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Dann und wann versuche ich herauszufinden, wie alt ich mich tatsächlich fühle. Wenn ich mein Alter nicht als körperlichen Rückbau spüre, ist das gar nicht einfach. Manchmal haftet es an Gefühlslagen, manchmal an Erinnerungen, wie es vergangene Woche geschah.
Am Montag folgte ich einem Link zu einem Vortrag mit dem Thema „Potentialentfaltung – Was wir sind oder was wir sein könnten“. Der in Thüringen geborene Neurobiologe Gerald Hüther hielt ihn auf Youtube. Ein Freund aus meiner Wehrdienstzeit schickte den Hinweis darauf mit dem Betreff: „Dein Thema“. Jahrzehntelang hatte ich S., inzwischen promovierter Arzt, aus den Augen verloren, bis er mich vor neun Jahren im Internet ausfindig machte. Wir trafen uns dann in Leipzig und saßen Anfang 2013 mit G., inzwischen Physik-Professor in Ilmenau, zu dritt im „Berg- und Jagdhotel Gabelbach“ am „Kickelhahn“. Nach 10 Minuten redeten und flachsten wir miteinander, als wären wir das letzte Mal vor einer Woche beisammen gewesen. Tatsächlich waren es 37 Jahre.
Nachmittags kreuzte sich eine Mail mir R., ein gut Bekannten aus den 1970er Jahren, der damals Mitglied in einem „Zirkel schreibender Jugendlicher“ am Leipziger Leibniz-Klubhaus war, den ich leitete. Kürzlich hatte ich ihm Eindrücke zu seinem Buch „Historischer Report 1945-1989“ geschrieben, und nun lud er mich zur Buchpremiere im nächsten Monat ein.
Am Dienstag traf ich in Dresden F. aus einem Kreis junger Schreibender, in den ich 1973 hineinfand. Durch ihn kenne ich seit einiger Zeit die einfühlsame und lebenskluge I., mit der ich einige erstaunliche Übereinstimmungen entdeckte. Zum Beispiel notierten wir seit Ende der 1960er Jahre tagtäglich Erlebnisse in Hermes-Taschenkalender. Auch sie lebt seit Jahren getrennt von ihrem Ehepartner, ohne sich scheiden zu lassen. Unser gemeinsames Interesse an Kunst und Kultur macht es immer wieder zum Vergnügen, sich zu treffen und auszutauschen. An diesem Tag früstücktem wir auf der umwaldeten Terrasse ihres Häuschens in Dresden-Klotzsche. Diesmal gehen wir mit der gemeinsamen Freundin Neugier durch ihr Refugium und entdecken Fernen, die in nächster Nähe stecken.
Danach fuhren wir in die Innenstadt und saßen schließlich im „Lebendigen Haus“ in der Nähe des „Zwinger“ in der Dachrestauration „Felix“ mit Coctails in einem Strandkorb mit wirklichem Strandsand unter den Füßen und der Freude am Gedanken, auch im zweiten Corona-Sommer gar nicht reisen zu müssen, um im Urlaub zu sein.
Am frühen Abend schließlich treffen wir F. und sitzen bei einem gut gekühlten Bierchen im Restaurant „Watzke“ am „Goldenen Reiter“, wo ein per WetterApp vorhergesagtes Unwetter nicht eintrifft, sondern sich einer jener Sommerabende ausbreitet, deretwegen ich auf der Welt bin.
Am Mittwoch lernte ich in Leipzig-Gohlis, angeregt von U., von der ich, offiziell nach wie vor verehelicht, seit 19 Jahren und inzwischen gut verträglich getrennt lebe, eine ihrer Schulfreundinnnen und deren Mann kennen. Er ist Kroate, und beide haben lange in Serbien gelebt. Jetzt hat er sein Leben aufgeschrieben, und es wird sich zeigen, ob er meine Hilfe brauchen kann und überhaupt will. In der Wohnung ist mir die Petersburger Bilderhängung sympathisch und drei Stunden gute Unterhaltung sind im Nu vorüber.
R. bedankte sich per Mail für meine Bemerkungen zu seinem Buch und ergänzte seine Einladung über den offiziellen Teil hinaus um ein anschließendes Beisammensein im kleinen Kreis bei sich zu Hause.
Abends kümmerte ich mich um Bestattungen. Die schöne Vorstellung, mein Kind würde einmal meine Asche über den Teich im Wörlitzer Park verstreuen, wird mit deutschen Gesetzen schwierig. Ich entdeckte die Luftbestattung und im Besonderen eine Himmelsbestattung. Dabei wird die Asche mit einem Wetterballon in die Stratosphäre geschickt, um sich in einer Höhe von ungefähr 30 Kilometern verteilen zu können. In Kombination mit Schweizer oder tschechischen Behörden soll das auch für Deutsche möglich sein.
Am Donnerstag gelang es mir, endlich den zweiten Teil meiner Gedanken zur Überbevölkerung auszuformulieren und im Blog zu veröffentlichen. Zwei Monate habe ich daran gearbeitet. Einiges von Gerald Hüther erwies sich als ideale Ergänzung. Zudem ist mir durch ihn der Zusammenhang der Worte ‚erkennen‘, ‚begreifen‘ und ‚verstehen‘ bewusst geworden. Jetzt verstehe ich, dass es die Bankrotterklärung eines Bildungssystems ist, wenn ein Kind sagt, dass es zur Schule muss. das ist, wie wenn Erwachsene sagen, sie müssen zur Arbeit oder zum Dienst.
Am Freitag hatte ich das Glück eines zweiten nachhaltigen Frühstücks. Dazu lud M. mich ein. Wir kennen uns seit den 1990er Jahren, als sie Direktorin meines Kindes und ich der Elternsprecher an ihrem Gymnasium war. Zwar kam es diesmal nicht zu dem entspannenden Blick von ihrem Balkon hinunter in das Baum- und Buschgrün am Karl-Heine-Kanal, denn der Vormittag war zu kühl, doch weiteten sich wieder einmal mühelos der kreative Gedankenaustausch mit M. zu einem Vergnügen aus. Seit Jahren, stellte sich heraus, hat sie den Newsletter von Gerald Hüther abonniert und erinnert einen Vortrag auf einer sächsischen Schulleiterkonferenz. Von dem und ihm hatten die versammelten Kultusbeamten anschließend ein für allemal genug.
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Auf der Fahrt zu M. rekapitulierte ich das Geschehen der bergangenen Tage und erinnerte mich. Woran? Nach dem Frühstück bei ihr merkte ich, dass es eher ein Gefühl war, wie ich es schon einmal hatte, doch nicht für einen Moment, sondern bald über ein Jahr hin, das Jahr 1976, und hier erschließt sich auf einmal die Zahl 27, mit der ich vor zwei Monaten als Umkehrzahl von 72 noch nicht mehr anzufangen wusste, als damit ein wenig herumzuspielen.
Das Gefühl war eines der Fülle, die sich mit einem Geschehen weiter und weiter verdichtet, bis ich sie wie eine Gravitation verspürte, die eine Lebenslust in mir auslöste, die nicht mehr aus dem Jungsein kam, sondern aus einer Melange, die sich, als wäre es eine Veranlagung, aus Neugier und Mut zu diesem Gefühl herausfilterte.
Der Auftakt in jenes Jahr war ein Tanz zu siebent in einer Ferienhütte am Zechliner See, die dem Vater von D., der Freundin von A., einem weiteren Freund aus dem Dresdener Kreis, gehörte. Sie studierte Bildhauerei an der Dresdener Kunsthochschule. Ins Tagebuch notierte ich seinerzeit eine Frage von Sartre: „Wie lässt sich aus Stein ein Mensch darstellen, ohne ihn zu versteinern?“ Bei einem Gang über den Friedhof Flecken Zechlin schrieb ich: „Dünn liegt Schnee auf den Wegen. Die Gräber bedeckt ein Tuch wie meine entzündeten Sinne. Ich lerne stehenzubleiben zwischen den in die Erde Gelegten. Ich bleibe stehen. Klumpen pappigen Schnees unter den Schuhen, fühle ich mich wie ein Aussätziger in abgelegter Zeit. Ich lege einen Schneeball auf ein Grab. Ich pflücke ein Buchenblatt in meine Erinnerung. Jetzt bin ich allein. Ein Kind hier lebte nur einen einzigen Tag. Als erstorbener Schrei? Als überlistetes Vergessen? Wie viele meiner Tage sind schon auf nimmer Wiedersehn verschwunden? Den Schnee schlage ich an einem Stein von den Sohlen und ziehe mich, gegen tausend Fäden, vor das Tor zurück.“
Aus „Anna Karenina“ notierte ich: „Heuchelei auf irgendeinem Gebiete kann den klügsten, scharfsinnigsten Mann täuschen; aber selbst das beschränkteste Kind durchschaut sie, und wendet sich davon ab.“
Bis zum Sommer jenes Jahres 1976 bestritt ich meinen Lebensunterhalt mit belanglosen Artikeln für die Zeitschrift „Kultur und Freizeit“. Dafür fuhr ich mit Bus und Bahn kreuz und quer durch die Deutsche Demokratische Republik. Daheim schrieb ich Gewünschtes auf und Gedichte und kurze Essays und Prosafragmente. Homeoffice heißt das jetzt. Mein Motto damals war: „Mit Hirn und Kuli schlau wie ein Fuchs und zäh wie ein Muli.“
Ich sorgte für den schon erwähnten Zirkel und stritt mit Kulturfunktionären für eine Anthologie mit Texten der Mitglieder, ‚meiner Leute‘. Die wiederum brachten mich dem Free Jazz nahe, in den ich mich während regelmäßiger Sessions im Keller der Hochschule für Grafik und Buchkunst regelrecht verliebte. Die Wochenenden verbrachte ich im Dresdener Kreis, meist wandernd und disputierend in der freien Natur, die zeitgleich um Leipzig herum inmitten erschreckenden Gleichgültigkeit ‚vor die Hunde‘ ging.
Auch über Haarausfall – heute akut – machte ich mir schon Gedanken. Er sei „kein Anzeichen für ein verkümmerndes Hirn“, war mir wichtig aufzuschreiben. Altern hielt ich für den „Übergang vom ‚leben wollen‘ zum ‚sterben können‘.“
In jenem August, bei einem Konzert, das Uschi Brüning mit ihrer Band anlässlich der Arbeiterfestspiele hinter dem Dresdener Kulturpalast gab, beobachtete ich einen krumm gebeugten alten Mann. „Vor den Füßen der ersten Zuschauerreihe, die auf der untersten Stufe einer Tribüne hockten, ging er entlang und sammelte gewissenhaft leergetrunkene Flaschen in einen weiten abgenutzten Stoffbeutel. Dabei verstellte er einigen Zuschauern vorübergehend den Blick. Niemand äußerte Unmut oder machte eine dumme Bemerkung. Aber auch keiner reichte ihm eine Flasche zu.“
Im September begann mein Studium am Literaturinstitut. Die Studenten wählten mich zum Seminarsekretär, als der ich nach wenigen Wochen zwischen mehreren Stühle saß. Da wurde der Lyriker und Barde Wolf Biermann nach einem Konzert in Köln, wohin die DDR-Macht ihn ließ, „ausgebürgert“. Viele Kulturschaffende nahmen das, wohl wissend, dass was ihnen Berufsverbot drohte, nicht hin. Da war es plötzlich aus mit der Gewächshausatmosphäre des Literaturinstituts, in dem wir zu brauchbaren Schriftstellern herangereift werden sollten.
In einem Brief beschrieb ich A. das Gefühl für die Frau, die ich zwei Jahre später heiraten würde. „Ich lote den Begriff Liebe aus und bekomme dabei Gott sei Dank Boden unter die Füße. Völlig unpoetisch spielt sich das ab. So musste es ja kommen nach den zügellosen Fantasien. Nicht Eins werden, sondern verschieden bleiben können, doch auf derselben Seite, einander zugewandt. Da steht die Lyrik wie eine blöde Kuh und ich lache und halte mir den Bauch und werfe meinen Kuli den Versfüßen, die sich aus dem Staube machen, hinterdrein. Die wichtigen sind dageblieben, durchgerüttelt in meinem in die Welt zurückgerückten Kopf.“ Ins Tagebuch schrieb ich Hamlets Worte zu Ophelia: „Willst du durchaus heiraten, nimm einen Narren; denn gescheite Männer wissen allzu gut, was ihr für Ungeheuer aus ihnen macht.“
Im Institut hatte das Biermann-Desaster zur Folge, dass die Studenten in zwei fast gleichgroße Gruppen zerfielen. Als Seminarsekretär sollte ich beide der Institutsleitung und den Dozenten gegenüber vertreten, die auch nicht auf einer Linie lagen. Das war ein Ding der Unmöglichkeit und überforderte mich zusehends, doch keiner ließ sich exmatrikulieren, keine wurde rausgeschmissen, immerhin.
Mein genetisch veranlagter Sinn für Ordnung und übersichtliche Verhältnisse kreuzte täglich die Klinge mit Bestürzung, Verwirrung, Erstaunen und Entzückung. Keinen Moment dachte ich in diesen Wochen und Monaten an mein Alter und Altern. Stattdessen dominierte (mich) das Gefühl, in einem andauernden Leben zu sein. Zu guter Letzt fand ich noch einen Tagebucheintrag aus jenem Jar, der sich auf den Roman „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow bezieht: „Die Wahrheit hat einen merkwürdigen Pakt mit der Zeit. Vielleicht sind beide zusammen der Teufel?“