zwei Fiktionen und ein Fakt

Wünscht sich ein Wolf, dass ihm ein Zickenlamm ins Maul spaziert? Wünscht er, eines zu treffen, wenn er auf der Jagd ist? Weiß er, dass er es oder etwas anderes erjagen muss, um am Leben zu bleiben? Sonderbare Fragen? Sonderbar ist, wenn wir uns vorstellen, wir seien die einzigen Wesen auf dem Planten, die Wünsche und Ziele haben.

Wäre es ein Alleinstellungsmerkmal, stünden wir in einem Jahrmilliarden lang immer wieder lebensverträglich ausbalancierten Naturgeschehen tatsächlich allein da. Manchmal sieht es so aus, als verstünden wir eine inzwischen entstandene Eigenverantwortung, dann aber benehmen wir uns wieder, als könnten uns die guten Geister gar nicht verlassen. Sie sind aber gar nicht da! Geister sind eine Fiktion.

„Die bedeutendste Herausforderung unserer Tage ist nicht der Klimawandel, der Verlust an Biodiversität oder Pandemien. Das bedeutendste Problem ist unsere kollektive Unfähigkeit, zwischen Fakten und Fiktionen zu unterscheiden.“ So steht es im Buch „Earth for All“, der im vergangenen Jahr erschienene neue Bericht an den Club of Rome. Seit „Die Grenzen des Wachstums“, der erster Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, der vor genau 50 Jahren erschien, sollte niemand überrascht von dem sein, was jetzt ist.

Peinlich sind alle, die das als unser Schicksal ansehen. „Leben und leben lassen“ hat für die, denen es gut geht, nach wie vor Priorität. Im 18. Jahrhundert fing das an, übernommen vermutlich vom französischen „laissez faire – laissez passer“ („lasst machen – lasst gehen“). Das war allerdings wirtschaftspolitisch gemeint, nämlich dass sich Wirtschaft am besten ohne staatliche Eingriffe entwickeln möge. Das ist eine zweite Fiktion.

Bemerkenswert im Zitat aus „Earth for All“ ist der Begriff ‚kollektive Unfähigkeit‘. Einzelnen ist Unfähigkeit ohne Weiteres zugestanden, sobald sie sich aber immer weiter individualisiert, laufe ich Gefahr, mich aus der Gemeinschaft, auf die ich angewiesen bin, auszuschließen oder, schlimmer noch, sie für mich auszunutzen. Das ist keine Fiktion. Das ist ein Fakt.

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