klarer sehen

Schon als Kind hat es mir gefallen, in verschiedenen Situationen neben mich zu treten und zuzusehen, was da geschieht. Manchmal habe ich mich geschämt, seltener war ich zufrieden mit mir. Nach und nach kam ich darauf, dass ich das Geschehen und mich besser einschätzen kann kann, wenn ich es zwischendurch nicht nur von mir aus betrachte.

Die Sozialpsychologie kennt den Begriff der Perspektivenübernahme. Sie kann intellektuell oder emotional motiviert sein. Der französische Philosoph Gilles Deleuze spricht von einer „Umkehr der Wahrnehmung“. Er verknüpft den Begriff der Wahrnehmungsumkehr mit dem einer Daseinsweise, für die er das Wort ‚links‘ verwendet. Das Missverständnis war vorprogrammiert, denn er meint damit keinen politischen Standpunkt, sondern eine Sichtweise der Welt.

„Nicht links sein“ heißt, so der Philosoph, „das Andauern seiner Situation (zu) schaffen, die privilegiert ist. Links sein bedeutet die Umkehr der Wahrnehmung von sich aus auf die Welt hin zurück auf sich. Es ist ein Wahrnehmungsphänomen. Links sein heißt, du siehst zuerst den Horizont und du weißt, dass das unmöglich andauern kann, diese Milliarden von Menschen, die verhungern, das kann nicht andauern und nicht im Namen der Moral, sondern im Namen der Wahrnehmung selbst.“

Im gleichen Atemzug suspendiert Deleuze den Begriff ‚Menschenrechte‘, mit dem er nichts anfangen kann: „Menschenrechte, was soll das sein? Das ist ganz leer. Gerechtigkeit, Menschenrechte, das gibt es nicht. Was zählt, ist die Rechtsprechung. Rechtswissenschaft, das ist das Leben aber nicht Menschenrechte. Es gibt Lebensrechte. Das Leben aber verläuft von Fall zu Fall. Für die Freiheit kämpfen heißt, Rechtsprechung zu betreiben. Links zu sein bedeutet, Recht zu schaffen.“

Perspektivwechsel kann auch bedeuten, dass ich meine Perspektive zugunsten einer anderen verlasse, so wie ich in einer Arena den besten Platz suche, um ihn einzunehmen und anschließend zu verteidigen. Deleuze hingegen sucht die „Umkehr der Wahrnehmung“, um ein Handeln vorzubereiten, das ein Wohlbefinden im Blick hat, das über das eigene hinausreicht.

Dieser Perspektivwechsel war stets eine Option aber noch nie zuvor notwendig. Im Gegenteil wurde eigenwilligen Entscheidungen besondere Entschlusskraft und der Mut zum Risiko zugeschrieben. Das beförderte Strukturen, hierarchische vornehmlich, in denen sich Macht etablierte und legitimierte. Der globalen Realität werden sie immer weniger gerecht. Nicht zuletzt unser globales Ausmaß verlangt den Perspektivwechsel im Sinne von Deleuze. Während wir, fortschreitend Zusammenhänge entdecken und weiter, sehenden Auges sozusagen, hinnehmen, zeigt die Natur, dass die Erde keineswegs ‚unser‘ Planet ist.

Das lang Gebräuchliche ist aufgebraucht.  Jetzt rückt mit jeder neuen Krise und Katastrophe der Begriff ‚Verantwortung‘ in den Vordergund. Nur wenn wir sie wahrnehmen, werden wir weiter existieren können. Um die Erde müssen wir uns keine Sorgen machen. Mit den trivialen Systemen, die wir im Laufe unserer kurzen Zeit etabliert haben, hat sie wenig zu tun. Sie braucht uns nicht, wir aber sie. Mit nur dem Eigenblick und Eigensinn ist sie nicht zu haben.

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