„59. Biennale di Venezia“ 5

ZEITEN WENDEN

Dicht daneben wartet eine Menschenschlange auf Einlass in den Pavillon des Gastgeberlandes Italien. Sie reißt nicht ab, weil zwar kein großer Andrang herrscht aber aller 20 Sekunden immer nur eine Person in das Gebäude darf. Auf diese Weise das Innere des ehemaligen Werftgebäudes zunächst für sich allein aufnehmen zu müssen, hat seinen Sinn. Durch niemanden abgelenkt, komme ich nicht in Versuchung, das Konzept des Italieners Gian Maria Tosatti (1980) als banal abzutun. Es zeigt Aufstieg und Fall der Industrienation Italien von 1960 bis heute. Weiterlesen

„59. Biennale di Venezia“ 6

DIVERSITÄT

Am dritten Tag sehe ich Länderbeiträge im Stadtgebiet an, beginne allerdings mit einer Exkursion zu Banksy, den niemand eingeladen hat. An Kunstkennern wird das nicht liegen, wohl eher am Kunstmarkt, den der Außenseiter mit scharfsinnigen Provokationen immer wieder attackiert und bloßstellt, einen Markt, auf dem es nicht anders zugeht, als auf Güter- und Geldmärkten. Umsätze und Renditen bestimmen das Geschehen und keine Inhalte und Lebensnotwendigkeiten. Weiterlesen

„59. Biennale die Venezia“ 7

HARVEST

Die documenta fifteen in Kassel vertraute sich, zum erste Mal in ihrer Geschichte, dem globalen Süden an. So wurde bekannt, wie sich mit kollektiver Kreativität anders leben lässt, als im heute übermächtigen Kapitalismus. Die 59. Biennale di Venezia schuf der weiblichen Kreativität eine große Bühne und rückte die in männlichen Hierarchien ruhiggestellte Frauen- und LGBTQ-Power in den Mittelpunkt. Weiterlesen

„documenta fifteen“ 9

UPDATE 2023

Die Zumutungen der documenta fifteen liegen mehr als ein Jahr zurück. Sie waren so eindrucksvoll, dass ich anders heimfuhr, als ich angereist war. In erschütternden Zeiten bekam ich mit lumbung wieder Lust auf Zukunft. In meinem Resümee zitierte ich aus dem „Handbuch“ zur Kunstschau: „Idealerweise kann lumbung ein Modell sein, das viele Menschen besitzen, anpassen, entwickeln und benutzen können.“ Weiterlesen

Lass uns wundern gehen

Gestern hast du mich zum gemeinsamen wundern eingeladen. Auf dem Weg ins Leipziger Lukas-Café am Augustusplatz, wo wir in einem Atrium bei einem Kaffee, so lange wir wollen, ununterbrochen plaudern können. Ich stelle mir vor, dass es nicht nur um erstaunen gehen wird, sondern um Wunder tun, wie es die Menschen – in Phantasie und Verzweiflung – seit eh und je Zauberern, Heilern oder Heiligen zumuten.

„Ist das nicht ein schöner Vorausgedanke in Zeiten, wo so vieles scheitert“, werde ich sagen und: „Lass uns die Müdigkeit und Zauderlast abstreifen und ‚umherwundern‘, so wie wir es in Gegenden, Gedanken und Gefühlen tun, um zu entdecken, dass wir uns, weil wir das tun, verändern“.

„Wenn das so einfach wäre“, wirst du sagen und ein wenig seufzen und: „Wäre es dann noch ein Wunder?“ Oder: „Dann lass uns die bewundern, die sich aus den Grenzen lösen, die sie selbst errichtet und aus Gespinsten, in denen sie sich verfangen haben.“

Sich lösen aus all dem, das sie bislang für möglich und notwendig hielten, um sich – aus sich selbst heraus? – aufzuschwingen in Sichtbarkeit, als wären sie auf einmal Verbündete des Lichts. Als wäre das Leben ein Vergnügen.

„Wer bietet dafür endlich Aus- und Weiterbildung an, Kurse zum Kurswechsel“, wirst du fragen …