Kürzlich wurde mitten in Leipzig mit großem Bohei ein neuer Konsumtempel geweiht. „Höfe am Brühl“ ist der Name der rund 240 Millionen Euro teuren Shopping-Mall, die sich nun amortisieren muss. 115 000 Konsumenten ließen sich am Eröffnungstag anlocken, 500 000 in den ersten sechs Tagen. „Wir haben mit den Höfen offenbar den Geschmack der breiten Öffentlichkeit getroffen“, wird der Centermanager in der regionalen Presse zitiert. Viele der rund 120 Geschäfte seien von den Kunden regelrecht überrannt worden, heißt es. Der Umsatz wird verschwiegen. Woher soll er auch kommen, wenn die Finanzkraft der euphorisierten Menge nicht mithalten kann? Weiterlesen
Archiv der Kategorie: ERLEBT
„Randland“
„Randland“ ist der Titel eines kaum beachteten Dokumentarfilms, der am 30. Oktober beim 55. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm Weltpremiere hatte. In Spielfilmlänge zeigt das Team um die Regisseure Leopold Grün und Dirk Uhlig eine Dorfgemeinschaft im Mecklenburgischen, die aufgehört hat, an den Kapitalismus zu glauben. An seine Stelle setzt sie einen „elementaren Kommunismus“ als „Rohstoff des Zusammenlebens“, so gesehen von dem US-amerikanischen Ethnologen und Mitinitiator der Occupy-Bewegung David Graeber. Weiterlesen
„dOCUMENTA (13)“ 2
Der Shuttle-Bus fährt die Frankfurter Straße hinunter ins Fuldatal und dort zwischen Fluss und Karlsaue den Auedamm entlang bis zur überdimensionalen blauen Spitzhacke von Claes Oldenburg, die seit der documenta 7 in der Uferböschung steckt. Wieder hinauf und am Theater vorbei, fahre ich bis zum Steinweg, esse eine asiatische Nudelportion, lauwarm, weil der Imbiss einen Stromausfall hat und beginne einen zweiten Rundgang. Die Wartenden vor dem Fridericianum schlängeln sich immer noch gute einhundert Meter zwischen Kapitalismus-Gegnern und Sonnenanbetern. Hinter mir schwäbelt es. Minutenlang wird allen Ernstes die Aussprache des Gebäudenamens beratschlagt und „Frideritschianum“ in die engere Wahl genommen. Weiterlesen
„dOCUMENTA (13)“ 1
Zehn Meter lang ist die Warteschlange vor der documenta-Kasse am Bahnhof. Viertel vor Zehn reihe ich mich ein. An den vergangenen Samstagen, höre ich, sei es ähnlich gewesen. Nicht nur hier, wird sich herausstellen, werde ich warten müssen. In zwei Wochen schließt die Kunstschau. Den letzten beißen die Hunde, den Vorletzten zwicken sie nur, denke ich. Weiterlesen
Fluchtversuch?
Ich war Zwanzig, als ich am 21. Juli 1969 in der Morgendämmerung in der Zwickauer Wohnung der Großeltern vor dem Fernseher saß und auf dem grieseligen Fernsehbildschirm den ersten Schritt eines Menschen auf dem Mond folgte. Bis heute kann ich diese Momente noch nachempfinden. Über die irdischen Grenzen hinweg verspürte ich kosmische Weite und teilte sie wenig später in einem Gedicht mit einer Dresdener Brieffreundin, die Helga hieß. Die erste Strophe hieß: „einen stern für dich / will ich finden, der / uns wahrheit offenbart / lügen lügen straft / ohne zu entzwein / und uns aufbewahrt“. Weiterlesen