„60. Biennale di Venezia“ 3

IMPULSE

Den Gang durch Arsenal, die ehemalige Schiffswerft von Venedig, beginne ich in der Corderie. Erbaut im 14. Jahrhundert als Seilerei, beherbert das Gebäude nun den zweiten Teil der Hauptausstellung. Am Eingang empfängt mich der „Refugee Astronaut VIII“, eine Skulptur des Britsch-Nigerianers Yinka Shonibare (geb. 1962). Der Künstler selbst sieht sich als einen „postkolonialen Hybriden“. Der Weltraum ist für ihn, ähnlich der Perspektive von Yael Bartana im deutschen Pavillon, ein möglicher Zufluchtsort für die Menschheit. „Flüchtlingsastronaut VIII“ ist eine Schaufensterpuppe aus Fiberglas, schutzlos in wachsbedruckten Baumwollstoff gehüllt. In einem Netz schleppt er auf seinem Rücken recht irdische Utensilien. Wo will er damit hin? In den Weltraum? Nicht sein Ernst? Im Kunstraum ist er schon. Eben angekommen? Aus Absurdistan?

Die Mexikanerin Frieda Toranzo Jaeger (geb. 1988) lebt und arbeitet in Mexiko-Stadt und Berlin. Ihre Gemälde thematisieren die Erkenntnis, dass unsere Welt zunehmend unübersichtlicher und ambivalenter wird. „Rage is a Machine in Times of Senselessness“ zeigt die Widerständigkeit marginalisierter Gemeinschaften in Kolonial- und Geschlechterfragen. „Wut ist eine Maschine in Zeiten der Sinnlosigkeit“ ist auch eine Hommage an die mit ihrer Poesie den Frauen zugewandte griechische Dichterin Sappho.

Aus Paraguay stammt die Keramikkünstlerin Julia Isidrez (geb. 1967). Von ihrer Mutter erlernte sie das Töpfern und arbeitet in der Tradition der indigenen Gruppe der „Guaraní“. Von der Mutter lernte sie auch, Formen und Funktionen zeitübergreifend zu verbinden. Aus Überliefertem sucht sie nach neuem künstlerischen Ausdruck. „Genährt von verschiedenen Welten, bewegt vom reinen Antrieb der Ästhetik, wechseln ihre geformten Töpfe von halluzinatorischer, manchmal barocker Figuration zur Genauigkeit strenger Volumen und klarer Linien.“

Dana Awartani (geb. 1987) ist eine palästinensisch-saudische Künstlerin, die in den indigenen Gemeinschaften der arabischen Welt und Indiens nach Verwandtschaft sucht. Ihre Installation „Come Let me Heal Your Wounds“ ist ein Requiem für historische und kulturelle Stätten, die in Kriegen und durch Terror zerstört wurden. Mit „Komm, lass mich deine Wunden heilen“ legt sie auch Zeugnis für die Verwüstung in Gaza ab.

In Seide gerissene Löcher markieren von Bombenangriffen und Bulldozern zerfetzte Orte, die sie sorgfältig stopft, Metapher und zärtliche Geste der Heilung. Die Nähte sind die körperlichen und seelischen Narben, die nach dem Ende von Krieg und Terror in der Wirklichkeit bleiben. In einem letzten Arbeitsgang wird der Stoff in Farben getaucht, die aus Kräutern und Gwürzen gewonnen sind und medizinische Wirkung symbolisieren.

Mit der Installation „Aguacero“ führt der Kolumbianer Daniel Otero Torres (geb. 1985) sein Kunstwerk „Regen“ von 2020 weiter. Er thematisiert die Widerstandsbewegungen von marginalisierter Gruppen. In „Regenguss“ sind es die Auswirkungen der globalen ökologischen Krise auf Kolumbien. „Das Werk erinnert an das ungewöhnliche System der volkstümlichen Stelzenarchitektur der Embera-Gemeinschaft an den Ufern des Flusses Atrato, das dazu dient, Regenwasser zu sammeln und die Bewohner mit sauberem Wasser zu versorgen. Paradoxerweise haben die Emberas, obwohl sie in einer der niederschlagsreichsten Regionen leben, aufgrund der umfassenden Verschmutzung durch illegalen Goldabbau große Probleme, an sauberes Wasser zu gelangen.“

Die Afro-Mexikanerin Aydee Rodriguez Lopez (geb. 1955) ist Autodidaktin. Farbenreich bildet sie Stimmen und Geschichten der schwarzen Gemeinschaften in Mexiko ab. Im Bild „Migración“ stgellt sie die Bewegungsbeschränkungen an der mexikanisch-US-amerikanischen Grenze der ungehinderten Migration von Vögeln und Monarchfaltern gegenüberstellt.

Die französisch-marokkanische Künstlerin und Wissenschaftlerin Bouchra Khalili (geb. 1975) erzählt in „The Mapping Journey Project“ über drei Jahre hinweg von den Flüchtlingsrouten im Mittelmeerraum. In acht Videos erfahre ich die dramatischen Geschichten von Menschen aus Nord- und Ostafrika, dem Nahen Osten und Südasien. dieser Leute.

Das Kartierungsreise-Projekt“ transformiert die Reiserouten mit Hilfe von Sternenkonstallationen aus der antiken Astronomie und Mythologie in eine poetische Dimension. Öffnen Menschen mit der Fähigkeit, sich in der Dimension des Universums wahrzunehmen, irgendwann noch einen Hoffnungshorizont?

Der Libanese Chaouki Choukini (geb. 1946) lebt seit Anfang der 1990er Jahre in Frankreich. Seit über sechs Jahrzehnten reagiert er kreativ auf die Veränderungen von Landschaft und Gesellschaft. „Villages Lointanes“ nennt er die hier gezeigten Skulpturen. Am liebsten arbeitet er mit Holz, ein tief mit der Erde verbundenes Material.

Seine Absplitterungen und Abschürfungen folgen normalerweise der natürlichen Richtung der Holzfasern. Ob Horizonte, abstrakte Konzepte, menschliche Figuren, Luftaufnahmen von Land, Vogelflüge, himmlische Figuren oder Tragödien, er behandelt diese Themen mit einfallsreichen Geometrien und Kurven.“ Die Arbeit „Entfernte Dörfer“, eine zeitliche und räumliche Lagebeschreibung, ist im Vorübergehen leicht zu übersehen.

Arpilleras“ ist Spanisch und heißt auf Deutsch „Sackleinen“. So werden auch bunte Flickenbilder genannt, die in Chile während der Militärdiktatur von Augusto Pinochet in den Jahren 1973 bis 1990 populär wurden. Bei Wikipedia ist nachzulesen, dass sie, weitgehend von Frauen, die sich Arpilleristas nannten, in von der chilenischen katholischen Kirche organisierten Werkstätten hergestellt wurden. Die fertigen Bilder wurden heimlich über die Menschenrechtsgruppe der Kirche, das Vikariat der Solidarität, im Ausland verteilt. Der Erlös war eine wichtige Einnahmequelle für die Arpilleristas, von denen viele aufgrund der weit verbreiteten Arbeitslosigkeit und des Verschwindens ihrer Ehemänner und Kinder in finanzieller Unsicherheit lebten.

Die in Panama-Stadt und in Serbien geborenen Künstler Antonio Guzman (geb. 1971) und Iva Jankovic (geb. 1979) leben in den Niederlanden. In Performances und Installationen kombinieren sie Indigotextilien und Klanglandschaften. Die Installation „Orbital Mechanics“ besteht aus handbedruckten, Indigo gefärbten Stoffbahnen. Bedruckt werden sie in Indien in der Ajrakh-Werkstatt. Ajrakh ist eine viertausend Jahre alte Drucktechnik. In „Orbitalmechanik“ ist ein abstraktes Muster interkultureller DNA-Sequenzen in die Textilien eingewebt. DNA-Sequenzierung hat die biologischen Wissenschaften revolutioniert und die Ära der Genomik eingeleitet. Mit ihr wird es möglich, „Verbindungen zwischen verschiedenen Arten aufzudecken und zu verstehen, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Warum sollte die DNA-Sequenzierung nicht auch dazu beitragen, „Fragen über den Ursprung und die Migration von Menschen zu beantworten“? Eine Klanglandschaft spielt auf Zugehörigkeit und Ausgrenzung an, „indem sie diasporische Klänge erforscht, die elektronische Musik, Dub, Punk und senegalesische Trommeln kombinieren“.

Die österreichische Malerin und Bildhauerin Susanne Wenger (1915-2009) beschäftigte sich in den 1950er und 1960er Jahren beschäftigte mit dem Volk der Joruba, das vor allem im Südwesten Nigerias lebt. Dort entstand das sagenumwobene Königreich von Ilé Ife. Auch gründeten sie Städte, die schon im Mittelalter bis zu 100 000 Einwohnern zählten. Bis zum 19. Jahrhundert war der Südwesten Nigerias ein Zentrum des Sklavenhandels. Daran waren die Joruba aktiv beteiligt. Als ihre Macht zurückging, wurden sie selbst versklavt.

Die Textilkomposition „Schöpfungsgeschichte“ versucht sich die Künstlerin in der Darstellung der Joruba-Kosmologie, die heute als Suche nach Archetypen interpretiert wird, ein Begriff, den Anfang des 20. Jahrhunderts Carl Gustav Jung, der Begründer der Analytischen Psychologie, prägte.

Die Mexikanerin Bárbara Sánchez-Kane (geb. 1987) zerlegt und seziert in der Performance „Prêt-à-Patria“ Klischees von Männlichkeit. Angelehnt an den französischen Modebegriff Prêt-à-Porter für Konfektionskleidung, kreiert sie eine neue Militäruniform und orchestriert sie mit einem Video und einer skulpturalen Installation. Indem sie ‚Porter‘ durch das spanische ‚Patria‘ für ‚Heimatland‘ ersetzt, kombiniert sie in „Bereit für die Heimat“ das militärische Bild des Staates mit der Symbolik von Männlichkeit und Macht. „Die Performance basiert auf dem Milizritual zur Bewachung und Ehrung der Nationalflagge, das in Mexiko als Escolta de Bandera (Flaggeneskorte) bekannt ist, und zeigt eine Gruppe von Männern, die diese Zeremonie in einer Uniform mit offenem Rücken und freiliegender Spitzenunterwäsche durchführen.“ Lustig wird das für manche nicht sein. Sie sind hier die Zielgruppe.

Puppies Puppies (geb. 1989) ist ein Pseudonym der US-Amerikanerin Jade Kuriki-Olivo. Ihr „Electric Dress“ ist eine Hommage an die Opfer eines Massenmordes, der 2016 während einer „Latin Night Party“ in einem queeren Nachtclub in Orlando, Florida, geschah. Außerdem bezieht sich „Elektrisches Kleid“ auf die bedeutende Künstlerin der japanischen Avantgarde Atsuko Tanaka (1932-2005). Ihr „Electric Dress“ entstand 1956. Sie trug es selbst in Performances und verwendete farbig blinkende Glühlampen. Um Jade Kuriki-Olivos „Elektrisches Kleid“ flackern statt Glühlampen LED-Lichter im Takt des Herzschlags und in den Regenbogenfarben der 1978 erfundenen „Progress Pride Flag“.

Am Hafenbecken hat die US-Amerikanerin Lauren Halsey (geb. 1987) „Keepers of the Krown“ auf frischen Sand gesetzt. Die Installation besteht aus fünf monumentalen Säulen, bedeckt mit Wörtern und Bildern, die Geschichten von Menschen aus ihrer Nachbarschaft erzählen. Mit der Idee, Altes und Neues in Zeiten einer epidemisch grassierenden Geschichtsvergessenheit beieinander zu halten, ist sie auf dieser Kunstschau nicht die einzige, doch dafür den Zusammenhang zwischen Architektur und Gesellschaft zu nutzen, schafft ihr ein Alleinstellungsmerkmal. „Hüter der Krone“ reicht über die Ermahnung, „die schwarze und afroamerikanische Diaspora und ihre Geschichte mit derselben Ehrfurcht zu wahren, wie die architektonischen Wahrzeichen in der Geschichte des europäischen Kontinents“. hinaus. Werden wir, wenn Kriege und Klimawandel Auswärtige demnächst in Massen zu uns bringen, noch in der Lage sein, unser Zuhause wie eine Krone zu hüten?

 

 

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