Risch

850 Jahre alt ist der Ort Risch im Schweizer Kanton Zug. 20 Kilometer von Luzern entfernt, hat er seit 2012 mehr als 10 000 Einwohner. ‚Städter‘ dürften sie sich deswegen nennen, möchten aber weiter lieber in einer ‚Gemeinde‘ leben und auch den Zusammenschluss mit der benachbarten Kleinstadt Rotkreuz nicht, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts kontinuierlich erweitert hat und seit Ende des letzten ein wichtiger Pharma-Standort ist.

Am 21. Juni 2021 Jahres entlud sich über der Gemeinde eine Gewitterzelle und verursachte „erheblichen Sachschaden“. 110 Einsätze fuhr die Feuerwehr. Das Dach des Gemeindezentrums wurde von Windböen heruntergerissen, das Freibad verwüstet und im Ortsteil Buonas litt der Baumbestand an der Seeuferpromenade. Seitdem gehört Risch zu den extremwettergeschädigten Orten der Alpenrepublik.

Personen kamen nicht zu Schaden, und die Bestandsaufnahme erschien den Einheimischen bald als Glück im Unglück. Nicht so zwei von ihnen, deren Geschichte mir eine Bekannte erzählte.

Die beiden, ein alterndes Ehepaar, waren vor zwei Jahrzehnten nach Risch gezogen, in ein hübsches Haus, umgeben von einem großen Garten, dessen Prachtstück, unweit der Haustür aufragend, ein stattlicher Nussbaum war. Dort lebten sie sehr zufrieden und im Reinen mit sich und der Welt, bis in der Unwetternacht nie für möglich gehaltene Wassermassen stundenlang das Grundstück fluteten und den Nussbaum niederrissen. Das Haus beschädigte er beim Fallen nicht. Die erste Erleichterung darüber schwand allerdings schnell, weil beide schnell begriffen, dass kein noch so raffinierter, kein noch so kostspieliger künstlicher Sonnenschutz ihn ersetzen konnte. Nichts würde ihnen im Sommer je wieder den luftigen Schatten zugefächeln wie die Nussbaumkrone. Jahrzehnte, bis ein neuer Baum gewachsen und dazu in der Lage war, hatten sie nicht mehr.

Als nächstes bemerkten sie den Einfluss, den der Baum, weit über seine Schattenspende hinaus, auf ihre Leben hatte. Behutsam und stetig, spürten sie, hatte sie seine Anwesenheit durchdrungen und verbunden. Tatsächlich war es das Fehlen dieser Wirkung, das sie spürten. Als er noch dastand, wären sie nie auf die Idee gekommen, ihr verständnisvolles Beieinander anders als aus sich selbst und ihrer Lebensklugheit zu erklären. Jetzt fühlten sie eine von Tag zu Tag größere Unsicherheit in sich und miteinander, wenn sie im Haus und im Garten umgingen.

Schließlich, da war es schon früher Herbst, ergriff sie eine tiefe Ratlosigkeit. Die täglichen Gänge durch den Garten wurden umständlicher und länger. Bald schien ihnen, dass sie einander auswichen, denn immer seltener kreuzten sich ihre Wege. Geschah es aber, kam kaum noch Freude auf. Ihre Entdeckung, dass nach und nach das Grünen und Blühen in den Garten zurückfand, als wolle es – ihnen zuliebe? – den Winter aufhalten, brachte sie einander nicht wieder näher. Hatte auch das mit ihm, der immer noch so lag, wie er in jener Nacht gefallen war, zu tun? Und ihnen jetzt – so musste es sein! Er musste es sein! – die Zuversicht entzog. Wieder täuschten sie sich, denn entzogen hatte er ihnen nichts. Er hatte ihnen Zuversicht gegeben, sie aber hatten sie verloren, seit ihm das nicht mehr möglich war.

Bis sie ahnten und mit jedem weiteren Tag sicherer wurden, worauf das hinauslief. Zunehmend verwirrten sich die Gänge durch die Gegend, die ihnen immer öfter fremd vorkam. Zunächst erklärten sie sich das mit dem vorübergehenden Verlassen des Grundstücks, das ihnen wohl entging, weil die Unwetterflut auch Teile der Umzäunung fortgerissen hatte. Dann wussten sie es besser und wohin sie das führen würde. Nirgendwohin mehr. Nur fort.