anders reisen

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Es war an einem späten Nachmittag Anfang November 2019. Ich saß an im „Café de France“ am Djemaa El Fna an einem kleinen runden Tisch auf der Terrasse im zweiten Stockwerk und las in den „Stimmen von Marrakesch“ von Elias Canetti. Zwischendurch sah ich hinunter auf den fiebrigen Platz und darüber hinweg zum Turm der Moschee La Koutoubia. Der vor zwei Jahren erst verstorbene spanische Schriftsteller Juan Goytisolo, ein Zeitgefährte und Freund von Günter Grass, der in den 1960er Jahren hier wohnte, im Herzen der Medina, verglich den Platz mit einem Palimpsest, eine immer wieder neu beschriebene Manuskriptseite.

Canettis „Aufzeichnungen einer Reise“, der Untertitel des Buches, lockte mich ein erstes Mal im Herbst 1983 mit Szenen und Begegnungen hierher, mit einer Sprache, die sich gern mit meiner Phantasie verband und mir aus Bildern, Gerüchen und Geräuschen eine Umgebung zauberte, in der ich sah und roch und hörte, als wäre ich inmitten. Meine Zunge schmeckte die Fremde und meine Arme und Schultern verspürten ab und zu einen Gegendruck, als ginge ich in einer Menschenmenge.

Damals entstand der Wunsch, damals eine Illusion, diesen Ort tatsächlich zu erleben. Im Unterschied zu vielen anderen löste er sich nicht in der Zeit auf. Nun war die Reise nach Marrakesch möglich und ich war hier, anders als Canetti oder Goytisolo oder Grass. Kürzer, bequemer, oberflächlicher aber ihretwegen nicht wie hergespült und durchgeschleust.

Das Wort ‚Tourist‘ entstand um 1800 im Englischen und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg für Reisende gebräuchlich, die sich, ohne es zu müssen, vorübergehend, -eilend, fliegend, im Ausland aufhalten. Mit den heute vorhandenen Verkehrsnetzen und Infrastrukturen ist ein Tourist jemand, der sich in möglichst kurzer Zeit ein möglichst eindrucksvolles Wohlfühlerlebnis verschafft und Tourismus eine globale Industrie mit gigantischen Umsätzen und exorbitanten Zuwachsraten. In vielen Regionen und Staaten schafft sie Existenzgrundlagen und Abhängigkeiten, denn jederzeit können sie auch wieder unmöglich werden. Wie jeder andere Ismus dieser Welt verbraucht der Tourismus Ressourcen, ohne auf natürliche Kreisläufe und Gleichgewichte zu achten. Mit ihm auszuschwärmen, war auch schon vor dem meschgemachten Klimawandel ein bedenkliches Vergnügen.

Weshalb vergrößere ich meine Hast und meinen ökologischen Fußabdruck viel schneller als mein schlechtes Gewissen? Warum passe ich mein Verhalten nicht meiner Umwelt an, sondern sie an mich? Ziehe ich in Erwägung, nicht nur zu meinem Vergnügen auf der Welt zu sein? Habe ich vergessen oder noch nie gewusst, dass Natur ein Schatz ist, der sich nicht mit faulem Zauber und in Raubzügen aneignen lässt, sondern nur mit Mut und Sorgfalt und im Einvernehmen?

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Zu meinem beharrlichen Wunsch, Marrakesch kennenzulernen, hat sich in den Jahren ein weiterer gesellt. Ich will die Stadt nicht nur erleben, ich will auch sehen, ob sie sich noch so erleben lässt wie zu Canettis Zeit. Wie werden mir ihre Bewohner 65 Jahre später entgegenkommen? Wie groß ist ihr Interesse an mir, dem Touristen, der lieber ein Reisender wäre, mit allem Drum und Dran?

Die Tage zuvor hatte ich die Souks der Medina und Mellah durchstreift und war enttäuscht So Weniges berührte mich. So wenig verstand ich. So schlecht war ich vorbereitet. Ich fühlte mich verlaufen und unbemerkt. Es war, als hätte meine liebste Freundin ‚Neugier‘ mich verlassen. Nirgends war ich willkommen, nur das Geld in meiner Tasche, und das wollte nicht unbedingt heraus.

Wie anders hatte Canetti sich auf dem Djemaa El Fna bewegt, auf dem Platz der Gaukler, Musikanten, Schlangenbeschwörer, Geschichtenerzähler, Schriftkünstler, Zukunftsdeuter, Glücks- und Gedankenspieler. Wie anders war er unterwegs gewesen, weit offen für Entgegenkommende, kein Profiteur, kein Eindringling. Wie behutsam ging er mit der Zeit um, Stunde für Stunde auskostend, tagelang, wochenlang, denn so lange braucht es, dass  Impulse und Verständnisse entstehen, Erlebnisse zu Erfahrungen reifen. Erst so wird man, ist man ein Reisender!

Die sind jetzt abhanden und die Heimischen haben sich angepasst. Geschickt und routiniert und unverschämt erfüllen sie die harmlosen Erwartungen der Fremdlinge, die tagein tagaus von früh bis spät den Platz zerwalzen, sich in die Souks pressen, durchquert von einer rasenden Moped-Armada, von Trägern, Karren und Wagen, die ihresgleichen suchen.

Junge Männer verspielen ihre Kraft und Talente, um Ramsch und Tand an die Touristen zu bringen oder locken sie mit erbärmlichen Äffchen und benebelten Schlangen oder mit inszeniertem Straßenklamauk, der nur noch den Naivsten den Eindruck von Jubel, Trubel, Heiterkeit vermittelt. Leidenschaftslos tönt die Livemusik zwischen hastig gefüllten und abkassierten Gläsern und Tellern. Erst tief drin in den Souks, wo die meisten Touristen schon die Geduld verlassen hat oder ihre knapp bemessene Zeit, habe ich das ein oder andere ehrliche Handwerk und entspannte Palaver gefunden und eine mit schürzenden Lippen bemalte Tür, ein wenig geöffnet sogar. Na sowas!

Inzwischen hat sich auf der Terrasse Seltsames ereignet. Zum einen ist sie mit Touristen überfüllt, zum anderen denken die, die keine Plätze an Tischen mehr finden, gar nicht daran, sich wieder zu entfernen. Die beiden Kellner reagieren jedoch nicht ungehalten, sondern schaffen aus einem hinteren Raum sogar noch zusätzlich Tische und Stühle herbei, um sie, ich traute meinen Augen nicht, sich selbst in den Weg zu stellen, in die ohnehin schmalen Gänge, die sie zur Bedienung brauchen. Weshalb?

Das sehe ich nun. Die tief gesunkene Sonne schiebt sich soeben hinter den Turm der Moschee. Kommt sie wieder hervor, wird sie nur noch ein kleines Stück lang zu sehen sein, um für heute unterzutauchen. Dieses Schauspiel erwarten, Handys und Fotoapparate gezückt, die Versammelten. Da gibt es schlimmere Bewaffnungen.

Jetzt changiert der Himmel um den Turm herum in einem Farbenspiel, wie ich es noch nie gesehen habe, zwischen zart und kräftig, blass und grell, gleißendweiß und purpurschwarz. Damit flaniert, wie unter einem Schirm, die stolze Dame Dämmerung. Keine Fototechnik vermag das festzuhalten. In mir schimmert sie, leicht verblasst, immer noch.

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