Fast leer ist an einem Julidienstagmittag die Eingangshalle des „Znaki Czasu“. Das ist das „Zentrum für Zeitgenössische Kunst“ in Toruń, und um 12 Uhr öffnet die Ausstellung „The Cleaner“ mit einer Retrospektive zur Kunst von Marina Abramović. Zuvor war die Ausstellung schon in Stockholm, Humlebæk (Norwegen), Høvikodden (Dänemark), in Bonn und in Florenz zu sehen.
„Cleaner“ bedeutet für die Künstlerin eine Katharsis, eine Reinigung ihrer Seele und ihres Bewusstseins. Dafür hat sie über 100 Kunstwerke aus fünf Jahrzehnten ausgesucht.
Es ist ein großzügiges Terrain für die Ausweitung meiner Phantasie. Zum Beispiel auf die biblische Erzählung, in der Gott in Gestalt dreier Engel Abraham erscheint, um anzukündigen, dass er die Städte Sodom und Gomorra zerstören werde, weil ihre Einwohner seine Vorstellungen vom Zusammenleben der Menschen enttäuschten. Was für ein Gott, dem manche auch heute noch allen Ernstes die Schöpfung der Menschen andichten.
Weil aber, so geht die Geschichte in den überlieferten Schönschreibungen dieser Religion noch weiter, Abrahams Neffe in Sodom lebt, wolle Gott es sich für diese Stadt noch einmal überlegen, wenn sich zehn „anständige“ Menschen darin fänden. Genau Zehn, wird von Bibelforschern vermutet, weil nach den jüdischen Regeln erst mit zehn Männern ein vollständiger Gottesdienst gefeiert werden kann. Wohlgemerkt ‚Männern‘, nicht etwa Menschen.
Ich denke, das wird nicht der einzige Grund gewesen sein, weswegen sich Ingeborg Bachmann in ihrer Erzähluing „Das dreiigste Jahr“ dieses Vorfalls annahm. Die offensichtliche Eigennützigkeit des Judengottes bei seiner Maßregelung muss ihr ebenso bedenklich erschienen sein.
Inzwischen ist es Halbeins und auch hier sind es noch immer nicht Zehn, die sich in den Räumen verlieren, ab und zu wiederbegegnen und, fast wie im Spiel, eine weitere Aufmerksamkeitsebene erreichen. Auf der Ebene der Kunst geht es indessen um die Klärung eigenen Wohl- und Unwohlseins und um die Suche nach Ursachen, warum sich die Wirklichkeit fortwährend weiter von den paradiesischen Wunschbildern entfernen, die sich nicht wegträumen, geschweigedenn abschütteln lassen. Was von ihnen übrigbleibt, der Extrakt, ist der mit dem gewollten und erlittenen Wachstumsfortschritt einherrasende Zukunftsmangel.
Auf die Idee, deswegen die eigenen Hände in ihrem Schoß ruhen zu lassen, kommt die Mutige Marina nicht. Fort setzt sie die schonungslose Reinigung als Gegenteil von Reinwaschung oder der Waschung der eigenen Hände in Unschuld. Fort setzt sie ihren Versuch innerer Klarheit, um zuerst sich zu durchschauen und von da aus die Verhältnisse, die das Selbst in ihre Dienste zwingen will.
Nur in der Gegenwehr, im Einvernehmen, zumeist in Kompromissen, werde ich, wenn ich Glück habe, ein wenig Zukunft gewinnen und auf Nachkommen ausweiten können. So fädelt die Meisterin der Performance meinen Rundgang in meinen Kopf, bis meine Neugier die einfache Chronologie der Ausstellung verlässt, mich kreuz und quer schickt, bis sich in mir alles so zusammensetzt, dass ich auf einmal Lebensmut verspüre. „Jeder Mensch hat in seinem Leben einen eigenen Kraftort“, sagt die Künstlerin.
Dann sitze ich auf dem Stuhl, auf dem sie vor acht Jahren im New Yorker „MoMa“ drei Monate lang mit der Performance „The Artist is Present“ Blicke aus aller Welt empfing, aushielt und erwiderte, eine Kommunikation, die ohne ein Wort und ohne Berührung auskam, jedoch, wenn sie gelang, viel Mut abverlangte, notwendig, um, wann und wo auch immer, miteinander auszukommen. Für die Beteiligten war das sehr häufig ein überraschendes Erstaunen, Erschrecken, Entdecken.
„Ich sitze an einem kleinen Tisch, der Stuhl mir gegenüber ist leer, jeder kann sich dort hinsetzen und mir in die Augen schauen, so lange er will, drei Minuten oder drei Stunden. Es wird nur den Blick geben. Ich werde nicht reden, ich werde mich nicht bewegen und noch nicht mal aufs Klo gehen. Schauen Sie, hier unter der Sitzfläche dieses Stuhls gibt es eine Klappe und darunter eine Plastikschüssel, für den Fall, dass ich pinkeln muss.“
Im „Manifest“ der Künstlerin lese ich: „Ein Künstler sollte weder sich selbst noch andere belügen. Ein Künstler sollte keine Kompromisse eingehen. Ein Künstler muss in seinem Werk Raum für Stille schaffen. Die Stille ist wie eine Insel inmitten eines aufgewühlten Meeres. Ein Künstler muss sich Zeit nehmen und lange Phasen der Einsamkeit auf sich nehmen. Einsamkeit ist extrem wichtig. Ein Künstler sollte sich lange an Wasserfällen aufhalten, lange an Vulkanen aufhalten, die ausbrechen. Ein Künstler sollte lange schnell fließende Flüsse betrachten, lange den Horizont, die Stelle, an der Himmel und Meer sich treffen, lange die Sterne des Nachthimmels.“ Was ich ich von einem gewissen Goethe her längst wissen könnte: „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.“
Nach Toruń wird Belgrad die letzte Station der Retrospektive werden. Dort wurde die Tochter serbischer Partisanen ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges geboren. In Belgrad, damals die Hauptstadt Jogoslawiens, studierte sie von 1965 bis 1970 Malerei. „Jetzt, fast ein halbes Jahrhundert später, möchte ich vor allem der neuen Generation zeigen, was ich all die Jahre gemacht habe. Ich möchte, dass meine Arbeit sie spüren lässt, wie wichtig es ist, Risiken einzugehen und große Träume zu haben, egal was passiert.“