meine Natur

Im Leipziger Johanna-Park gibt es eine Stele zum Andenken an den Textilunternehmer Walter Cramer. Als Mitverschwörer des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 wurde er im November desselben Jahres im Strafgefängnis Plötzensee in Berlin hingerichtet. Auf der Stele steht: DER TOD EINES 58 JÄHRIGEN IST NICHT SINN UND ZWECKLOS.WENN MAN MIR GEDENKEN UND IN EHREN BEWAHRT,SO WIRD MAN ÜBER MICH UND MEINE GESINNUNG,MEINE ARBEIT UND MEIN HANDELN NACHDENKEN UND – DANACH HANDELN

Bis auf die letzten drei Worte kann das so sein. Aus einem Gedenken an jemanden das eigene Handeln zu ändern, halte ich für eine Illusion. Warum? Weil es meines Wissens und meiner Erfahrung nach nicht in der Natur eines Menschen liegt, sein Handeln an den Lebenserfahrungen anderer Menschen auszurichten.

Vor wenigen Tagen sah ich einen Fernsehkrimi, in dem es um Vertrauen geht und ob es möglich ist, es wiederzufinden, wenn es verloren ging. Dazu wird eine Geschichte erzählt. Ein Skorpion will einen Fluss überqueren und bittet einen Frosch, ihm zu helfen. Er könne ihn doch gut auf den Rücken nehmen und ans andere Ufer schwimmen. Der Frosch lehnt ab. „Wenn du auf meinem Rücken sitzt und wir sind mitten auf dem Fluss“, sagt er, „wirst du mich mit deinem Stachel stechen und dein Gift wird mich töten“. „Was hätte ich davon“, sagt der Skorpion, „du wärest tot und ich würde ertrinken.“ Das überzeugte den Frosch. Er ließ den Skorpion auf seinen Rücken und schwamm los. Auf dem Fluss stach der Skorpion zu. „Was hast du getan“, rief der Frosch, „jetzt sterben wir beide.“ „Aber das ist meine Natur“, sagte der Skorpion und ertrank.

Meine Natur ist harmloser. Es geht hier aber nicht darum, wie sie ist, sondern was sie ist. Lange habe ich ihr meine Faulheit zugeschrieben. So hatte ich sie eingeordnet und halbwegs unter Kontrolle. Jetzt schrieb eine Freundin: Mir scheint, „dass du mitunter gern ins Allgemeine und Kluge fliehst, wenn sich der Gesprächsfaden im allzu Konkreten verfängt, wenn es ans Eingemachte geht“. Natürlich hat sie Recht, auch wenn mich das natürlich nicht erfreut. Aber so ist halt meine Natur.

Glaube ich das? Wirklich? Oder mache ich es wieder einmal leicht? Um das Maß voll zu machen, könnte ich auch das meiner Natur zuschreiben und wäre fein raus, unantastbar. Wäre da nicht dieser Stachel, der mich anstachelt zu denken: Für alle sein wie alle sind, das will ich nicht.

2 Gedanken zu „meine Natur

  1. I started writing down one thing at the end of every day — what I actually managed to do. Not a to-do list, not plans. Just one small win. It’s surprising how quickly it shifts your perspective.
    Ich habe angefangen, jeden Tag am Ende eine Sache aufzuschreiben – etwas, das ich tatsächlich geschafft habe. Keine To-do-Liste, keine Pläne. Einfach nur ein kleiner Erfolg. Es ist erstaunlich, wie schnell sich dadurch die eigene Perspektive verändert.

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