Als ‚Vorschein des Endes‘ übersetzt der Historiker Bazon Brock das griechische ‚apokalypsis‘, das sich aus ‚apo‘ (‚weg‘) und ‚kalyptein‘ (‚enthüllen‘) zusammensetzt. Für die Perser war die Apokalypse der Endkampf zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis. In der Zeit Alexanders des Großen kursierte der Gedanke, alles Leben auf der Erde könnte mit einem Mal vernichtet werden, zum Beispiel durch einen gigantischen Vulkanausbruch oder eine Sintflut. Im Judentum ist ‚Apokalypse‘ die Endzeiterwartung und in der christlichen Theologie das Gottesgericht mit dem Ende der Weltgeschichte.
Damit will die Kulturwissenschaftlerin Jenny Stümer sich nicht abfinden. In ihrer Publikation „Vom Ende der Welt. Apokalypse als kulturpolitische Methode“ analysiert sie: „Ressourcen werden knapper, viele Arten sind bedroht oder dem großen Massenaussterben bereits erlegen, Wälder brennen nieder, die Ozeane sind vergiftet, wir alle haben Plastik im Blut, und die Angst vor einer nuklearen Katastrophe ist größer denn je“. Sie nimmt eine Umwertung des Begriffs vor, von der „Kapitulation und Angstrhetorik“ hin zu einer „kreative Denkfigur, empirische Erfahrung und kulturpolitische Vorstellungskraft, die einen selbstzerstörerischen Weltbegriff infrage stellt und dabei andere Welten vorstellbar macht“.
Jessica Hurley, die an der Universität in Fairfax, Virginia, Schnittstellen zwischen Literatur, Kultur, Technologie und Umwelt erforscht, entdeckt in Katastrophen „komplett neue Zeitlinien und Welten“. Die Philosophin Oxana Timofeeva überrascht mit Sätzen wie: „Es wird nicht schlimmer, es ist schon schlimmer“. Das kann ich als „ein Ende des Endes der Geschichte“ lesen, mit dem aus dem Weltuntergang ein neuer Umgang mit der Welt möglich ist.
Beruhingt mich das oder sind das Selbsttäuschungen? Ist der Umtausch von ‚Weltuntergang‘ in ‚Weltumgang‘ nur Wortspielerei? Im Jahr 2022 erzählte Bazon Brock zur Eröffnung der Ausstellung „New York 9/11“ von Yadegar Asisi im „Panometer Leipzig“ die Geschichte von zwei Säulen an der Meerenge von Gibraltar. Die eine steht auf europäischem, die andere auf afrikanischem Boden. Der griechische Heros Herkules soll sie errichtet haben, um vor dem Rand der Welt zu warnen, die die Menschen damals für eine Scheibe hielten. Auf Abbildungen schlingt sich ein Banner mit der Aufschrift NON PLUS ULTRA! (BIS HIERHIN UND NICHT WEITER!) und die Säulen wie ein Absperrband.
Manch Neugierige mag das aufgehalten haben, manche auch nicht. Solange von diesen keiner zurückkehrte, war alles gut, doch irgendwann geschah das und irgendwann häufiger. Als Kaiser Karl V. 1522 die Säulen in sein Staatswappen übernahm, endete an der Meerenge von Gibraltar sein Reich, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, bis heute das flächengrößte Imperium in der Menschheitsgeschichte. Er änderte den Schriftzug auf dem Banner in PLUS ULTRA! (UND DARÜBER HINAUS!) um. Damit erkannte er die neue Welt nicht nur an, sondern bezog sie gleich in sein Weltreich ein. Weniger ist manchmal mehr!
Bazon Brock erzählte auch, dass die Nachfolger Alexanders des Großen jedes Jahr auf die Spitze des Mount Hermon in Syrien stiegen, sich dort einmal langsam um ihre Achse drehten und mit diesem Blick, den er ‚panoramatisch‘ nennt, sich nicht nur ihres Reiches vergewisserten, sondern auch der Verantwortung für ihre Untertanen.
Anfang des 19. Jahrhunderts führte der in Schottland lebende irische Maler Robert Barker das panoramatische Sehen in die Kunst ein. Auf einem Spaziergang in Edinburgh soll er auf die Idee gekommen sein, Leinwände im Kreis aufzustellen, sich in ihre Mitte zu begeben und sie der Reihe nach mit dem zu bemalen, was sie verdeckten. Das ließ er sich patentieren und wurde zum ersten Panorama-Maler.