Die deutschen theoretischen Marxisten, die Fritz Haug seit Jahren um ein „Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus“, versammelt, sein Lebenswerk, sind wieder ein Jahr älter geworden. Mein Entschluss, ein zweites Mal an der Tagung teilzunehmen, hat sich aus dem Thema „Mensch-Natur-Verhältnisse“ ergeben.
Der Philosoph und Verleger führt mit Begriffen wie ‚Exkremente der industriellen Revolution‘, ‚artifizielle Intelligenz‘ und ‚Anthropozän‘ oder ‚Kapitalozän‘ in das Thema ein. Seiner Ansicht nach verhält die Natur sich in der Wechselwirkung mit dem Menschen als Subjekt.
Den ersten Vortrag hält der Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Günter Dux zur Fragestellung: „Wie kommt der Geist in die Welt?“ Seiner Überzeugung nach denkt das Gehirn nicht, kann Geistigkeit in der Natur nicht verortet werden. Der Schlüssel für die menschliche Lebensform, die sich im denken, sprechen und handeln markant von anderen Lebensformen abhebt, liege in der Evolution. Warum wir denken? Infolge eines Hiatus, einer entstandenen Kluft oder Lücke zwischen Mensch und Welt im Laufe der Evolution. Bewusstsein könne nicht auf organischer Ebene entstehen, sondern erst denkend und handelnd. Es bilde sich konstruktiv aus seiner anthropologischen Verfasstheit heraus, aus seiner Lebensführung und vermöge der Organisationsformen der Umwelt, in die sie gerichtet ist. Wie biologisches Bewusstsein bei Mensch und Tier entsteht, bleibt für Dux ein Rätsel.
„Gleich klassischen Größen wie Arnold Gehlen oder (seinem Lehrer) Helmuth Plessner, aber im Unterschied zu den meisten seiner Kollegen läßt Dux sich nicht auf die Arbeitsteilung zwischen theoretischer Immunisierung gegen die Gegenwart und einem pedantischen Versinken darin ein, mehr noch: Er versucht mit seiner „historisch-genetischen“ Methode eine Theoriegattung in der Bundesrepublik heimisch zu machen, die Wissen und Denken verbindet“, war 1994 schon in „DIE ZEIT“ zu lesen.
Der Schweizer Hans-Jörg Rheinberger trägt zur „Synthetischen Biologie“ vor. Enkel des Liechtensteiner Künstlers und Architekten Egon Rheinberger, war er von 1997 bis 2014 Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Er weist auf das Buch „Das Gotteshandwerk“ des Philosophen und Chemikers Joachim Schummer hin. Seiner Meinung nach kann in der Forschung auf diesem Gebiet von ‚gezielter Gestaltung‘ keine Rede sein. Derzeit handele es sich um ein auf Zufälle angewiesenes ‚Herumbasteln‘. Das, was vom Machbaren getan wird, müsse künftig die ganze Gesellschaft entscheiden, keine Insitute, Konzerne oder Politiker.
Bernd Scherer, Intendant am Berliner „Haus der Kulturen“, sagte 2014 in einem Interview: „Es geht uns um einen neuen Kosmopolitismus, wo sich Bürger mit ihren lokalen Wurzeln in einer globalen Welt verorten. Mit einem nationalen Kulturverständnis kommt man nicht mehr weiter. Wir haben die Aufgabe, in einer sich unglaublich schnell verändernden Zeit Ideen zu entwickeln. Wir arbeiten wie ein Seismograph. Wir liefern der Gesellschaft neue Perspektiven auf die Welt.“ Durch Transformationsprozesse werde der Mensch zum Veränderer der Erde: mit Hilfe fossiler Brennstoffe wie Kohle und Öl, mit Hilfe von Technologien, mit Hilfe des Kapitalismus, der über Kredite, die er bei der Natur aufnimmt, die Zukunft in die Gegenwart zieht, anstatt uns dahin auszuweiten.
Haug kommentiert, dass wir heute die in Jahrmillionen entstandene und für das Leben auf der Erde notwendige Atmosphäre verbrauchen und damit die von der Natur zurückgelegte Wegstrecke umkehren. Laufen wir der Zeit davon oder sie uns, ist meine Frage.
Der thematische Block der Konferenz endet mit einem Vortrag des Politikwissenschaftlers Elmar Altvater, SDS-Mitglied in der 1968er Studentenbewegung und 1980 Gründungsmitglied der Partei Die Grünen. Nach seiner Emeritierung 2004 ist er am Berliner Otto-Suhr-Institut aktiv, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac, 2006 Vorsitzender des Ständigen Volkstribunals gegen europäische transnationale Unternehmen und seit 2007 Mitglied der Partei „Die Linke“. Mit seinem 2005 erschienenen Buch „Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen“ will Altvater über Kapitalismuskritik hinausdenken und Alternativen entwickeln. Für ihn ist ‚Anthropozän‘ ein verkitschter Begriff. Von ‚Kapitalozän‘ sollte gesprochen werden, um das gesellschaftliche Naturverhältnis aufzudecken, das für die Situation der Erde und der Menschheit verantwortlich ist. Im Wort ‚Geschichte‘ steckt das Wort ‚Schichten‘, die wir mit unserem Handeln und Wandeln zerbröckeln. Das Kapital rechne die Natur als Gratisgabe in seine Bilanzen ein. Das verändere die Welt lebensgefährlich.