Eine andere Komposition ist die Performance „Social Dissonance“ des spanischen Improvisationsmusikers Mattin Artiach (geb. 1977). Könnte das Ausüben von „Noise und Improvisation“ dazu beitragen, das ‚Zur-Ware-Werden‘ und die Vermarktung menschlicher Arbeitskraft besser zu verstehen? Können wir Lärm, Krach, Rauschen, Rumor nutzen, um gewohnte Beziehungen zwischen Publikum und Performer:in zu verändern? Das soll es, soll ich in einem 163 Tage langen ‚Konzert‘ erproben:
„Hört gut zu. Das Publikum ist euer Instrument. Spielt es, um zu verstehen, wie wir grundsätzlich instrumentalisiert werden. Versorgt das Publikum mit Konzepten, Fragen und Bewegungen und erforscht dadurch die Dissonanz, die zwischen dem individuellen, vom Kapitalismus hervorgebrachten Narzissmus und unserer sozialen Fähigkeit existiert. Die Dissonanz zwischen der Art und Weise, wie wir uns selbst als freie Individuen mit Handlungsmacht wahrnehmen und der, wie wir durch kapitalistische Beziehungen, Technologie und Ideologie gesellschaftlich bestimmt werden. Denkt über die Beziehung zwischen dem Ich und Wir nach, wenn ihr die gesellschaftliche Dissonanz bestimmt. Helft dem kollektiven Subjekt dabei, zu entstehen.“ Ist das Sartres „gemeinsames Individuum“?
Draußen ist die Morgentrübe einer lockeren Bewölkung gewichen. Sonne zeigt sich und wärmt und lockt in die Karlsaue. Auf der Wiese vor der Orangerie ist die martialische Maschine „The Mill of Blood“ des Mexikaners Antonio Vega Macotela (geb. 1979) aufgebaut. An falscher Stelle. An genau der richtigen. Auch Leonardo da Vinci konstruierte aus Zahnrädern und Getrieben Maschinen, die vor allem Neid und Gier antrieben, anstatt Interessen auszugleichen.
Es ist die maßstabsgetreue Nachbildung einer bolivianischen Silbermühle aus der spanischen Kolonialzeit, die von indigenen Sklav:innen aus den Anden angetrieben wurde. Nicht nur aus dem Boden, sondern aus ihren Körpern wurde Reichtum extrahiert. Auf den Rückseiten der Münzen war nicht das Staatsoberhaupt abgebildet, sondern das gefiederte Horn des bolivianischen Gottes der Bergleute El Tío, dem die Bergleute heute noch opfern, damit er ihr Leben beschützt, das durchschnittlich 40 Jahre dauert.
Der Österreicher Lois Weinberger (geb. 1947) untersucht mit „Ruderal Society: Excavating a Garden“ („Trümmer Gesellschaft: Ausgrabung eines Gartens“) die Verbindungen von Natur und Gesellschaft „in präziser Achtlosigkeit“. Er zeigt den Garten als archäologischen Zusammenhang. „Die urbane Ebene wird abgehoben und die darunterliegende Erde freigelegt, Aufbrüche von Narben und Verletzungen, an denen der Akteur und die Betrachtenden teilnehmen. An einer Trümmergesellschaftr eines Aufbruchs. Der Spontanvegetation in ihrer Vielfalt wird ein Raum ermöglicht, ein Geschehen inszeniert, welches das Ende wie auch ein Beginnen gleichermaßen ausschließt und den Akteur wie auch den Betrachter zum Teilnehmer bestimmt.“ An einer zertrümmerten Gesellschaft.
Tief im Nachmittag ist kein Aufstiegs zur „Schönen Aussicht“ mehr nötig, um meine Beine zu spüren. Durch das „Palais Bellevue“ müssen sie mich noch tragen und zehn Minuten am Aufgang zur Dachetage ausharren. Wie konnte ich das vergessen, als ich von keiner Wartezeit schrieb? Vielleicht, weil ich der Kopf der Schlange bin und mangels Hauspersonal damit beschäftigt, die, die an mir vorbei wollen, zurück an ihr Ende zu schicken.
Die vielfache Neugier gilt dem 2016 entstandenen Film „The Dust Channel“ des Israeli Roee Rosen (geb. 1963). Der Maler, Autor und Filmemacher, setzt sich hauptsächlich mit Begehren und struktureller Gewalt auseinander, hier anhand einer Operette des in Russland geborenen Poeten und Malers Maxim Komar-Myshkin. Zu sehen ist eine bürgerliche israelische Familie, die aus „Angst vor Schmutz, Staub und jedweder fremden Präsenz in ihrem Zuhause […] eine pervertierte Liebe zu Reinigungsgeräten“ entwickelt hat. Staub soll Wüstensand assoziieren und ein Internierungslager in dem politische Flüchtlinge, die Israel nicht anerkennt, nach Gutdünken festgehalten werden.
Die „Neue Galerie“ besuche ich vor allem wegen Josef Beuys. Die Suche führt vorbei an „Photo Notes“ des konzeptuellen Fotografen Hans Eijkelboom (geb. 1949). Mit 270 Injekt-Prints überführt der Niederländer Vielfalt in Einförmigkeit, eine gelungene Selbsttäuschung und ein bedenklicher Hinweis, wie leicht ich mich zur Oberflächlichkeit verführen lasse.
In „The Missing Link“ vermittelt die Senegalesin Pèlagie Gbaguidi (geb. 1965) um Schultische herum mit Fotografien und Skizzenblättern, Notizen, Audios und Videos, Handpuppen, Marionetten und lädiertem Spielzeug ein Bildungskorsett, in das ein Unrechtssystem einschnürt. „Ein Sklave, der seinen Besitzer, seine Besitzerin oder deren Mann oder Kinder schlägt, wird mit dem Tod bestraft“, steht in Kinderschrift auf einem Zettel, der zwischen Bach- und Händelmusik abgelegt ist, über Scherben aus Glas und Keramik.
Das Zitat entstammt einem „Code Noir“ genannten Dekret, das der sonnige König Ludwig XIV. 1685 für die Sklaven in seinen Kolonien erließ und bis 1848 galt. Viel Licht aus hohen Fenstern flutet es hier, zufällig und gewollt. „Das, was uns allen gemein ist, was wir miteinander teilen und lieben“, meint Gbaguidi, wäre „gänzlich vergebens, würden wir nicht versuchen, uns zu besseren Menschen zu machen“.
Die Abteilung Joseph Beuys (1921-1986) ist bis auf einen Blick auf sein „Rudel“ momentan unzugänglich. Folgt man einem seiner Deuter, steht es für die Invasion der Amerikaner in Vietnam, für Polizisten im Einsatz gegen demonstrierende Studenten, für den Einmarsch des Warschauer Paktes in die CSSR, für das Vorgehen der italienischen Polizei gegen demonstrierende streikende Arbeiter im Herbst 1969 in Mailand und so weiter und so weiter.
Im „Daybook“ steht: „Besser die Gesamtheit dessen begreifen, was getan wurde und was zu tun bleibt, als der alten Welt des Spektakels und der Erinnerungen weitere Ruinen hinzufügen“. Das ist ein Zitat aus dem 1959 entstandenen Film „Über den Durchgang einiger Personen durch eine relativ kurze Zeiteinheit“ des französischen Filmemachers und Revolutionärs Guy Debord. Womit kein Kreis geschlossen und keine Zukunft offen wird



