Wann ist ein Fußballspiel gut? Wenn es spannend ist? Wenn die Zuschauer ausflippen? Wenn die bessere Mannschaft gewinnt? Oder der Außenseiter? In meinem biografischen Essay „Hauptsache Fußball“ schreibe ich, warum diese Sportart so gut wie keine andere menschliches Wirken und die Gesellschaft besser veranschaulicht als Politikerreden und die Analysen von Soziologen und Historikern. Weiterlesen
Archiv der Kategorie: KREATIVES
„da Sta“
Ein Ereignis, lese ich, ist der Übergang von einem Zustand in einen anderen. Ein Ereignis war heute die Lesung der 39jährigen Natascha Gangl zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur, die mich kaum noch interessieren. Zufällig hatte ich den Fernseher und den Sender 3sat eingeschaltet, zufällig auf einmal, live aus dem fernen Klagenfurt, ihr Gesicht vor Augen, aus dem ein Text sprach, der sofort meine Aufmerksamkeit fokussierte. In seiner Eigenart rief er gleichzeitig Erinnerungen an die Anfänge der vor 49 Jahren erstmaligen Veranstaltung hervor, bei der, verbunden mit einem literarischen Wettbewerb alljährlich der Ingeborg-Bachmann-Preis für vielversprechendes Geschriebene verliehen wird. Experten spüren es seither auf und geben den Autorinnen und Autoren, ganz im Geist der Namensgeberin des Preises, eine Bühne. Weiterlesen
Christo in Berlin
Im Juni 1995, zu Christos Lebzeiten, fuhr ich eines Nachts im Auto nach Berlin, um im Sonnenaufgang den in jenen Tagen von ihm und seiner Frau Jeanne-Claude verhüllten Reichstag zu erleben. Der Journalist Hanno Rauterberg nennt das Ereignis heute eine „schöne, funkelnde Vermessenheit“, mit der Christo „die Macht des Faktischen“ überwunden habe „und allen vor Augen führte, was Kunst und Demokratie unbedingt brauchen: ein Denken, das über sich selbst hinausweist“. Klingt gut, ist aber so weit an des Pudels Kern vorbei wie die naive Absicht, den Planeten retten zu müssen. In uns steckt er nämlich drin, dieser Kern und nicht im Irgendwo um uns herum . Um unsere Rettung geht es und was wir dafür tun können: so leben, dass wir bleiben. Um nicht mehr. Um nicht weniger. Weiterlesen
Ranftl
‚Ranftl‘ wurden in meiner Kindheit die Brotenden genannt. Auf sie war ich aus, soweit ich zurückdenken kann. Besonders gern mochte ich sie, wenn sie schön dick mit Schmalz bestrichen und gesalzen waren. Schmalz gewann die Großmutter aus Schmer, dem Bauchfett von Schweinen, das sie beim Fleischer kaufte und zu Hause in einer gusseisernen Pfanne ausließ. Brot wurde beim Bäcker gekauft. Als ich ungefähr Zehn war, war das häufig eine meiner Hausaufgaben. Der Brotlaib wurde zunächst geteilt und dann von der Mitte her abgeschnitten. Da war das Ranftl noch unsichtbar, doch Scheibe für Scheibe rückte es näher. War es aussichtsreich, meldete ich Bedarf an. Ich musste nicht befürchten, dass ich es nicht bekam, aber es war wie ein Ritual, das den Beteiligten gefiel. Weiterlesen
Chapeau Morisot
So lange schon begeistert mich der Impressionismus in der Malerei, aber warum entdecke ich erst jetzt die hochbegabte, blitzgescheite Berthe Morisot in diesem Kosmos? Weil ich auch dorthin – wie auf viele und vieles andere – zu lange oberflächlich blickte. Doch gerade ihretwegen war die in den 1860er Jahren entstandene … Stilrichtung … in der bildenden Kunst von Anbeginn kein Männerclub. Mit Claude Monet, Camille Pissarro, Pierre-Auguste Renoir, Edgar Degas, Édouard Manet und anderen war Berthe Morisot sozusagen Gründungsmitglied. „Fünf oder sechs Verrückte – unter ihnen eine Frau – eine Gruppe unglücklicher Geschöpfe“, schreibt ein sarkastischer Kritiker 1876 in einer Rezension.
