Samstagvormittag im Oberstübchen

Zwei Uhr nachts bin ich heute ins Bett gegangen. Jetzt ist es Neun, und ich bin munter genug, um aufzustehen. 13 Grad zeigt das Celsius-Thermometer. Wäre es in der Woche, ist das die ideale Temperatur für einen Fitnesslauf, wie ich ihn seit dem Eintritt ins Rentenalter dreimal die Woche je drei Kilometer absolviere.

Bei keiner anderen Tätigkeit bin ich 20 Minuten lang so auf mich und meine unmittelbare Umgebung konzentriert. Ich registriere das Zusammenspiel von Körperteilen und Organen und beobachte Entgegenkommenden, mich Überholende und das Stadtgrün rechts und links des FußRad-Weges, der früher ein Bahngleis war.

Das Sonntagsfrühstück besteht aus einem weichgekochten Ei, zwei Brötchenhäften, eine mit Speisequark bestrichen, die andere mit Pflaumenmus. Dazu viertele ich eine Rispentomate, die ohne Salz und Pfeffer nach gar nichts mehr schmeckt. Nur der Anblick ruft noch die Erinnerung an ein Aroma wach, das diese Frucht in meiner Kindheit hatte. Dazu trinke ich eine Tasse mit heißem Wasser aufgebrühtes Schoko-Cappuccino-Pulver und ein Glas kühlschrankkalte Milch.

Anschließend sehe ich Flyer und Kataloge durch, die ich gestern von der Leipziger Buchmesse mitgebracht habe. Drei Jahre lang fand sie wegen der COVID-19-Pandemie nicht statt. Auch weiter ist sie in Gefahr, denn die großen Medienkonzerne im deutschen Westen, die den Büchermarkt beherrschen, machen ihre Geschäfte vor allem auf der Frankfurter Buchmesse.

Nach 10 Uhr höre ich im Deutschlandfunk die wöchentliche Musiksendung „Klassik-Pop-et cetera“. Zum erstenmal wurde sie 1974 ausgestrahlt, ausgerechnet am 25. Geburtstag der DDR. Seitdem wird sie mit einer Komposition von Horst Jankowski eröffnet, in meinen grauen Zellen ein ähnlich verlässlicher Ohrwurm wie seine „Schwarzwaldfahrt“. Die wurde 1965 ein Welthit und brachte dem Komponisten sagenhafte 125 – Einhundertfünfundzwanzig! – D-Mark ein. Die Rechte für das Lied hatte er nämlich zuvor für diesen Betrag an einen amerikanischen Produzenten verkauft.

Heute erzählt die Dirigentin Joana Mallwitz von sich. 1986 in Hildesheim geboren, wurde sie mit 27 Jahren in Erfurt die jüngste Generalmusikdirektorin Europas. Jetzt ist sie designierte Chefdirigentin des Konzerthausorchesters Berlin. Zu ihrer Musikauswahl gehört Elvis Presley’s „A little less conversation“. Ausschnitte aus den Operetten „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár und „Frau Luna“ von Paul Lincke erinnern mich an meine Eisenacher Theaterzeit und an die Regisseuse Erika Solbrig, die meine bis dahin von Jazz, Chanson und Beat geprägte Musiklust auf die Welt der Oper und Operette ausweitete.

Mit Nina Simones „I wish I knew how it would feel to be free“ und der Queen of Soul Aretha Franklin mit „Skylark“ klingt die Sendung aus, Auftakt in ein langes Wochenende, denn der kommende Montag ist der erste Mai.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert