auf der Flucht

PETER MADEI: Schön, dass wir wieder miteinander sprechen.

GERTIE TESCH: Leider über wenig Erfreuliches. In Ihrem Essay „Der Club of Rome und meine Liebe zur sphärischen Geometrie“ lese ich: „Das Meer wird sich nicht teilen müssen, damit die erbärmlichen Schaluppen entbehrlich werden und Millionen ins kontinentale Europa strömen, um dort den Staatsgewalten die scheinheiligen Demokratiegewänder von den Wohlstandsleibern zu reißen und alle, die über ihre Verhältnisse leben, in die globale Realität zu befördern.“

Das ist drei Jahre her. Da las ich „Der Hass auf den Westen“ von Jean Ziegler und „Politische Gerechtigkeit“ von William Godwin und „Mediacontrol“ von Noam Chomsky und „2052. Der neue Bericht an den Club of Rome“ von Jorgen Randers, auch „Dialektik der Natur“ von Friedrich Engels und sah „Abécédaire“ von Gilles Deleuze. Da werden gewaltige Menschenbewegungen absehbar.

Und jetzt? 

Victor Klemperer stellte 1947 in seiner Schrift „LTI“ anhand der Sprache des Dritten Reiches das nationalsozialistische Weltbild bloß. Ich denke, es ist höchste Zeit, dass wir unsere Sprache analysieren.

Um was herauszufinden?

Unsere Beweggründe. Ob die, die hierher drängen, uns wirklich willkommen sind. Ob wir sie nur dabehalten wollen, wenn sie sich rechnen?

Und was haben Sie herausgefunden?

Dass wir voller Heuchelei stecken. Wir sind doch die wesentliche Fluchtursache. Davon schweigen wir lieber. Am Ende geht es uns vor allem um uns selbst. Um ein schönes und bequemes Leben …

… auf Kosten anderer …

… die zu uns kommen, ungebeten.

Unerwünscht, wenn wir ehrlich sind.

Das nenne ich lieber ‚Völkerwanderung‘ als ‚Flüchtlingsstrom‘. Die Ursachen sehe ich in  den immer schlechteren Infrastrukturen zum Beispiel in Afrika, in einem weiter schleichenden Kolonialismus und im Nahen und Mittleren Osten in historischen, religiösen und ethnischen Verspannungen. Schließlich verursacht der Klimawandel mehr und mehr existenzielle Notlagen ganzer Völker und Regionen. Das wird jetzt auch für uns bedrohlich.

Beängstigend.

Die, die im Moment hierher kommen, sind nicht etwa die Ärmsten der Armen, sondern die Weitsichtigsten und Mutigsten mit der meisten Energie. Sie wollen hier nicht bloß existieren. Sie wollen so leben wie wir.

Noch beängstigender ist, dass sie Recht mit diesem Anspruch haben, jedenfalls in einer Gemeinschaft, die der Barbarei entkommen will.

Mir scheint, dass wir soeben die Flucht antreten. Vor unserer Verantwortung für eine Lebensweise, für die wir jahrhundertelang andere missbraucht haben. Vor die Blutspur, die wir von Anfang an durch die Geschichte ziehen. Vor dem Versuch, anderen einzureden, ihr Elend käme aus ihrem Ungeschick oder sei schicksalhaft. Was sollen wir anfangen? Gräben ziehen? Mauern bauen?

 

Wie wäre es mit Völkertausch statt Völkerwanderungen?

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