Zaubersprüche

Zaubersprüche sollen Wunder wirken. Besondere Worte oder Wortfolgen, häufig in Verbindung mit seltsamen Bewegungen, Substanzen, ausgesuchten Orten, Zeitpunkten oder kosmischen Konstellationen, sollen die Wirklichkeit, die wir wahrnehmen in einer Art und Weise verändern, die wir uns wünschen.

Mit unserer Sprache wollen wir Areale und Territorien des Wunderbaren schaffen. Poesie nennen Lyriker das. „Zaubersprüche“ heißt eine Sammlung von Gedichten der Lyrikerin Sarah Kirsch, in der ich hin und wieder lese.

Allerdings können die Wunder, die sich Zaubersprüchen verdanken, auch schrecklich sein, können Verheerungen in uns und in unserer Umgebung bewirken, können unser Wesen verändern, uns gar in andere Wesen verwandeln, können Menschliches entfernen oder verrätseln oder installieren.

Besteht das Wesentliche eines Zauberspruchs vielleicht darin, dass er unserer Erfahrung widerspricht, die nämlich ist, dass nichts, was wir gern hätten oder jemandem tun wollen, geschieht, wenn wir es nicht tun. Dass also, was wir auch denken, reden, schreiben mögen, allein durch Tun in die Wirklichkeit kommt. Dann aber, wenn wir sie betun, ist sie häufig ganz anders. Warum? Warum auch immer, wir nehmen das ungern hin. Wir denken uns lieber Neues aus, erzählen es, sprechen es einander zu: Weil es schön ist, an Wundern zu wirken.

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