„Sie hat uns gesagt, dass sie es in Erwägung ziehen wird, zu versuchen, mutiger zu sein“, zitiert „Zeit Online“ (© dpa-infocom, dpa:200820-99-233587/9a) die Belgierin Adélaïde Charlier über Angela Merkel. Bei der Kanzlerin war sie gemeinsam mit ihrer Landsfrau Anuna, Greta Thunberg und Luisa Neubauer eineinhald Stunden.
„Wir wollen, dass Anführer aktiv werden und die Klimakrise wie eine Krise behandeln“, sagte Greta Thunberg nach dem Treffen. „Beide Seiten waren sich einig, dass die Erderwärmung eine globale Herausforderung ist, bei deren Bewältigung den Industriestaaten eine besondere Verantwortung zukommt.“ Luisa Neubauer fügte hinzu, dass aber „auch sehr deutlich [wurde], dass wir von verschiedenen Perspektiven auf die Situation schauen“. Sie hätten der Kanzlerin gesagt, dass es Anführer brauche, die den Mut zu harten Entscheidungen haben, ergänzte Adélaïde Charlier.
Anlass des Treffens war ein offener Brief, den die vier FFF-Aktivistinnen am 15. Juli veröffentlichten, zwei Tage vor einem EU-Sondergipfel, auf dem die Staatsoberhäupter 750 Milliarden Euro zur Bewältigung der Corona-Krise verteilten, ohne sie in der Tasche zu haben, doch für den weiteren Umgang mit der Klima-Krise nicht einmal eine Idee. „Die EU und ihre Mitgliedstaaten haben im Moment kein Budget- und keinen CO2-Plan und kein wirtschaftliches Konzept, die im Einklang mit Paris sind“, hatte Luisa Neubauer getwittert.
Der Brief trägt die Überschrift „Face the Climate Emergency“ und umfasst sieben Forderungen, unter anderem keine weiteren Subventionen für den Abbau fossiler Energieträger sowie Angaben der Emissionen in allen Bereichen, auch für Konsumgüter. Außerdem fordern die Aktivistinnen, dass „Ökozid“ – Verbrechen gegen die Umwelt, die extreme industrielle Verschmutzung oder durch Kampfstoffeinsätze oder durch die Zerstörung von Ökosystemen zum Aussterben von Völkern führen können – vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag als Straftat anerkannt wird. Vor allem Indigene sind akut davon bedroht.
Zu den Erstunterzeichner:innen des Briefes gehören rund 150 Prominente, Politiker:innen, Organisationen und Wissenschaftler:innen, wie die Frauen- und Menschrechtsaktivistinnen Malala Yousafzai und Nadia Murad, die Sängerin Billie Eilish, der Schauspieler Leonardo DiCaprio und die Schriftstellerin Margaret Atwood. Mittlerweile über 124 000 Menschen aus 50 Ländern haben den Brief unterschrieben.
Europa habe die wirtschaftlichen Grundlagen, beim Klimaschutz voranzugehen aber auch eine historische Verantwortung, sagen die Verfasserinnen. Sie kritisieren den „Green Deal“, den Klimaschutzplan der EU-Kommission und das dazu gehörige EU-Klimagesetz, das im Rahmen der laufenden deutschen Ratspräsidentschaft bis Ende des Jahres verabschiedet werden soll. Die EU müsse nicht erst 2050, sondern schon 2035 klimaneutral sein, um Ländern im Globalen Süden, die von der Klimakatastrophe am stärksten betroffen sind, die Chance zu geben, in der wirtschaftlichen Entwicklung und im Klimaschutz nachzuziehen.
Zu verschüchtert weist der Brief auch darauf hin, dass die Klimakrise nur gelöst werden kann, wenn man sich nicht nur auf Umweltthemen konzentriert, sondern Änderungen in anderen politischen und sozialen Bereichen herbeiführt: „Klima- und Umweltgerechtigkeit können nicht erreicht werden, wenn wir weiterhin die sozialen und ethnischen Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen ignorieren, die das Fundament unserer modernen Welt bilden.“
Am 25. September soll es den nächsten internationalen Klimaaktionstag geben, kündigt die FFF-Bewegung an. Und dann?
Allerdings steht EU nicht für die Menschen in Europa und FFF nicht für eine Generation, die sich von Älteren unterscheidet. Beide Kürzel stehen nicht für die Aussicht, es könnte in absehbarer Zeit aus wissenschaftsbasierten Analysen vernunftbasiertes Handeln erwachsen. Jean Paul Sartre’s „Gemeinsames Individuum“ reicht über beispielsweise Fußballplätze kaum hinaus.