Heute vor 122 Jahren wurde mein Großvater geboren. Seit meinem zweiten Lebensjahr war er anstelle abhandener Eltern für mich da. Im gemeinsamen Schlafzimmer lauschte ich häufig seinem Atem und hielt den eigenen an, wenn seiner unregelmäßig wurde. Nach einer Lungenentzündung in jungen Jahren und einem Magengeschwür hatte ihm, wusste ich, ein Arzt gesagt, er dürfe froh sein, wenn er Fünfzig würde. Sechzig war er, als ich mich in Kindernächten in den Gedanken rettete, dass zum Glück die Omi noch da war. Ohne sie weiterleben wollte ich nicht. Ohne den Großvater ginge es zur Not.
Gut erinnere ich, dass er mich mitnahm oder mit hinzu, wenn er für Zuhause werkelte oder außer Haus zu verrichten oder zu erledigen hatte. Geduldig zeigte er mir Neues und ließ mir Zeit, vieles selbst zu versuchen und auszuprobieren. Dass ich akzeptierte, wenn er es eilig hatte, war nicht Gehorsam, sondern Vertrauen. Er gab mir sehr viel Sicherheit – vielleicht zu wenig Mut, mir selbst mehr zuzutrauen.
Im gepachteten Kleingarten baute er mir einen Sandkasten und eine stattliche Schaukel, deren Gestänge ich in der Schulzeit nutzte, um Hochsprung zu üben. An die Gartenanlage grenzte der Betriebssportplatz des VEB Waggonbau Dessau, wo er bis zum Volksaufstand im Jahr 1953 Lehrausbilder war. Durch einen zwei Meter hohen Zaun sah ich Fuß- und Feldhandballern zu. War niemand mehr da, schlüpfte ich durch ein verstecktes Pförtchen auf das Sportgelände und spielte Fußball mit mir und gegen mich.
Als ich Acht war, fuhr der Großvater mit mir in einem Interzonenzug nach Westdeutschland. In Herten besuchten wir seine Tochter, meine Mutter und ihre Familie, ein Mann, zu dem ich Vati sagen sollte und Mädchen Fünf und Drei, zwei halbe Schwestern. Täglich liefen wir Kinder mit dem Großvater in die Umgebung der Zechensiedlung, die ihr Zuhause war. Dass es meines werden könnte, wurde von den Erwachsenen erwogen. Ich wollte nichts mehr als zur Omi zurück.
Ins Poesiealbum schrieb mir der Großvater den Kantschen Imperativ und baute mein erstes Fahrrad aus Einzelteilen. Eine halbe Stunde reichte, um in der Spielstraße unweit der Wohnung Fahren zu lernen. Abenteuerlich war meine erste Mopedfahrt. Da war ich Fünfzehn und fuhr – er mit einem neuen SR2-Moped voraus, ich mit dem Rad hinterher – in die Elbwiesen hinter der Stadt. Sorgfältig bekam ich Kuppeln, Schalten, Gasgeben und Bremsen erklärt. Er legte er den ersten Gang für mich ein, lief einige Meter nebenher, schaltete noch selbst in den zweiten, ließ das Moped los und blieb zurück.
Da fuhr und fuhr und fuhr ich, gar nicht schlecht, dachte ich. Es war ein schmaler Pfad im hohen Wiesengras, das um die Beine strich. Wohin und wie zurück ich in den Leerlauf schalten musste, war mir klar, doch hakte die neue Handschaltung noch ein wenig. Den Gang bekam ich nicht heraus, auch bot sich keine Wendemöglichkeit. Den Motor abwürgen und mich blamieren wollte ich nicht. Der Großvater war längst außer Sicht, also riss ich entschlossen das Moped aus dem tiefliegenden Pfad hoch auf die Wiese und kurvte querfeldein zurück. Das fand er schon ganz ordentlich.
Als ich mit Vierzehn die Astronomie für mich entdeckte, entdeckte er in den Kleinanzeigen der Tageszeitung ein ausziehbares Reisefernrohr mit 90facher Vergrößerung. Gemeinsam holten wir es ab und er baute nach meinem Entwurf auf Arbeit eine parallaktische Montierung. Vom Balkon zum Innenhof aus beobachtete ich jahrelang mit ernsthaftem Vergnügen Sonne, Mond und den gestirnten Himmel.
Als ich für ein Abitur mit 12 Schuljahren in Frage kam, war ihm lieber, ich würde erst einen Beruf erlernen. Er traute es mir zu, doch seiner Gesundheit nicht. Ich sollte erst so bald wie möglich für mich selber sorgen können. Genau zu dieser Zeit erweiterte das Bildungswesen der DDR die Abiturstufe um eine obligatorische Berufsausbildung. Da stimmte er sofort dem Wechsel nach der achten Klasse auf die Erweiterte Oberschule zu. Dass ich der erste in seiner Familiengeschichte war, der studierte, gefiel ihm. Dass ich als „Diplomfachlehrer“ nicht arbeiten wollte, kritisierte er nicht. Neugierig war er wie ich, was aus meinem Interesse für Kunst und Kultur werden würde. Als ich ein zweites Mal am Leipziger Literaturinstitut immatrikuliert wurde, war er stolz auf mich.
Kurz bevor es zu Ende ging, kurz nach seinem 77. Geburtstag, der gemeinsam mit seinen Töchtern gefeiert wurde, sah ich ihn ein letztes Mal. Da lag er nach einem Hirnschlag bewusstlos auf der Intensivstation des Krankenhauses, in dem er Jahre zuvor als Rentner noch Krankenhausbetten repariert hatte.
Heute benutze ich oft ein kleines Haushaltsmesser, dessen Holzgriff er in der Dessauer Zeit durch einen handfreundlich geformten Messinggriff ersetzte. Wie ein Schlüssel öffnet es mir Erinnerungen an die Kindheit und die zwei wichtigsten Menschen darin.