„documenta fifteen“ 8

UPDATE 2023

Die Zumutungen der documenta fifteen liegen mehr als ein Jahr zurück. Sie waren so eindrucksvoll, dass ich anders heimfuhr, als ich angereist war. In erschütternden Zeiten bekam ich mit lumbung wieder Lust auf Zukunft. In meinem Resümee zitierte ich aus dem „Handbuch“ zur Kunstschau: „Idealerweise kann lumbung ein Modell sein, das viele Menschen besitzen, anpassen, entwickeln und benutzen können.“

In Indonesien ist lumbung das volkssprachliche Wort für eine Reisscheune, in der eine Dorfgemeinschaft ihre Ernten aufbewahrt, verwaltet und verteilt. Das indonesische Kollektiv  ruangrupa, dem eine Findungskomission 2019 die künstlerische Leitung der documenta fifteen übertrug, machte lumbung zum Inbegriff für die Erfahrung, dass niemand allein für sich gut und zufrieden leben kann.

Im „Handbuch“ steht auch, dass „der schwierigste Aspekt bei der Erzeugung von lumbung der Aufbau von Vertrauen und Affinitäten ist“.

Nach drei intensiven Tagen kam ich zu dem Schluss, dass das Narrativ des globalen Nordens vom notwendigen WirtschaftsWachstum auserzählt ist und die Zeit bis zur nächsten documenta ausreichen sollte, die Wogen nachhaltig zu glätten und den medial inszenierten Skandal um zwei aus dem Kontext gerissene antisemitische Karikaturen soweit zu versachlichen, dass an das Wesentliche der documenta fifteen angeknüpft werden kann.

Das wird wohl kaum noch geschehen.

Am 3. November trat die israelische Künstlerin, Philosophin und Psychoanalytikerin Bracha Lichtenberg Ettinger aus der sechsköpfigen Findungskommission für die nächste documenta zurück, weil sie sich vergeblich bemüht hatte, die ‚höheren Ortes‘ erwartete Entscheidung der Gruppe angesichts der aktuellen Situation im Nahen Osten zu verschieben.

Am 12. November schied der indische Schriftsteller, Kunst-Kurator und Kulturjournalist Ranjit Hoskote aus, als sich ‚besorgte‘ Journalist:innen, die sich schon 2022 so aufopferungsvoll um den Skandal auf der documenta fifteen gekümmert hatten, seiner Unterzeichnung einer Petition erinnerten, die 2019 wegen eines fortwährend schlechten Umgangs Israels mit den Palästinensern zum Boykott israelischer Produkte aufgerief.

Gestern, am 16. November, erklärten der von kamerunischen Eltern in der Schweiz geborene Schriftsteller, Essayist, Kunstkritiker und Spezialist für afrikanische zeitgenössische Kunst und Fotografie Simon Njami, die chinesische Künstlerin, Kuratorin und seit 2013 Direktorin der Power Station of Art in Shanghai Gong Yan, die österreichische Kuratorin Kathrin Rhomberg, die unter anderem den Kölnischen Kunstverein und die Secession in Wien leitet und 2010 die 6. Berlin Biennale verantwortete und die kolumbianische Kuratorin María Inés Rodríguez, die in São Paulo und Paris lebt und arbeitet und seit 2018 Curator-At-Large für moderne und zeitgenössische Kunst am Museu de Arte de São Paulo ist, dem Geschäftsführer der Documenta und Museum Fridericianum gGmbH Andreas Hoffmann ihren Rücktritt:

„Wir, die verbleibenden Mitglieder des Findungsausschusses nach dem kürzlichen Rücktritt unserer geschätzten Kollegen Bracha Lichtenberg Ettinger und Ranjit Hoskote, geben hiermit unseren kollektiven Rücktritt von dieser ehrenvollen Aufgabe bekannt. Seien Sie versichert, dass wir diesen Schritt nicht leichtfertig gemacht haben und dass wir ihn sehr schweren Herzens tun. […]

Damit Kunst den komplexen kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Realitäten unserer Gegenwart Rechnung tragen kann, braucht sie entsprechende Rahmenbedingungen, die ihre vielfältigen Perspektiven, Wahrnehmungen und Diskurse ermöglichen.

Die Dynamik der letzten Tage mit ihrer unangefochtenen medialen und öffentlichen Diskreditierung unseres Kollegen Ranjit Hoskote, die ihn zum Austritt aus der Findungskommission zwang, lässt uns sehr zweifeln, ob diese Voraussetzung für eine kommende Ausgabe der documenta in Deutschland derzeit gegeben ist. Kunst erfordert eine kritische und multi-perspektivische Auseinandersetzung mit ihren vielfältigen Formen und Inhalten, um ihre transformative Kraft entfalten zu können. Kategorische, einseitige Reduzierungen und Vereinfachungen komplexer Zusammenhänge drohen eine solche Auseinandersetzung im Keim zu ersticken. […]

Wir verstehen, dass Deutschland angesichts seiner Vergangenheit besondere gesellschaftliche und politische Verantwortung trägt. […] Gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr, dass dieses Bewusstsein für besondere Verantwortung meinungspolitisch missbraucht wird, um unerwünschte Ansätze und deren breite und offene Diskussion von vornherein zu unterdrücken. Anstelle von Debatten und Diskussionen treten daher allzu leicht Vereinfachungen und Vorurteile.“

Mit Mühe ließe sich das von der Kulturstaatsministerin, eine der führenden Vereinfacher:innen komplexer Zusammenhänge, die sich vergangenes Jahr in dieser Sache unbedacht weit aus dem Fenster lehnte, vielleicht noch in einen Kollateralschaden umwandeln. Dagegen spricht allerdings der klarsichtige Schluss des Schreibens:

„Unter den gegenwärtigen Umständen glauben wir nicht, dass es in Deutschland einen Raum für einen offenen Gedankenaustausch und die Entwicklung komplexer und differenzierter künstlerischer Ansätze gibt, die documenta-Künstler und Kuratoren verdienen. Wir glauben nicht, dass kurzfristig akzeptable Bedingungen geschaffen werden können und halten es für respektlos gegenüber dem Erbe der documenta, einfach mit der aktuellen Situation zufrieden zu sein.“

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