verteilen. ruangrupa macht es zu eigen, weil es bedeutet, dass niemand für sich allein am Leben bleiben kann.

Ein zweites Zauberwort ist ‚Kollektiv‘. In der Kulturgeschichte des globalen Nordens wird es häufig mit ‚Team‘ gleichgesetzt. Korrekt ist das nicht. Das vom lateinischen ‚colligere‘ abgeleitete ‚Kollektiv‘ meint eine Verknüpfung, die tief ins Persönliche reicht und mehr hervorbringt, als eine Zweckgemeinschaft. Für ‚Kollektiv‘ erfindet Jean Paul Sartre den Begriff ‚gemeinsames Individuum‘. Es ist in der Lage, zu (er)schaffen, was die Summe der individuellen Möglichkeiten seiner Mitglieder übertrifft.

In den offiziellen Ausstellungsbereichen und im weiteren Stadtgebiet von Kassel präsentiert ruangrupa 14 ‚lumbung-member‘ (Kollektive, Organisationen und Institutionen, die die Idee und Praxis von ‚lumbung‘ entwickeln) und 53 lumbung-Künster:innen (Kollektive und Einzelne, die lumbung-Werte praktizieren). Sie zeigen Fertiges und werden meist auch vor Ort kreativ. Sie teilen sich vorhandene Ressourcen.

‚lumbung-member‘ und lumbung-Künstler:innen verbinden sich mit ‚majelis akbar‘. Das sind Zusammenkünfte, bei denen die Angelegenheiten der Kollektive und Künstler:innen besprochen werden. „Manchmal drehen sie sich im Kreis, und es werden keine Entscheidungen getroffen. Plötzlich erfolgt eine Entscheidung aus heiterem Himmel. Manchmal gibt es keine Entscheidung, doch man erlebt ein sehr gutes nongkrong oder Abendessen“.

Das indonesische ‚nongkrong‘ ist ein entspanntes Beisammensein und bedeutet ‚sich treffen‘ und ‚abhängen‘. „Bei nongkrong geht es nicht um Leistung oder Bestätigung. Es geht darum, Zeit miteinander zu verbringen und sich gegenseitig die eigenen Geschichten zu erzählen.“ So werden Perspektiven vermittelt, ohne sie aufzudrängen.

SKANDAL

Als Auftakt meiner vier Tage in Kassel habe ich mir eine Führung im Hübner-Areal ausgesucht. Das ist ein für die documenta fifteen neu erschlossenes Gelände im Stadtteil Bettenhausen. Dort wirtschaftete bis 2019 der in Kassel ansässige Global Player „Hübner GmbH & Co. KG“.

Das 1946 vom Namensgeber gegründete Handelsunternehmen unterhält seit 2017 Werkstätten mit insgesamt etwa 2400 Beschäftigten in Brasilien, China, den USA, Ungarn, Russland, Schweden, Italien, Frankreich, Indien, Großbritannien, Südafrika, Malaysia, der Türkei und Kolumbien. In diesen Dependancen werden Module und Fenstersysteme für Schienenfahrzeuge und Gelenkbusse oder Rampen und Lifte für Flughäfen oder Autoteile oder Medizintechnik gefertigt.

In einer der ehemaligen Werkhallen in Kassel kitzelt in der Frühe des Abends ein pensionierter Gymnasiallehrer für Kunsterziehung bei fünfzehn Leuten Neugier wach. Richtig vermutet er, dass alle schon von dem Skandal um Kunstwerke gehört und gelesen haben, denen antisemitische Propaganda unterstellt wird.

Tatsächlich geht es um zwei in Nazi-Manier karikierte Juden auf einem halben Quadratmeter eines 100 Quadratmeter großen Banners „People‘s Justice“ („Volksjustiz“), das auf dem Friedrichsplatz aufgestellt wird.

Geschaffen wurde es vor 20 Jahren von der Gruppe Taring Padi und danach mehrfach auch außerhalb Indonesiens gezeigt. Nirgend bisher lösten ein unter einem Hut mit SS-Runen Zigarre rauchender Mann mit roten Augen und vampirartigen Zähnen und ein Mossad-Soldat mit Atemmaske und einem Halstuch mit Davidstern Diskussionen aus wie im nazigebeutelten Deutschland. Weil wir hier so vorbelastet sind? Und jetzt so sensibel?

Das wäre ein gewichtiger Grund, sich weiter mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, mit dem im Dritten Reich praktizierten Völkermord an den Juden. Anstatt sich dessen zu besinnen, wird von den deutschen Massenmedien und sogenannten Kunstexperten über dieses Banner aber vor allem über diese Ausländer hergefallen, die es wagen, sich eines unserer Alleinstellungsmerkmale zu eigen zu machen.

Scheinbar geläutert bis zum Geht-nicht-mehr, scheinheilig dass mir übel wird, stellt die Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“ gleich die gesamte Kunstschau unter den Generalverdacht „massiver Judenfeindlichkeit“ und möchte sie gern „als antisemitische documenta der Schande in die Geschichte eingehen lassen“. Das greift die Kulturstaatsministerin, anstatt zu vermitteln und einen Diskurs zu beginnen, peinlich oberflächlich: „Die Menschenwürde, der Schutz gegen Antisemitismus wie auch gegen Rassismus und jede Form der Menschenfeindlichkeit sind die Grundlagen unseren Zusammenlebens, und hier findet auch die Kunstfreiheit ihre Grenzen“.

Überrumpelt und ohne zu verstehen wofür, entschuldigt Taring Padi sich umgehend: Als Kollektiv von Künstler:innen, die Rassismus jeglicher Art verurteilen, sind wir schockiert und traurig über die mediale Berichterstattung, die uns als antisemitisch bezeichnet. Mit Nachdruck möchten wir unseren Respekt für alle Menschen bekräftigen, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit, Race, Religion, Gender oder ihrer Sexualität. Die von uns verwendete Bildsprache ist nicht aus Hass gegen eine bestimmte ethnische oder religiöse Gruppe entstanden, sondern als Kritik an Militarismus und staatlicher Gewalt.“

„Wenn man es schon zeigt, hätte man es erklären müssen. Hätte man es einordnen müssen. Hätte man sagen müssen, was es im Jahr 2022 noch sagen soll und will. Das ist nicht geschehen“, sagt der deutsche Journalist Peter-Matthias Gaede und fragt: „Aber reicht das, eine gesamte documenta so reflexhaft unter Generalverdacht zu stellen? Reicht das für die lärmenden Headlines?“

In der Heimat von Taring Padi putschte sich 1965 der Armeeoffizier Suharto an die Macht und befahl den nach dem Genozid Hitlers an den Juden zweitgrößten Genozid des 20. Jahrhunderts. Während seiner Herrschaft galt er als der korrupteste Diktator der Welt. Ungeachtet dessen wurde er im Kalten Krieg bei seinem Kampf gegen den Kommunismus von den Westmächten unterstützt. Bis heute ist nicht aufgearbeitet, dass die BRD 1965 und 1966 den Genozid Suhartos guthieß und sehr wahrscheinlich finanziell unterstützt hat. Eine Barzahlung in Höhe von 1,2 Millionen D-Mark ist „hauptsächlich für Sonderaktionen gegen KP-Funktionäre und zur Durchführung von gesteuerten Demonstrationen“ verwendet worden, steht in immer noch geheimen Akten des BND.

Eine halbe bis drei Millionen sogenannte Kommunisten und ihre Familien wurden in solchen Sonderaktionen umgebracht. BND-intern wird am 03. November 1965 mit dem Betreff „Föhrenwald“ über „ein regelrechtes Abschlachten von Kommunisten“ berichtet. 1998, als Suhartos Diktatur endet, gründet sich Taring Padi und nutzt seither Agitprop-Ästhetik, Karikaturen, politische Zeichnungen und Banner, um in der Heimat demokratische Reformen zu unterstützen.

Warum verlangt der deutsche Bundespräsident in seiner Rede zur documenta fifteen nicht die Veröffentlichung der BND-Akten und spricht stattdessen Künstler:innen auf politischem Gelände die Kunstfreiheit ab?

Von Ersatzreinigung spricht Gaede: „Wir waren die Täter, wir haben den Holocaust zu verantworten. Allein 2021 sind etwa 2700 antisemitische Vorfälle in Deutschland zu vermelden gewesen. Das sollte schwer auf uns lasten. Aber statt sich damit auseinanderzusetzen, hat man an der documenta so eine Art Ersatzreinigung vorgenommen. Das war einfacher und kostet nicht so viel.“

Das ist ein Skandal.

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