In einem abgeschiedenen Bergdorf an der polnisch-tschechischen Grenze geschehen mehrere grausame Morde an passionierten Jägern: am Bürgermeister, am Pfarrer, an einem Tierzüchter und einem Bordellbetreiber. Offenbar hängen sie mit einer Lehrerin und ihren beiden Hunden, die eines Tages verschwinden, zusammen.
Der Film, in dem das vor sich geht, heißt „Pokot“, die „Die Spur“, nach dem Roman der polnischen Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Auf der Berlinale bekommt sie dafür als „Silbernen Bären“ den „Alfred-Bauer-Preis“, mit dem die Jury seit 1987 einen Film für die „Eröffnung einer neuen Perspektive der Filmkunst“ auszeichnet.1
„Ist das nun ein Psychodrama, eine Komödie, vielleicht eine schwarze Komödie, ein Thriller, ein Märchen“, fragt die polnische Regisseuse Agnieszka Holland. „All diese Genres sind hier vermischt. Ich war mir nicht sicher, ob ich das hinkriege, ob mein Talent, mein Handwerk ausreichen würde. Ich habe also versucht etwas für mich Neues zu machen.“ Für die lobende Kritik ist der Film ein „spannender Öko-Thriller, ein berührendes feministisches Drama und eine schräge Gesellschaftssatire mit pechschwarzem Humor“. Den katholischen deutschen Filmdienst „irritiert“ die „unentschlossene Mischung aus Heimatfilm, Dorfkrimi, Öko-Thriller und zeitdiagnostischem Gesellschaftsporträt“.
Das ist mal wieder ein Kunstwerk, das in keine Schublade passt und ein Tabu bricht. Bis 20 Minuten vor dem Ende geschieht manches Gruselige, dann aber traue ich meinen Augen nicht. Die überlebenden Protagonisten, die ‚armen Sünder‘, sind nach ihren Taten nicht nur in der Lage, gut weiter zu leben, sondern bekommen auch noch die Gelegenheit dazu. Kein Wolf ist am Ende mehr tot, aber ein perfides Netzwerk aus Obrigkeit, staatlichen Institutionen und privaten Unternehmungen ist zerstört. Den überraschten Betrachter verunsichert das. Weil zuguterletzt gar keine Spur schlechten Gewissens zu finden ist? Die Opfer einfach tot sind und die Täter weiterleben? Befreit?
Was für ein Angebot! Wo sind die Regeln hin, die jede Obrigkeit zu ihren Gunsten ausgelegt und den Untertanen Gehorsam abverlangt, sie mit apokalyptischen Szenarien einschüchtert und vor Anarchie und Terrorismus warnt? Mit ihrer binären Moral und Ethik zieht sie noch einmal alle Register, umgarnt die Eingelullten und die Wutbürger und maximiert parallel ihre Zugewinne an Macht und Einfluß. Was in „Die Spur“ nicht länger hingenommen wird und in ein Handeln überführt, das ich nicht gutheißen kann. Das ist aber nicht das Dilemma des Films, sondern meines. Die Folgen sind unabsehbar. Bleiben, wo und wie ich bin, ist jedenfalls keine Alternative.
1 Alfred Bauer war der erste Leiter der „Berlinale“. Nach seinem Tod 1986 wurde der nach ihm benannte Preis 30 mal verliehen. Wenige Tage nach meinem Blogbeitrag teilt die Berlinale-Leitung mit, diesen Preis ab sofort nicht mehr zu vergeben. Der Grund ist ein Beitrag in der Wochenzeitung „Die Zeit“, in dem Bauer als ein „hochrangiger Funktionär der NS-Filmbürokratie“ entlarvt wird.