anders lernen

Der englische Schriftsteller William Godwin, der als Begründer des philosophischen Anarchismus gilt, kritisiert Autorität, politische Macht und die Legitimität von Regierungen. Er war von der Notwendigkeit überzeugt, ein System, das sich in Bildungs- und Erziehungsanstalten manifestiert, einzuschränken: „Sie mögen zur Zeit ihrer Etablierung die Verwirklichung der allergrößten Wohltaten nach sich gezogen haben“, schrieb er 1793 in seinem Hauptwerk „Untersuchung über die politische Gerechtigkeit und ihren Einfluss auf die moderne Moral und die Sitten“ und weiter: „Je länger sie dauern, desto nutzloser müssen sie unvermeidlich werden. Dabei ist, sie als nutzlos zu bezeichnen, noch ein sehr schwacher Ausdruck für ihre Mängel. Sie wirken aktiv auf eine Unterdrückung der Gedankenflüge hin und fixieren den Geist in seinem Glauben an die Irrtümer vergangener Zeiten.“

Godwin hatte die blutige Radikaldemokratie der ersten französischen Revolution und Jean-Jacques Rousseau‘s Staatsphilosophie vor Augen, die eine komplette Unterordnung des Einzelnen unter den Staatswillen verlangt. „Die Ansichten, die Regierungsbeauftragte als Initiatoren eines Erziehungssystems vertreten, werden sicherlich denen analog sein, die sie in ihrer politischen Funktion bejahen“, sah er voraus. „Die Daten, auf die sie ihr Verhalten als Staatsmänner stützen, werden auch die Daten sein, auf denen sie ihr Erziehungssystem gründen.“

Was hätten Politiker auch für ein Interesse, das Staatsvolk über die Reproduktion seiner Verhältnisse hinauswachsen zu lassen und zum Beispiel auf die Idee eines Gemeinwohls zu kommen, um das sie, die Politiker, sich dann auch noch kümmern müssten? Wenn es um Bildung geht, kümmern Politiker sich lieber darum, dass sie ihre Macht absichert.

Godwin entschied deswegen, seine Kinder – darunter Mary, die später den Dichter Persey Shelley heiratet und den Roman „Frankenstein“ schreibt – keiner staatlichen Schule zu überlassen. Er bildete und erzog sie lieber selbst.

Heute muss das kein Luxus mehr sein. Technisch ist es möglich und auch kostengünstig,  Grundwissen auch zu Hause zu erwerben. Schulen könnten dann Stätten sein, an denen vor allem das soziale Gefüge erlernt wird. Anstatt Neugier und Kreativität abzugewöhnen, könnten in ihnen Menschen reifen, die besser als wir in der Lage sind, Konflikte zu lösen und Notlagen zu vermeiden.

Möglich wäre ab sofort, mit erwirtschafteten Gewinnen die vielen sanierungsbedürftigen  Schulgebäude im Lande in lichte und luftige Bauwerke zu verwandeln, wo Gedanken fliegen können, wo mit dem Grundwissen Gemeinwohl entwickelt und ausprobiert wird, wo nicht mehr beschult wird, sondern Erleben gelernt, wo diskursiv aus gemeinsam Verstandenem heraus in eigene Ideen hineingefunden, -gehüpft, -gesprungen wird. Lehrende sind dann keine Belehrer und Diktierer mehr, sondern weiter lernende Vermittler und Vertraute.

Reicht eine Pandemie, dass so etwas entsteht?

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