„59. Biennale di Venezia“ 1

THE MILK OF DREAMS

Mit dem Motto „The Milk of Dreams“ der 59. Biennale di Venezia müssen „die alten, weißen Männer, wie sie seit Dekaden die Biennale hegemonisieren […] mit megalomanen One-Man-Shows in diversen Palazzi um Aufmerksamkeit betteln“, schreibt sichtlich überrascht das Magazin „Kunstforum“. 202 Künstlerinnen und 21 Künstlern gibt die italienische Kuratorin Cecilia Alemani die Gelegenheit, ihre Werke zu zeigen.

Fünf Jahre zuvor hat sie schon einmal für die Kunstschau gearbeitet und entwickelte 2017 für die 57. Biennale di Venecia aus Arbeiten von drei italienischen Künstlern „Il mondo magico“, den nationalen Beitrag Italiens. „Die magische Welt“ vertraut der verändernden Kraft unserer Vorstellungen, in denen die Kunst ein wichtiges Mittel ist, um eine lebenswerte Welt zu gestalten. Der Titel ist dem Buchtitel „Il mondo magico“ von Ernesto de Martino (1908 bis 1965) entlehnt, in dem einem neapolitanischen Gelehrten Magie nicht Flucht in die Irrationalität bedeutet, sondern eine Chance ist, die Welt in neuer Weise wahrzunehmen.

Wie vorausschauend es war, als sie damals „die Rolle, die Mitsprache und die Verantwortlichkeit der Künstlerinnen und Künstler im Zusammenhang zeitgenössischer Debatten“ zu „entscheidenden Faktoren“ erklärte, zeigt sie jetzt: Dass ein planetares Gleichgewicht mit der Macht von vor allem alten und vor allem weißen Männern nicht zu machen ist.

„The Milk of Dreams“ ist der Titel eines Kinderbuches der Schriftstellerin, Malerin und Bildhauerin Leonora Carrington (1917-2011). 1938 nahm sie an der legendären Ausstellung „Exposition Internationale du Surréalisme“ in Paris teil, lebte dort mit dem 26 Jahre älteren Max Ernst zusammen, befreundete sich mit Joan Miró und André Breton, flüchtete 1940, nach der Verhaftung ihres Lebensgefährten, erst nach Spanien und 1942 weiter nach Mexiko. „The Milk of Dreams“ beschreibt eine Welt, in der das Leben durch ein Prisma der Vorstellungskraft immer wieder neu erfunden wird.

„Im Grunde“, sagt die Kuratorin, „nehme ich die Besucher*innen mit auf eine imaginäre Reise durch die schillernde Welt immer neuer Metamorphosen der Körper und stelle dabei die herrschenden Definitionen des Menschlichen und Menschen in Frage. Dieses gegen alles Hierarchische gerichtete Denken hinterfragt die traditionellen Lehren der Aufklärung und Renaissance von einer Welt, in der der Mensch, letztlich der Mann das Zentrum und das Maß aller Dinge ist.“

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Am ersten von drei Biannale-Tagen bin ich in den Giardini. Seit Anbeginn der venezianischen Kunstschauen im Jahr 1895 ist das ihr Hauptschauplatz. Angelegt wurde das Gartengelände ab 1834 im Stadtteil Santa Croce. Von meinem Quartier in Canareggio aus ist es gut mit dem Vaporetto zu erreichen. Tags zuvor mit der Eisenbahn angereist, bin ich nachts mit Mückenjagd beschäftigt. Das akzeptable Frühstück muss ich im Zimmer einnehmen, weil das kleine Hotel weder eine eigene Küche noch einen Früstücksraum hat.  Den Modus ungeduldiger Eile löst erst der Wasserbus auf.

Oder sind es Wiederbegegnungen entlang des Canale Grande? Die Ende des 16. Jahrhunderts über einem einzigen Bogensegment errichtete Rialtobrücke? Die elegante Armada lackschwarz glänzender Gondeln und wie sie das Vaporetto spielerisch umkurven? Die  selbstherrliche Fassade des Palazzo Grassi, Ende des 18. Jahrhunderts der letzte repräsentative Neubau der Dogenrepublik am Kanal?

Die Accademia-Gebäude, die heute ein Kunstmuseum mit der bedeutendsten Gemäldesammlung der Stadt beherbergen, krönen sich mit der Ponte dell’Accademia aus Holz und Stahl, die 1933 eröffnet wurde. Gleichwohl erheischt das gründurchwirkte Uferstück dahinter mit dem Guggenheim-Museum gleichermaßen Beachtung. Dann weitet sich der Blick auf die Lagune, den die Bauten am Markusplatz in kollektiver Herrlichkeit wieder einfangen: der Campanile; die beiden Säulen mit den Stadtbeschützern San Marco in Löwengestalt und San Teodoro, dem Märtyrer; der Dogenpalast mit der Seufzerbrücke in den Gefängnistrakt hinein. Oder ist es der Wasserstrom selbst, der mit seinem Doppelschwung die Geschwindigkeit aus der Zeit nimmt und mich der Kunst zuführt?

Der erste nationale Pavillion, in den ich schaue, ist der belgische. Francis Alӱs (geb. 1959) füllt ihn mit „Nature of the Game“. Im zentralen Raum zeigen 13 Videos Kinder in aller Welt bei Straßenspielen. „Sobald ich irgendwo ankomme“, sagt der Künstler, „frage ich, wo die Kinder spielen. So komme ich einer Gesellschaft näher, ohne mich aufzudrängen“.

In solchen Spielen, die er seit 1999 dokumentiert, entdeckt er den Ursprung von Empathie und Verantwortung. Gleichzeitig bemerkt er, wie diese Spiele sich langsam in Fingerübungen auf Handytastaturen verwandeln. In Seitenräumen hat er auf Miniaturgemälden Momente aktueller Krisen und politischer Konflikte zum Beispiel im Irak, in Afghanistan, in Israel und in China festgehalten.

Wie ein Tourgide leitet mich Szófia Keresztes (geb. 1985) mit „After Dreams: I Dare to Defy the Demage“ durch den ungarischen Pavillon. Mit Mosaiken umhüllte organisch anmutende und teilweise miteinander verkettete Styropor-Gebilde schlängeln am Boden und hier und da zur Decke hinauf, nötigen mich hierhin und dahin, verengen den Weg und schaffen unvermeidliche Durchgänge. Der Titel „Nach Träumen: Ich wage es, dem Schaden zu trotzen“ bezieht sich auf den 1937 erschienenen Roman „Reise im Mondlicht“ des ungarischen Schriftstellers Antal Szerb.

Der Protagonist beginnt in Venedig seine Hochzeitsreise. Von Freund- und Leidenschaften seiner Jugend eingeholt, wird sie zu schmerzhafter Selbsterkenntnis. Mitgedacht ist auch  die von Arthur Schopenhauer 1851 veröffentlichte Parabel „Die Stachelschweine“. Darin sind wir Menschen soziale Wesen, die die Gesellschaft anderer Menschen suchen, um zu sich zu finden. Dabei verletzen wir einander umso mehr, je näher wir uns kommen. Ist das eine autistische Perspektive? Schafft Autismus vielleicht einen Einblick in einen existenziellen Widerspruch?

Den Pavillon der USA hat Simone Leigh (geb. 1967) gestaltet. Ursprünglich sollte die Ausstellung „Grittin“ heißen, ein umgangssprachlicher Begriff für schützende Entschlossenheit.  Vor der Eröffnung der Biennale änderte sie den Titel in „Sovereignty“. Eine vom Dach hängende Strohbedeckung und eine Doppelsäule aus groben Holzbalken soll an eine Sklavenhaltervilla erinnern und bezieht sich zugleich auf ein Gebäude der Pariser Kolonialausstellung von 1931, in dem eine Gruppe französischer Surrealisten gemeinsam mit der Kommunistischen Partei Frankreichs eine Gegenausstellung organisierte.

Mit diesem Bezug gestaltet die Künstlerin das Innere des Pavillons mit „Souveränität“ zu einem Denkmal für die Anmut und Kraft der menschlichen Arbeit. Dafür gab ihr die Jury der Biennale den „Preis für den besten Beitrag in der Hauptausstellung The Milk of Dreams“.

„Die meisten Menschen werden meine Arbeit nicht mögen“, teilte der Künstler und Musiker Marco Fusinato (geb. 1964) der Kunstwelt zu Anfang der Kunstschau mit. Der hohe Hauptraum im australischen Pavillon ist weitgehend leer. Linkerhand ist vom Boden bis unter die Decke eine weiße Leinwand gespannt. Seitlich davor bilden im rechten Winkel dazu 12 große und 6 kleinere Lautsprecherboxen eine Schallwand in Schwarz.

Farben konzentrieren sich in diesem Raum einzig und allein auf ein kleines gerahmtes 400 Jahre altes Gemälde an einer Stirnwand, das ein Memento mori zeigt. Der Künstler erwarb es bei einer Online-Auktion und erkor es zum Maskottchen.

Als er den Raum betritt, sitze ich auf einer von wenigen gegenüber der Bildwand aufgestellten Transportboxen. Er nimmt eine bereitstehende E-Gitarre, setzt sich der Bild- und Tonwand abgewandt mit Blick auf das Gemälde und ‚füttert‘ mit der Gitarre und verschiedenen Effektpedalen eine Soundmaschinerie, die mit der Lein- und Schallwand gekoppelt ist. Ein Rechner synchronisiert mit Bildwiederholfrequenzen tausende von eingespeicherten monochromen Schwarz-Weiß-Bilder mit den Klängen und Geräuschen.

„Desastres“ – angelehnt an die Grafik-Folge „Kriegskatastrophen“ von Francisco de Goya – nennt Fusinato seine Performance, für die er selbst mehrmals täglich an sechs Wochentagen über die gesamte Biennale-Zeit zur Verfügung steht. Doom Metal wird ein Anfang der 1970er Jahre entstandener Sound genannt, dessen Erfindung der Band Black Sabbath zugeschrieben wird. „Doom“ steht für „Unheil“ und „Verhängnis“.

„Katastrophen“ ist „ein experimentelles Lärmprojekt, das Ton und Bild synchronisiert“, sagt der Künstler. „Ich verwende eine E-Gitarre als Signalgenerator, um Geräuschblöcke, gesättigte Rückkopplungen und unharmonische Intensitäten zu improvisieren, die eine Flut von Bildern auslösen. Die Bilder stammen aus einer Reihe von Wörtern, die in eine offene Suche auf mehreren Online-Plattformen eingegeben wurden.“ Die Bilder zeigen geometrische, irdische und kosmische Motiven, menschengemachte Katastrophen und Bürgerproteste, Szenen von Gewalt, Folter und Blutvergießen erbarmungslos.

So dringen sie ein, behindern das Atmen, toben in den Eingeweiden, bis meine Beine reagieren und mich auf die Terrasse vor dem Eingang bringen, während der Master of Desaster drinnen wie auch immer irgendwann zur Ruhe kommt, die ich draußen lange noch nicht finde.

„Score“ nennt der Künstler die seine Ton-Bild-Faltungen im Raum. „Ich bin immer auf der Suche nach etwas, das ich nicht quantifizieren kann; es ist ein Gefühl. Und dann finde ich es vielleicht und habe es eine Weile. Das kann einen weit bringen.“ In die Klapse? Ins Universum? Ins Grab?

Die Basstöne folgen mir in die entlegensten Winkel der Giardini. Oder bringe ich sie dahin? Lautstärke und Bildfrequenz könne er steuern, sagt Fusinato, die Auswahl der Bilder nicht und dass er sein Instrumentarium nicht vollständig verstehe. Wie die digitale Kontrolleinheit auf seine Improvisation reagiert, will er in der Biennale-Zeit lernen.

Seine Eltern waren Bauern in einem Dorf der Provinz Belluno, etwa 100 Kilometer nördlich von Venedig. Bevor sie 1960 nach Australien auswanderten, bewirtschafteten sie Land mit Eseln. Die Elternsprache Bellunisch ist in Italien so gut wie verschwunden. „Wenn ich nach Venetien zurückkomme“, sagt er heute, „ist es, als käme ich aus der Vergangenheit“. Taxifahrer brechen, wenn er bellunisch mit ihnen spricht, in Tränen aus.

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