Navid Kermani in Leipzig

Am vergangenen Sonntag erhielt der Autor und Orientalist Navid Kermani als „eine der wichtigsten Stimmen in unserer Gesellschaft, die sich mehr denn je den Erfahrungswelten von Menschen unterschiedlichster nationaler und religiöser Herkunft stellen muss, um ein friedliches, an den Menschenrechten orientiertes Zusammenleben zu ermöglichen“, wie es in der Begründung heißt, in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Gestern Abend stellte sich der Ausgezeichnete im Festsaal im Alten Rathaus den Leipzigern vor. Ein Gespräch und eine Lesung aus seinem Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“ von ‚The Voice‘ Christian Brückner waren ein besonderes Erlebnis.

Wertvoll waren Kermanis Bemerkungen über den Wert von großen Traditionen und die gefährlichen Folgen bei ihrem Verlust, der religiösen Eiferern und Fanatikern in die Karten spielt. Ein Alarmglöckchen klingelte allerdings in meinem Kopf, als sich nach seinem Auftritt mediale Begeisterung erhob. Da erinnerte ich alte DDR-Zeiten, wo einer kritischen Meinung, wenn sie gefeiert wurde, nicht wirklich Erhofftes folgte.

Als Kermani am Ende seiner Rede in der seit 1944 konfessionslosen Frankfurter Paulskirche die Anwesenden zu einer kollektiven Andacht nötigt, ist mir das nicht geheuer. Wird hier vielleicht versucht, etwas unter einen orientalischen Teppich zu kehren, was hierzulande gerade beginnt: die Teilung eines Volkes, die gefährlich werden kann? Johan Schloemann nennt in der „Süddeutsche Zeitung“ die vom Autor initiierte „kollektive Andacht“ einen „unerträglichen Übergriff“.

Wäre es nicht wichtiger, die Positionen von besorgten Abendländlern und hitzigen Einrufern in einen fruchtbringenden Diskurs zu überführen? Die einheimischen Politiker scheinen dazu nicht in der Lage. Noch bestätigt oder bestreitet niemand die Absicht, ‚unnötig‘ Geflohene schnellstens abzuschieben.

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