MENSCHLICHES

Mit jedem Krieg wird das Menschliche fortgeschrieben. Das ist insofern ent-täuschend, als es nicht weiter das vor-täuscht, was wir in guten Momenten (in denen es uns vor allem selbst gut geht) für menschlich halten, sondern was der Wirklichkeit, die wir seit Menschengedenken erleben, nahe kommt.

Ich lebe wie auf einem guten alten Bauernhof. Dort wird sich zuerst um die Tiere gekümmert. In meinem Leipziger Oberstübchen ist das mein Körper. Jeden Morgen versorge ich ihn wechselweise mit Gymnastik und Fitnessläufen, siebenmal die Woche (ausgenommen Reisen, Termine, Regen und Kälte). Danach kommt mein Oberstübchen an die Reihe: die Beschäftigung mit der Welt und dem menschlichen Dilemma, das ich nicht auflösen kann: die Unfähigkeit, meine besondere Gabe der Erkenntnis in ein Handeln umzuwandeln, das möglichst viel und vielen Zeit eröffnet. Womit ich mich im Resultat durch nichts aus anderen Lebensformen heraushebe.

LANGE WEILE

Lange Weile ist lange Zeit. Ist lange lange Zeit. Im schlimmsten Falle Ewigkeit. Kann sie, wenn sie ewig ist, noch sich langweilen?

Soll ich die Wahrheit sagen, wenn ich gefragt werde, ob es mir gut geht? Ist diese Frage eine Zumutung? Eine Nötigung gar, wenn es mir tatsächlich nicht gut geht? Meist ist sie ja Auftakt für einen gewünschten Smalltalk. Dann ist es ganz einfach. Ist mir eine oberflächliche Konversation in dem Moment recht, brauche ich nur zu schwindeln. Wenn nicht, reicht die Wahrheit aus, und mein Gegenüber wird wahrscheinlich gleich wieder Abstand von mir nehmen. Ein Problem habe ich allerdings, wenn ich aus Empathie gefragt werde und ehrlich sein oder nichts erklären will. Ein Problem mit mir.

„Der Imperativ der Evolution ist nicht: ‚Bau dir deine Welt so, dass sie mit der Realität im Einklang steht!‘, sondern: ‚Bau dir deine Welt so, dass du damit deine Überlebens- und Reproduktionschancen maximierst!‘“

Philipp Sterzer (geb. 1970) in „Die Illusion der Vernunft. Warum wir von unseren Überzeugungen nicht zu überzeugt sein sollten“