Wie viele woll’n wir sein?

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Mit dem Willen ist es so eine Sache. Oft reicht er nur für Augenblicke und wird unsicherer, je weiter er reicht. Gleichzeitig hängt er von der eigenen Perspektive ab. Wer bin ich? Wo stehe ich? Halte ich mich für die Krone der Schöpfung oder für ein geplagtes Getier? Für den Willen, wurde lange angenommen, sei das Großhirn zuständig und dass in ihm sein Zuhause sei. Dass es so nicht ist, erleichtert mich und verstört.

Erleichtert bin ich, weil für das, was ich anrichte, nicht allein mein Kopf herhalten muss, denn inzwischen ist, tief im Unterleib, das Darmhirn mit seinen eigensinnigen Einmischungen entdeckt. Mehr und mehr wird über das Genom herausgefunden, von unseren Prägungungen und nicht zuletzt von einem stattlichen Paket Mikroorganismen, die sich uns einrichten und ohne die wir gar nicht existieren könnten.

Leider fällt noch viel zu Wenigen auf, dass Homo sapiens zur Bestandssicherung keine möglichst große Anzahl mehr braucht und er mit seiner Vielzahl tatsächlich schon das planetare Gleichgewicht stört.  Darüber hinaus ist der Blick in kosmische Tiefe, der manche entzückt, in Wirklichkeit einer in gruselige Leere und Weite. Außer Sonnenlicht und Gravitation gibt es vorläufig nichts, das uns von dorther behilflich ist.

Sich in dieser Lage mit dem, was wir Bewusstsein nennen, einzurichten, ist anspruchsvoll. Faktenchecks reichen noch nicht für die lebensnotwendige Einsicht, dass (Bewegungs)Freiheit eine Illusion ist. Manchmal, in hellen Momenten, empfinden einige Wenige das Dasein als ein willkürliches Herumstochern in der Zeit. Manchmal rennen sie offene Türen ein, manchmal verstopfen sie sie. Viele bleiben verschlossen. Die meisten sind gar keine, allenfalls Fenster.

Sollten wir, bevor der Wille uns ins Ungewollte treibt, nicht klären, wie viel Platz wir de facto haben, um bleiben zu können, wo wir sind? Wie wir sind? Fakt ist, dass die Natur uns für ein Leben hier auf Erden eingerichtet hat und irgendwo weit weg. Die Idee, Homo sapiens könne sich irgendwann durch Erdflucht retten, ist dumm und wird es bleiben.

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Im Oktober 2019 lebten – abzüglich der Wüstengebiete Sahara, Antarktis etc. – 7,8 Milliarden Menschen auf 119 Millionen Quadratkilometern Landfläche. Das ergibt im Durchschnitt ein Quadrat von 124 Metern Seitenlänge je Mensch, eine Fläche so groß wie zwei Fußballfelder. Diese Fläche, ihr Darüber und Darunter eingeschlossen, muss alles hergeben, was ein Mensch sein Leben lang braucht, ohne es zu verbrauchen, wenn er es auf Nachkommen abgesehen hat, das ureigenste Ziel jeder Lebensform. Da denken wenige zuerst an Atemluft, weil sie noch selbstverständlich ist, die meisten an Nahrung.

Für die Viehzucht brauchen wir zur Zeit eine Landfläche so groß wie Afrika, für Nutzpflanzen so groß wie Südamerika. Blieben unsere Bedarfe und Erträge wie im Moment, müsste bei einer Weltbevölkerung von 10 Milliarden, wie sie für das Jahr 2050 prognostiziert wird, eine zusätzliche Fläche so groß wie die USA kultiviert werden.

Die Fleischproduktion hat sich in den letzten 60 Jahren auf heute jährlich 330 Millionen Tonnen verfünffacht. 35 Prozent des geernteten Getreides werden dafür eingesetzt, in Deutschland sogar 60 Prozent. Weitere 14 Prozent werden zu Bio-Treibstoff oder in der Industrie und Energiewirtschaft verarbeitet. Aus weniger als der Hälfte des Getreides werden direkt Nahrungsmittel.

2,6 Milliarden Menschen ernähren sich heute hauptsächlich von Fisch. Um die Fischbestände zu erhalten, darf nicht mehr gefangen werden, als sich regenerieren kann. 1975 gelang das in der Hälfte der Fanggründe, 2013 in 60 Prozent. Das scheint ein guter Trend, wäre im selben Zeitraum die Überfischung in anderen Fanggründen von 10 auf 30 Prozent gestiegen.

Der Süßwasserverbrauch pro Kopf und Jahr stieg von 1960 bis 2000 von 60 auf 1500 Kubikmeter. Etwa 70 Prozent davon entfallen auf die Landwirtschaft, 18 auf die Industrie und 12 auf öffentliche und private Haushalte: {70:18:12}. Interessant sind die Unterschiede der Anteile je Kontinent. {21:57:22} ist das Verhältnis in Europa, {43:43:14} in Nordamerika, in Südamerika {67:11:22}, in Asien {81:10:9}, in Afrika {82:4:14} und in Südasien {91:2:7}.

In Syrien werden heute fast 90 Prozent des Wassers in der Landwirtschaft verbraucht und davon wieder 90 Prozent für Weiden, Weizen und Baumwolle. Nur 10 Prozent versorgen öffentliche und private Haushalte. Fachleute der UN schätzen, dass 58 Prozent der Weltbevölkerung schon jetzt unter Süßwassermangel leiden. Rapide nähern wir uns einem planetaren Grenzwert.

Noch heikler ist es, wenn wir in die Wasserbilanzen das ‚virtuelle Wasser‘ einbeziehen, das zur Herstellung von Waren benötigt wird. Mit ihnen ‚wandert‘ es mit dem internationalen Handel um die Welt. Besonders viel virtuelles Wasser steckt in Kakao, Kaffee, Kleidung und Smartphones. Für ein Kilogramm Hühnereier sind 7000 Liter Wasser nötig, 8000 Liter für eine Jeans, 80 Liter für ein Viertelliter Bier. Es ist ein verdeckter Ressourcentransfer gewaltigen Ausmaßes, der ungleiche Lebensbedingungen ungleicher macht und die Wohlstandsregionen immer exklusiver. All diese Zahlen gehen in den ökologischen Fußabdruck oder Nachhaltigkeitsindex ein. Über die Ernährung hinaus hängt er davon ab, wie wir uns kleiden, bewegen und wie wir konsumieren.

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Seit Jahrzehnten weisen Wissenschaftler auf die Grenzen des Wachstums hin. Seit dem ersten Bericht des Club of Rom aus dem Jahr 1972 werden Belastungsgrenzen berechnet, die, wenn wir sie nicht beachten, die Lebensbedingungen schon in einigen Jahrzehnten heftig verändern werden. Anzeichen dafür gibt es bereits.

Ist das der natürliche Werdegang unserer Spezies? Welche Rolle spielen tatsächlich unsere Anlagen, was wir wollen?  Aus Krisen und Katastrophen wie Phönix aus der Asche steigen? In einer Rangfolge der Überschreitung von planetaren Grenzwerten nennt der Anatom, Verhaltensforscher und Evolutionsbiologe Carsten Niemitz an erster Stelle die Biodiversität, gefolgt von Feinstaub, Stickstoffkreislauf, Phosphor, Bevölkerung und Klima.

Der norwegische Experte für Klimastrategie und Systemdynamik Jørgen Randers, 1972 Mitautor der „Grenzen des Wachstums“, forderte vor vier Jahren als Mitautor des Buches „Ein Prozent ist genug“ eine Geburtenkontrolle in Industriestaaten, weil die Kinder dort dreißigmal so viele Ressourcen verbrauchen wie Kinder in Entwicklungsländern. Deshalb, so Randers, müssten die Geburtenzahlen nicht nur in Afrika, Asien etc. sinken. Frauen in den Industriestaaten sollten höchstens nur noch ein Kind bekommen und dafür eine Geldprämie.

Bedenklich ist die lange Zeit von mehr als 20 Jahren, die vergingen – vergehen mussten? – bis die globalen Trends und Fakten auf die Lebensweise einzelner Menschen heruntergerechnet wurden. Erst dadurch wird ja erst deutlich, wer und wo mit dem Vorhandenen auskommt oder nicht. Die „World Wide Fund For Nature“, eine wichtige Organisation für Umweltschutz, bezieht bevölkerungsrelevante Aspekte wie Familienplanung bis heute nicht in ihre Prognosen und Empfehlungen ein.

7,8 Milliarden Menschen leben heute, als gäbe es 1,7 Erden, de facto also auf Kosten ihrer Nachkommen. Die Frage stellt sich, ob diese überhaupt noch Mittel und Möglichkeiten haben werden, das anders als gewaltsam zu regulieren. Dass sie brav die Suppe auslöffeln, die wir ihnen einbrocken, ist nicht zu erwarten, dass wir unsere Gürtel wilig enger schnallen, ebenso wenig, denn uns allen, Jung und Alt, wohnt die gleiche Wesensart inne.

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Eine Regulierung unserer Anzahl, ganz gleich an welchem Ort auf der Erde, ist überfällig, die Lebensform Homo sapiens von Anbeginn ein planetares Risiko. Können wir das als eine Naturnotwendigkeit einsehen und daraus einen wesentlichen Faktor in den Strukturen und Systemen unseres Zusammenlebens machen?

China praktizierte zwischen 1980 und 2016 eine „Ein-Kind-Politik“. Die im Internet zugänglichen Statistiken zeigen, dass die chinesische Bevölkerung in diesem Zeitraum dennoch um rund 400 Millionen – von 970 auf 1370 Millionen – wuchs. Das ist ein Zuwachs von 41 Prozent! In Saudi Arabien gebar eine Frau im Jahr 1980 durchschnittlich 7,3 Kinder, im Jahr 2016 nur noch 2,5. Dort wuchs die Bevölkerung trotz der gesunkenen Geburten je Frau von 10 auf 32 Millionen. Deutschland hatte 1980 (DDR + BRD) 78 Millionen Einwohner und 81 Millionen im Jahr 2016, ein Zuwachs von 4 Prozent.

Niemitz spielt mit dem Gedanken, dass von heute an 20 Jahre lang kein einziges Kind auf der Erde geboren wird. Dann wären mit einer entsprechenden Verschiebung der Alterspyramide 2041 etwa 30 Prozent der heutigen Menschheit verstorben, 5,5 Milliarden wären also immer noch da! 5,5 Milliarden Menschen lebten im Jahr 1991, wo der ökologische Fußabdruck global 1,2 betrug. Das heißt, nicht einmal eine nur theoretisch mögliche sofortige „Null-Kind-Politik“ würde reichen, in 20 Jahren unseren Verbrauch an Ressourcen auf die tatsächlich vorhandenen herunter zu regulieren.

Das Gedankenspiel will nicht Ratlosigkeit verbreiten, noch Unruhe stiften. Es will vor allem ein Gefühl für die Situation vermitteln, in der wir sind und in den Wohlstandsregionen noch nicht einmal wahrgenommen, geschweigedenn berücksichtigt wird. Notwendig wäre, Wege zu finden und zu gehen, die aus dieser leisen Notlage herausführen. Zum Beispiel dadurch, dass nicht mehr maßgeblich ist, wieviel wir haben wollen und produzieren können, sondern die Anzahl Menschen, für die der Platz, den sie zur eigenen Zufriedenheit braucht, vorhanden ist.

Geschieht das nicht, werden wir künftig immer offensichtlicher auf Vulkanausbrüche, Meteoriteneinschläge, Tsunamis, Pandemien und Kriege angewiesen sein, die unsere Anzahl verringern. Da ich eindeutig einer von zu vielen bin, habe ich zwei Möglichkeiten. Entweder ich sehe zu, dass ich schleunigst verwinde und nutze dafür meine Kreativität. Oder ich sehe, wo ich schon mal da bin, zu, mich – für andere! – so wichtig zu machen, wie ich nur kann.

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In Deutschland ist der ökologische Fußabdruck mit 2,9 dreimal so groß wie er global gesehen sein dürfte. 2,3 Erden brauchten die Chinesen, so wie sie augenblicklich leben, 3,4 die Russen, 5,0 die US-Amerikaner. Das ist der globale Spitzenwert. US-Amerika ist demnach die momentan zukunftsuntauglichste Gesellschaft der Welt. Von den großen Staatsvölkern sind es einzig die Inder, die sich innerhalb der planetaren Grenzwerte aufhalten und guten Gewissens so weiterleben dürften. Wie viele von ihnen mit ihrem Leben im Moment zufrieden sind und ob wir hier so wie sie leben könnten, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Von 2,9 auf 1,0, um hier zu bleiben, bedeutet, soll die durchschnittliche Lebensweise unverändert bleiben, der Platz reicht statt der real existierenden 83 nur für 29 Millionen. Wieviel Zeit haben wir, bekommen wir von unserer Umgebung, diese Notwendigkeit zu realisieren? Bis dahin, wo 10 Milliarden auf der Erde leben? So viele apokalyptische Ereignisse kriegen wir nicht einmal mit gut organisierten Kriegen hin. Oder über- oder unterschätzen wir uns?

Ein anderes krasses Gedankenspiel wäre, jeder hierzulande gäbe sich mit einem Drittel seiner ihm im globalen Maßstab zustehenden Existenzfläche zufrieden. Das ist dann ein Quadrat von nur noch 71 Metern. Von ‚tummeln‘ kann dann keine Rede mehr sein. So wird es ja auch nicht kommen. Anders aber. Wie schlimm im Einzelfall, hängt wieder von der eigenen Perspektive ab. Meine Frist läuft vorher ab, doch das ist nicht einmal für mich ein Trost.

Auch bis ich „tschüss“ sage wird (mir) noch manches jetzt Unabsehbare geschehen. Mit mir und ohne mich. Mir und allen anderen. Wen beeindruckt das? Auf die Natur sollten wir nicht hoffen. Auf unsere? Könnten wir denn wirklich anders werden als wir sind, wenn wir es wollten? Ist es nicht viel einfacher, zu bleiben, wie wir sind und uns (ihr) zu übergeben?

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