„60. Biennale die Venezia“ 4

NOCHMAL IM ARSENAL

Everything Precious Is Fragil“ ist die Botschaft der Künstler:innen Chloé Quenum (geb. 1983), Moufouli Bello (geb. 1987), Ishola Akpo (geb. 1983) und Romuald Hazoumé (geb. 1962) aus dem wesatafrikanischen Benin. „Alles Kostbare ist zerbrechlich“ berührt mit den Themen Sklavenhandel, Amazonen, Gèlèdé-Philosophie und Vodun-Religion ihren Lebensraum. Das öffentliche Fest „Gèlèdé“ feiert mit farbenfrohen Masken und rituellem Tanz die spirituelle Kraft der Mütter. Das Motiv der Amazonen erinnert an die militärische Rolle der Frauen im Königreich Dahomey. Die Vodun-Kosmologie dreht sich um Geister und Elemente des Göttlichen, die die Erde regieren.

Chloé Quenum erinnert mit einer Replik des Außenfensters des Pavillons daran, dass das heutige Ausstellungsgelände einmal für Eroberungen außerhalb Europas gebaut wurde. Beutestücke werden bis heute in ethnographischen Museen gezeigt.

Moufouli Bello erzählt mit seinen Bildern von den Beziehungen zwischen den Frauen. „Es geht um mentale Gesundheit, um Wissen, um Teilen, um Gemeinschaft. Wenn du in Afrika auf einen Markt gehst, sind die Stände so aufgebaut, dass eine Interaktion entsteht. Es geht nicht um Konkurrenz, sondern ums Teilen.“

Für Ishola Akpo sind Frauen das spirituelle und soziale Zentrum der Gesellschaft. Da sollten wir wieder hin, wenn es den Menschen auf der Erde gut gehen soll.

Romuald Hazoumé hat eine Art Iglu aus Benzinkanistern gebaut, die mich wie Masken hundertfach anstarren, anklagen. Der Gang hinaus kommt mir vor wie eine Fluchtbewegung.

A Dance With Her Myth“ heißt der Beitrag des Libanon, „Ein Tanz mit dem Mythos“. In dem Unheil in ihrem Land hat hat die Künstlerin Mounira Al Solh (geb. 1978) nach historischen Anhaltspunkten gesucht, nach „unerschütterlichen Säulen“ und sie zu einer multimedialen Installation zusammengefügt. Blickfang ist ein Schiff der Phönizier, das eine „andauernde Reise der Emanzipation und Geschlechtergleichheit“ symbolisiert. Die Künstlerin möchte, dass „Frauen und andere gemeinsam ihre Geschichten zurückfordern, um sie neu zu schreiben“. Auf Bildern wird die Geschichte Europas aus weiblicher Perspektive erzählt. Da trägt zum Beispiel die Königstochter den Stier auf ihrem Rücken. Ihre Mutter, die in der männlichen Überlieferung im Exil stirbt, überlebt und nicht die Söhne bringen das Wissen in die Welt, sondern die Mutter, die das Alphabet erfindet.

Wurde nicht in der belgisch-französisch-luxemburgischen Filmkomödie „Das brandneue Testament“ aus dem Jahre 2015 ein machtloser Gottvater als neokolonialer Arbeitssklave nach Usbekistan verbracht? Um in einer Waschmaschinenfabrik verzweifelt den Rückweg in seine Brüsseler Machtzentrale zu suchen, in der längst seine Göttergattin die Kontrolle zum Wohle der Menschheit übernommen hat? In Venedig erforscht die usbekische Diaspora-Künstlerin Aziza Kadyri (geb. 1994), die jetzt in London lebt, die Erfahrungen zentralasiatischer Frauen und wie sie im Migrationsprozess ihre Identität neu erfinden. Es ist eine gemeinsame Arbeit mit dem Qizlar-Collective, eine Gruppe kreativer Frauen, die sie selbst in Taschkent mitbegründet hat.

Don’t Miss The Cue“ verwandelt den Pavillon in eine Theaterkulisse mit Backstage-Bereich, skulpturalen Objekten, Textilien und audiovisuellen Installationen. „Wie definieren Menschen ihr Leben innerhalb ihrer Gemeinschaften? Wie beeinflusst das Verständnis von Heimat, Familie und Nation unser Miteinander?“

Verpassen Sie nicht den Einsatz“ führt mich an blauen Skulpturen und Kostümen vorbei, die in der traditionellen usbekischen Handsticktechnik „Suzani“ angefertigt sind. Am Ende stehe ich auf einer Bühne und werde mit Filmsequenzen konfrontiert, die mich beim Gang auf dem gewundenen Parcours zeigen.

Die Überschneidung von Mobilität und Fremdheit ist zu einer komplexen Textur heutiger Gesellschaft geworden, die zu tiefgreifenden Überlegungen über die Auswirkung der Globalisierung auf Individuen und Gesellschaften führt“, sagt Wang Shaoqiang (geb. 1969). Mit Jiang Jun repräsentiert er die Ausstellung für China. „Atlas: Harmony In Diversity“ ist in einer Welt der Krisen und Zwiste aus dem Konzept des Sammelns, Austauschens und Integrierens hervorgegangen. Im Chinesischen steht dafür das Schriftzeichen „, gesprochen „Jí“.

Vielleicht kommen wir jetzt unter die Räder all dessen, was wir so gern feiern. Was überrollt uns da? Der Fortschritt? Was läuft da falsch? „ist ein Hinweis auf die Notwendigkeit von Integration, die umso existenzieller wird, je mehr wir sind. Die hier versammelten Kunstwerke dienen der Annäherung und des Zusammengehens von Ethnien, Glaubensrichtungen, Identitäten, Ideen, Zielen, Hintergründen und Kulturen.

Während die Menschheit heute mit sich verschlechternden äußeren ökologischen Bedingungen und den inneren Herausforderungen durch ‚überall wimmelnde Ausländer‘ zu kämpfen hat, möchte diese Ausstellung einen Paradigmenwechsel von der Unterschiedlichkeit zur Koexistenz ermöglichen.“

Für Singapur hat Robert Zhao Renhui (geb. 1983) „Seeing Forest“ nach Venedig gebracht, ein Experiment, wie nur die Kunst es kreieren kann. Seit einem Studium der Fotografie in London betreibt der Künstler in der Heimat das pseudowissenschaftliche „Institute of Critical Zoologists“. Er will „einen kritischen Ansatz zum zoologischen Blick entwickeln bzw. zur Art und Weise, wie Menschen Tiere sehen“. Seines Erachtens vermitteln Tiere „Bedeutungen und Werte, die kulturspezifisch sind, und wenn wir das Tier betrachten, können wir uns dem kulturellen Kontext, dem politischen Klima und den sozialen Werten, in denen diese Beobachtung stattfindet, nicht entziehen“.

Wald sehen“ bezieht sich auf einen Sekundärwald in Singapur. Das ist für den Künstler eine Baumgesellschaft, die sich nach der Zerstörung des Primär- oder Urwalds bildet. Anders als in Nutzwäldern verändern sich Pflanzen-, Tier- und Pilzgesellschaften weitgehend natürlich. So können sich Sekundärwälder nach den von Menschen verursachten ‚Störungen‘ wieder zu „radikal gastfreundlichen Räumen“ regenerieren.

Aus seinem Archivbestand ist in Venedig mit Videoinstallationen und einere Holzkonstruktion ein „Möglichkeitsraum“ entstanden. Die Videos zeigen eine Durchdringung von Vergangenheit und Gegenwart, von Natur und Kultur, von Heimischem und Invasivem, um „durch hypnotisierende Bilder und Klänge einen imaginären Wald zum Leben zu erwecken und mit den unzähligen Lebewesen, die ihn bevölkern, ein Gefühl der Gemeinschaft, des Staunens und des Mysteriums hervorzurufen“.

 

ESSENZ

Vor zwei Jahren überschrieb ich meine Eindrücke von der 59. Biennale di Venezia und der documenta fifteen in Kassel mit „Harvest“. Für das Fazit in Venedig passt diesmal eher „Essenz“.

Das Gastgeberland fehlt noch. Aus gutem Grund bespreche ich es zum Schluss. Der Pavillon von Italien ist seit 2006 ein ehemaliges Werftgebäude im Gelände Arsenal. In einer ersten Halle sitzt auf einer flach ausgelegten riesigen quadratischen Orgelpfeife die Bronzestatuette eines „Bodhisattvas“. In der buddhistischen Kunst ist das ein Wesen der Erleuchtung. Mit ihm eröffnet Massimo Bartolini (geb. 1962) die Klang- und Umweltinstallation „Two here / To Hear“. Für ihn ist Fremdheit der „erste Schritt zum Verständnis der anderen“.

In einer zweiten Halle bildet ein Metallgerüst, wie es auf Baustellen verwendet wird, einen begehbaren Kubus. „Ich arbeite gern über den Raum, schaffe etwas, was ihn verbessert, größer oder anders erscheinen lässt, und ich arbeite gern mit anderen zusammen“, sagt der Künstler. „Kooperationen bedeuten für mich, dass es einen Austausch gibt, der unerwartete Reaktionen auslöst. Ich bevorzuge es, das Leben als reine Zusammenarbeit zu sehen, anders als die Idee des Demiurgen, der alles allein erfindet.“ Ein ‚Demiurg‘ ist in der altgriechischen Umgangssprache ein Handwerker, den Philosophie und Theologie zum Baumeister des Universums werden ließen.

Wege in und durch die Gerüstkonstruktion führen zu zwei Klangmaschinen und einem Brunnen, in dem sich eine stehende Welle manifestiert. „Ich arbeite schon länger mit Wasser, mit Bewegungen, mit Musik. Musik existiert nur, wenn sie aufgeführt wird. Sie ist immer reine Wirklichkeit. Um die Welt zu erleben, stelle ich weniger das Sehen als das Hören in den Mittelpunkt.“

Aller guten Dinge sind hier nicht drei – oder? Denn statt in eine dritte Halle, gelange ich aus der zweiten ins Freie, in Gras- und Baumgrün. „Dort haben wir Boxen so über die Äste geworfen wie es manche mit zusammengebundenen Schuhen machen. Dazu hört man eine Komposition von Gavin Bryars für drei Stimmen, Percussion und Vibraphon, inspiriert von einem Gedicht des argentinischen Poeten Roberto Juarroz. Darin nimmt sich ein Mensch als Baum wahr, der durch osmotische Beziehungen und Wurzeln mit der Welt verbunden ist. – Was immer hier passiert, legt diese Inszenierung nahe, passiert in uns selbst.“

Beide Hallen und der Garten, da sind sie eins, vermitteln zwischen mir und dem Universum. Im Garten tun es die Bäume und ihre Überreste, in der zweiten Halle die Klangmaschinen und in der ersten der Bodhisattvas. Die Assonanz des doppelten Titels „Two here“ („Zwei hier“) und „To Hear“ („Hören“) ist die Empfehlung, aufeinander zu achten und einander zuzuhören: einem Menschen, einem Baum, einem Ding. Je besser mir das gelingt, desto eher bin ich in der Lage, Fremdheit abzustreifen und mit Ängsten umzugehen.

Das ist die Verbindung zum deutschen Beitrag. Der Titel „Schwellen“ wird erst hier für mich zum Synonym für Grenzen, wenn wir darüber stolpern. Sie schrecken ab und ziehen an und weisen auf ein Gebiet, von dem ich nicht weiß, wie und was mir darin geschehen wird.

Laut Lexikon ist Kreativität ein divergentes Denken. Ihr Merkmal ist „das Finden neuer Aspekte und Ansätze zu Problemlösungen“. Eine Illusion ist, dass ich bleiben könnte, wie und wo ich bin. Will ich nicht selbst, so werde ich von Raum und Zeit bewegt. Bin ich divergent, bin ich selber unterwegs. Dann geschieht nicht nur, was mir passiert.

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