James Rhodes in der Elbphilharmonie

Wissenschaftler sagen, dass das Musizieren wie kein anderes Tun so viele Bereiche im Gehirn miteinander verknüpft. Sie sagen, dass bei Musik Glückshormone wie beim Essen oder Sport, beim Sex und mit Hilfe von Drogen produziert werden und ihre anregende und einander zugewandte Wirkung über Ethnien und Kulturen hinaus universell ist.

Bei diesen Eigenarten kann ein Konzerthaus niemals eine Fehlinvestition sein. Die von dem Hamburger Architekten Alexander Gérard fünf Jahre lang entwickelte und dann acht Jahre lang gebaute Elbphilharmonie erlebe ich vom Fundament bis zur obersten Dachspitze als Manifest der Musik. Das Haus ist ein Raum, in dem sich Gefühle entfalten, durchdringen und in die Außenwelt transportieren lassen.

Vielleicht hat dieses Kunstwerk eines Bauwerks ja so lange gebraucht, um mit seinen Initiatoren und Erbauern auszureifen? Jetzt hat es einen Atem in sich wie ein Lebewesen nach seiner Geburt. Es geht mir darin ähnlich wie vor zwei Jahren in Paris, in der nach den Plänen des amerikanischen Architekten Frank Gehry geschaffenen „Wolke“, das private Kunstmuseum des Louis Vitton. Dort waren es Bilder und Kunstobjekte, in Hamburg ist der Höhepunkt des Abends ein Konzert mit James Rhodes im Großen Saal, diesem wunderbar symmetrielosen Raum, in dem jeder Platz zu einem Mittelpunkt des Erlebens werden kann.

Den 1975 geborenen britischen Konzertpianisten, der als Kind jahrelang von einem Lehrer missbraucht wurde, es aus Scham verschwieg, stattdessen Tabletten und Drogen schluckte, Selbstmord erwog, aus geschlossenen Anstalten floh, Beziehungen zerstörte, retteten Bach, Beethoven, Mozart, Schubert, Schumann und Chopin vor dem Abgrund. Mit ihnen teilt er bis heute seine Dämonen, auch hier, wenn er spielt und über die heilende Kraft der Musik spricht, „die mich am Leben hielt“, weil sie ihn besänftigte, forderte, aufrichtete.

Die im Saal haben die Musik und die Worte. Wie viele wissen von diesem Bedarf und dass er sich hier decken lässt? „Aus neurowissenschaftlicher Sicht spricht alles dafür, dass die nutzloseste Leistung, zu der Menschen befähigt sind – und das ist unzweifelhaft das unbekümmerte, absichtslose Singen – den größten Nutzeffekt für die Entwicklung von Kindergehirnen hat“, sagt der Neurobiologe Gerald Hüther.

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