Viel zu viele sind wir

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Vor einem halben Jahrhundert gab der Club of Rome eine Studie in Auftrag, in der mit Hilfe von Großrechnern Szenarien für die Zukunft der Menschheit errechnet wurden. „Die Grenzen des Wachstums – Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“ sorgte weltweit für Aufsehen. Es war das erste Mal, dass der Einfluss der Menschheit auf die Erde wissenschaftlich erklärt wurde.

„Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht“, heißt es und dass das übermäßige Wachstum schon eines Faktors die Zukunft der Menschheit gefährden kann. Beachten wir das nicht und berauschen uns weiter an unseren Möglichkeiten, könnten sich die Lebensbedingungen auf der Erdoberfläche bald schon drastisch verändern.

Der Bericht zeigt auch auf, wie nahe wir manchen Wachstumsgrenzen schon sind und ermahnt zur Handlungsvernunft. Damals hielt ich die fünf genannten Faktoren für gleich wichtig. Heute sehe ich das Bevölkerungswachstum als den ursächlichen an.

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Inspiriert von der Studie des Club of Rome und einem Roman erschien 1973 der US-amerikanische Sience-Fiction-Film „Soylent Green“. Die Romanhandlung spielt im Jahr 1999, die des Films in New York. Dort leben im Jahr 2022 vierzig Millionen Menschen in Dauerhitze und leiden unter ständigem Wasser- und Nahrungsmangel. Letzte Bäume werden wie Heiligtümer gehütet und Nutztierherden wie Waffenarsenale bewacht. Die Wohlhabenden leben in klimatisierten Räumen mit fließendem Wasser und frischem Gemüse, die meisten sind andauernd hungrig und werden mit Nahrungsriegeln abgespeist. Das neueste Produkt heißt Soylent Green, angeblich aus Plankton. Die Polizei lässt die, die sich darum streiten, auf Mülltransporter laden und irgendwohin entsorgen. Im Roman steht nicht, woraus Soylent Green tatsächlich ist. Der Film enthüllt am Ende, dass es sich nicht um Plankton, sondern um verarbeitete Menschen handelt.

1976 kam die neokannibalistische Dystopie „Logan’s Run“ in die Kinos. Ort der Handlung ist eine überkuppelte Stadt, in der im Jahr 2274 ein Rest Menschen geschützt vor der verseuchten und verstrahlten Erdoberfläche lebt. Servomechanismen ermöglichen in der Abgeschlossenheit einen hedonistischen Lebensstil und halten ihre Anzahl und die verfügbaren Ressourcen konstant. Das funktioniert nur, weil alle Menschen getötet werden, wenn sie das dreißigste Lebensjahr erreichen. Die kollektive Selbsttäuschung wird durch Veranstaltungen aufrecht erhalten, bei denen die zur Tötung Bestimmten in einer Arena in die Höhe steigen und unter dem Kuppeldach zerplatzen. Um wiedergeboren zu werden, redet man sich bis zur Unerträglichkeit ein.

1970 erschien in der DDR die Erzählung „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“ von Shichiro Fukazawa. In seiner Heimat Japan erschien sie 1957 und handelt von einem abgelegenen Bergdorf, in dem die Bewohner ständig Hunger leiden müssen. Um als Gemeinschaft zu überleben, haben sie einen Brauch erfunden. Wer Siebzig wird, pilgert selbstbestimmt zum Narayama-Berg, um in seiner Einsamkeit zu sterben. Tatsächlich leiden alle, auch die Leser, unter dieser Überlebensstrategie. Zugleich verunsichert der Text zunehmend über die Zeit des Geschehens, bis zum Gefühl, dass es ganz nahe liegen könnte. Die Dorfgemeinschaft steht für die Menschheit aus der Perspektive des Hungers. Da, wo Hunger haust, überlebt, wer lernt, vorhandene Ressourcen zu akzeptieren und mit ihnen umzugehen.

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Fast acht Milliarden Menschen leben heute. Vier Milliarden waren es 1974, zwei Milliarden 1927, eine Milliarde Menschen um das Jahr 1800. Jüngst führte der US-amerikanische Weltbank-Ökonom Herman Daly die Begriffe ‚leere Welt‘ und ‚volle Welt‘ in die Debatte um die Menschverträglichkeit des Planeten ein. Als im 18. Jahrhundert technische Erfindungen das Leben in West- und Mitteleuropa beschleunigten und bald darüber hinaus, begann mit David Hume („On the Balance of Power“ – „Über das Gleichgewicht der Mächte“) und Montesquieu („Réflexions sur la monarchie universelle en Europe“ – „Betrachtungen zur Universalmonarchie in Europa“) ein geopolitisches Denken. Da war die Welt noch leer. Ihre Hülle und Fülle schien unermesslich. Wo sie zu sehr strapaziert wurde, reichte es, sie eine Weile in Ruhe zu lassen, und sie erholte sich wieder. In einer vollen Welt ist das anders.

Das zeigt der Bericht „Come On!“ („Wir sind dran“) des Club of Rome von 2017. Anknüpfend an die „Enzyklika Laudato Si“ von Papst Franziskus, die 2015 erschien, fordert er zu einem neuen Denken für „unser gemeinsames Haus“ auf und kritisiert die Wachstumsökonomie, mit der sich die Menschheit selbst in die Enge treibt. Es ist ein Wachstum, das der Biosphäre ersatzlos Bestandteile entzieht, ohne sie zu ersetzen, wodurch lebensnotwendige Reproduktionsprozesse erst gestört und dann zerstört werden.

In der Sprache der Mathematik heißt so ein Wachstum „exponentiell“ und bedeutet, dass  Zusammenhänge, die gut überschaubar und umgänglich erscheinen. Grafisch dargestellt, sehen sie wie Linien aus. Doch plötzlich, ohne dass ich etwas anders mache, nur dasselbe immer weiter, verändern sie sich, verlassen die brave Linie und schießen, ohne dass ich es verhindern könnte, in die Höhe. Das ist jedoch kein Höllenspuk, sondern die Eigenart exponentieller Funktionen – so nennt die Mathematik Zusammenhänge. Sie wohnt ihnen von Anfang an inne und lässt sich berechnen. Physikalisch bedeutet exponentielles Wachstum,  dass alles in der Natur, was in einen solchen Zusammenhang kommt, unweigerlich in einem bestimmten – mathematisch bestimmbaren – Moment in Unabsehbares hinein kollabiert. Was aus dem Bisdahin wird, ob etwas von ihm übrig bleibt, ist ungewiss.

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Lebensweisen ergeben sich sich aus der geografischen und gesellschaftlichen Umgebung, sowie den individuellen Veranlagungen und der Fähigkeit, damit umzugehen. So entsteht für jede und jeden ein eigenes Weltbild und auch ein Gefühl dafür, wie viele Menschen man an einem Ort, in einer Region und global für möglich hält. Wird das ernst genommen, wird versucht, die Menschenzahl zu berechnen, die uns gut verträglich erscheint. Hierbei kann  der „ökologische Fußabdruck“ ein wichtiges Hilfsmittel sein. Er ist eine von den Lebensweisen her bestimmte Bedarfszahl, die der Schweizer Nachhaltigkeitsdenker Mathis Wackernagel und der kanadischen Ökologe William Rees 1994 entwickelt haben.

Der ökologische Fußabdruck bezeichnet die biologisch produktive Fläche, die notwendig ist, um eine bestimmte Lebensweise unter vorhandenen Produktionsbedingungen dauerhaft zu ermöglichen. Sie beinhaltet Flächen zur Produktion von Kleidung und Nahrung, zur Bereitstellung von Energie, zur Entsorgung von Müll und zum Binden des durch menschliche Aktivitäten freigesetzten CO2.

Addiere ich die ökologischen Fußabdrücke aller Individuen einer Population, erhalte ich ziemlich genau die Fläche, die eine Gemeinschaft mindestens benötigt, wenn sie sich dauerhaft zufriedenstellend an einem Ort, in einer Region und auf der Erde halten will. Ist dieser Flächenbedarf im Ganzen größer als die vorhandene, beginnt die Biosphäre, sich zu verändern. Hat auch nur ein Faktor in diesem Bedarf einen exponentiellen Charakter, und gelingt es nicht, ihn umgehend von dieser Eigenschaft zu befreien, nimmt sie Schaden und lässt sie irgendwann kollabieren. Wie wenig wir davon im Augenblick spüren, ist unerheblich. Wir leben dann als Spezies mit einer ungewissen Frist.

Das errechnen seit Anfang der 1970er Jahre Großrechner für die Studien des Club of Rome. Seitdem stellen wir zum Beispiel fest, ob und wo und wie viele Menschen unter bestimmten Bedingungen über ihre Verhältnisse leben. Seitdem werden technologische Lösungen gesucht, die die Biosphäre stabilisieren und sich dort, wo sie aus dem Gleichgewicht gekommen ist, wieder regenerieren kann. Ein dafür notwendiges Handeln dafür ist bisher allerdings inkonsequent.

Hinzu kommt, dass neue Technologien Veränderungen auslösen, deren Folgen noch gar nicht absehbar sind, und es fällt uns schwer, einmal liebgewonnene Gewohnheiten zu verändern und auf Bequemlichkeiten zu verzichten. Stets braucht es dramatische Umstände – Kriege, Naturgewalten, Epidemien usw. – auf die wir reagieren müssen. So sind wir bisher unterwegs.

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Dass mein ökologischer Fußabdruck viel zu groß ist, weiß ich längst. Habe ich meine Lebensweise deswegen verändert? Lieber, weil es einfacher ist, trauere ich verpassten Möglichkeiten nach, hänge Wunschbildern an und täusche mich mit Wahrnehmungen, die kaum  der Wirklichkeit entsprechen.

Meine Chancen könnte ich Chancen verbessern, wenn ich zunächst einmal mit den vorhandenen Technologien dafür sorge, die Menschenzahl an meinem Ort und in meiner Region der Verträglichkeit der Biosphäre anzupassen. Mitten im Geburtenrückgang, der Zuwanderung erfordert? Wer fordert das? Wirtschaftsleute, Ökonomen und Politiker! Leider fachen sie, denen wir Entscheidungen im Sinne des Gemeinwohls anvertrauen, vor allem ein Wachstum an, das die schon genannten fatalen Auswirkungen hat.

Gewiss ist der globale Süden sehr bevölkert, aber seit dem „Kapital“ von Karl Marx (Kapitel 24) oder Jan Zieglers „Der Hass auf den Westen“ darf man wissen, dass diese Situation ihre Ursache im Kolonialismus hat, den die sogenannte zivilisierte Welt mit ihren Göttern, ihrer Gier und ihrer Macht Jahrhunderte lang praktiziert. Bis heute. Nur so ist die Menschheit in den letzten 200 Jahren so übermäßig geworden, dass Pandemien, Kriege und Naturkatastrophen bei weitem nicht ausreichen, um so viele weniger zu werden, wie wir sein sollten. Dass dieser Anteil zunimmt, hoffen wir nicht wirklich?

Ein wenig Hoffnung gibt, dass ich kein anderer oder neuer oder KI-gesteuerter Mensch werden muss, um als Spezies noch etwas länger auf der Erde bleiben zu können. Ich muss nur meinen Lebensmittelpunkt verlassen und nachsehen, wie woanders gelebt und gelitten wird. Kehre ich anschließend wieder an meinen Lebensmittelpunkt zurück, habe ich die Voraussetzung, für eine allgemeine Zufriedenheit da zu sein.

In der heutigen Situation halte ich 2 bis 3 Milliarden Menschen für eine Menschenzahl, die der Natur und uns in ihrer Mitte auf Lange Sicht guttun würde, für Deutschland 29 Millionen. Keine Sorge, wenig oder gar zu wenig ist das nicht.

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