Wird Undenkbares nach und nach denkbar? Vor dieser Frage öffnet sich der Hintergrund, vor dem ich so stolz auf meine Fähigkeit bin. Begrenzt sie mich? Hält sie mich bis ans Ende meiner Tage gefangen? Oder ist sie die Gabe, in das Gebilde aus Raum und Zeit einzudringen, das ich ‚die Welt‘ nenne? Ist sie ein Kontinuum? Ist sie chaotisch? Das Wort ‚unendlich‘ soll mir den Weg freimachen, aber es ist wohl nur ein Schnippchen, das ich mir selber schlage.
Wenn ich für ein Geschehen eine Erklärung gefunden habe, eine Erklärung, bin ich meist zufrieden. Bedenklich ist das, weil es meist nicht einmal die halbe Wahrheit ist. Komplexes Denken ist meine Stärke nicht und vernünftiges Handeln ein frommer Wunsch. Bin ich überhaupt in der Lage dazu?
Oft kommen mir Erkennen und Handeln wie ein Dipol vor, in dessen Spannungsfeld ich hin- und hergerissen bin. Warum ist es so mühsam, beide zu einer gemeinsamen Kraft zu bündeln? Wäre das der Schlüssel zur Erkenntis der Welt? Zu einem guten Leben in ihr? Stattdessen denke ich vor allem an mich und verheddere mich fortwährend in den Folgen und Nebenwirkungen.
Wie das menschliche Denken entstand, ist ein weites Feld. Hier soll die Feststellung reichen, dass es zur Verfügung steht. Zunächst ist das weder ein Glücksfall noch ein Malheur. Ebenso wenig halte ich es für ein Accessoire oder Spiel, eher schon für ein kreatives Prinzip. Ob die Welt daraus hervorgegangen ist? Oder taucht es irgendwann in ihr auf? Ich weiß es nicht.
Tatsächlich soll ich seit ungefähr 300 000 Jahren etwas mit dem Denken zu tun haben. Wenn ich sehe, wohin es die Menschheit gebracht hat, besteht wenig Anlass zur Euphorie. Andere Lebensformen ohne diese Fähigkeit, sind häufig stabiler und dauerhafter. Sollte ich mir das Denken abgewöhnen? Das mag ein Drama sein, tut im Einzelfall aber nicht mal weh. Gott sei Dank? Gott sei Dank? Auch das ist ein anderes Thema.
Woran denke ich? Nach dem morgendlichen Erwachen an den bevorstehenden Tag. In ihm gehe ich um, tue dies und das, überlege, plane, kommuniziere. Stimmt das Feetback, verspüre ich Halt und Sicherheit, fühle ich mich gut. Ist das nicht der Fall, werde ich nachdenklich und suche nach Ursachen. Bin ich in die falsche Spur geraten? Ab vom Weg? Den wer bereitet hätte? Gelingt mir keine Abhilfe, stelle ich die Welt in Frage.
Diese Phase geht vorüber oder dauert an, bis gar nichts mehr geht. Besser ohne mich, denke ich dann oder: Hat das alles noch einen Sinn? An sich nicht. Das weiß ICH doch längst, klammere mich aber weiter an meinen WerdeGang. Besser wäre, ich könnte jeden Tag ein wenig mehr schaffen als abzuschaffen.
Selbst Stephen Hawking, ein Großmeister der Kreativität, hielt das für unwahrscheinlich. Er schlug am Ende seiner Tage vor, ein neues außerirdisches Zuhause für die Menschheit zu suchen. Ist das eine einfältige Vision oder eine listige Provokation? Die Antwort hat er mir zugedacht. Eine erste ist, dass ich so nicht davonkomme, so einfach nicht. Eine zweite ist, nach dem Erwachen nicht das Weite zu suchen oder sich verkriechen, sondern sich, mit den Gedanken voran und ohne Angst und Bange, in den Tag arbeiten. Dann könnte eine Dritte folgen.