Demo für Demokratie

Ein Mitläufer will ich nicht sein. Deswegen halte ich mich ungern in Umzügen oder Versammlungen auf. Hinzu kommt, dass Protestierende ihre Ziele meist auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduzieren, während die Ursachen der Proteste komplex sind.

Gestern mischte ich mich ein in die Berliner Demonstration gegen die Freihandelsabkommen TTIP, CETA und TISA, die multinationale Konzerne und Politiker am liebsten klammheimlich aushandeln würden, um Bevölkerungen hinterrücks den Risiken und Nebenwirkungen zu überlassen. Dagegen versammelten sich 150 000 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet mit dem großen gemeinsamen Anspruch einer demokratischen Mitbestimmung.

Gründlich nachgedacht über Demokratie habe ich erst seit Jean-Luc Godard und seinem Filmessay „One plus One“ von 1969. Dort nennt eine junge Frau in einem trügerisch umgrünten Interview sich ‚Eve Democracy’, bevor sie Selbstmord begeht und von einem Kamerakran in einen Himmel gehoben wird, in dem noch nie Geigen hingen.

Seither ist Demokratie für mich ein sinnliches Gebilde, das aus der Mühe um Gemeinwohl erwächst. Es misstraut Hierarchien und Oligarchien und stellt sie in Frage. Es ist keine Sicherheit, sondern verlangt nach ständiger Pflege. Obrigkeiten und Ideologen aller Art haben sie noch jedesmal missbraucht und dann es selbst bezichtigt, wie Vergewaltiger.

Zu sehen, wie viele verschiedene Menschen die niedrigen Beweggründe durchschauen, aus denen heraus Politiker und Wirtschaftler Gemeinwohl gegen Wirtschaftswachstum ausspielen und wie begriffen wird, dass Flüchtlingsströme eine Folge davon sind und nicht die Ursache für Konflikte, war ermutigend.

Ganhar ou perder, mas sempre com democracia“ – „Siegen oder verlieren, aber immer mit Demokratie“ –, war 1982 das Motto eines populären brasilianischen Fußballclubs in dem von Militärs regierten Brasilien. In deprimierender Lage trug die Mannschaft es bei ihren Spielen auf einem Banner ins Stadion und erreichte damit ein ganzes Volk, dem drei Jahre später nach 20 Jahren Diktatur die demokratische Wahl eines Präsidenten gelang.

Miterleben, wie viele Menschen in unserem Land kreativ und mutig für Basisdemokratie demonstrieren, hat mir einen schönen Herbsttag beschert.

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