documenta 14 1

Vor fünf Jahren eröffnete ich meinen Blog mit zwei Beiträgen über die dOCUMENTA (13). Mit der documenta 14 will ich versuchen, die fünf Jahre zu verklammern. Wie steht es um das Weltgeschehen und wie reagiert die Kunst darauf? Der Kamera-Akku ist diesmal noch schneller leer als 2012. Der eigene auch nach sechs Stunden noch nicht. Trotzdem habe ich in dieser Zeit genug gesehen.

Diesmal bin ich an einem Donnerstag unterwegs. Ich parke in Bahnhofsnähe und laufe hinunter zum Friedrichsplatz. Nur zehn Minuten muss ich für ein Ticket anstehen. In eine einzige kurze Warteschlange gerate ich, architekturbedingt, in einem engen Aufgang zu einem Ausstellungsraum im „Fridericianum“.

Zuvor bin bin ich auf dem Friedrichsplatz, wo 2012 „doccupy“-Kapitalismuskritiker ein Camp errichtet hatten. Da ist jetzt, nach dem Vorbild der Athener Akropolis, ein „Parthenon der Bücher“ errichtet. Das Projekt der argentinschen Konzeptkünstlerin Marta Minujín (geb. 1943) ist ein imposantes Statement gegen Verbote von Texten und die Verfolgung ihrer Verfasser.

Damit nimmt sie zugleich eine eigene Arbeit aus dem Jahr 1983 wieder auf, als sie nach dem Zusammenbruch der Militärdiktatur Bücher zeigte, die verboten waren. In Kassel soll sich das Tempelgerüst während der Kunst-Schau mit Hunderttausend einst und gegenwärtig verbotenen Büchern füllen. Gleichzeitig soll das Kunstwerk auf die Partnerschaft hinweisen, die Kassel und Athen für die documenta 14 eingegangen sind.

Das „Friedericianum“, die „documenta-Halle“, Kunstwerke in der Karlsaue, im „Palais Bellevue“ und in der „Neuen Galerie“ verstärken den Eindruck einer auf Gedeih und Verderb mit der Realität verbundenen Kunst, deren Stellenwert in der Gesellschaft einen Einfluss auf unsere Zukunftsaussichten hat. In einem DAYBOOK vermitteln die Kuratoren und ihr Team „eine politisierte, transversale Lesart unseres gegenwärtigen Augenblicks und der mit ihm verbundenen Geschichten“. Dafür wird jedem der 163 Ausstellungstage in Athen und Kassel einer Künstlerin oder einem Künstler zugeordnet und dieser Kalender mit einer Zeitachse überlagert, die entsteht, weil jede und jeder von ihnen ein für sich bedeutsames Datum damit verknüpft. Diese Daten reichen von der Zukunft bis an den Anfang, an dem das Wort (Johannes 1,1) oder die Stille (Georg Büchner) oder die Tat (Johann Wolfgang von Goethe) gewesen sein soll. Ein READER geht dem Konzept der documenta 14 mit der Frage nach, „wie die Turbulenzen der Vergangenheit und der Gegenwart unsere gemeinsame Zukunft prägen werden“.

Beide Begleitbücher sind teuer genug, mir nur eines zu leisten. Ist es zuviel verlangt, dass ein an der Bildung seiner Menschen interessierter Staat solche Editionen subventioniert? Ihn interessieren nach wie vor vor allem brauchbare Untertanen. Spielerisches, das die Lust am Zufall feiert und dem Ernst die Langeweile raubt, fehlt dennoch nicht.

Auf den Boden der Eingangshalle des „Fridericianum“ ist ein farbenfrohes geometrisches Muster von Nikos Alexiou (1960-2011) projiziert und transformiert mit digitaler Technik Mosaike eines orthodoxen Klosters ins 21. Jahrhundert. Buntgeduscht auf diese Weise, kann ich die Farbpartikel in der Sammlung des Athener Nationalen Museums für zeitgenössische Kunst gut verteilen. Sensationelles ist nicht zu entdecken, doch Traditionelles hat hier ein Ausmaß, von dem sich im Lutherland nur träumen lässt. Da mögen Nasen sich despektierlich rümpfen, aber auf solchem Grund Entstandenes hat wahrscheinlich eine deutlich längere Halbwertszeit und ist sicherer vor Entfremdung als hierzulande.

Auch Kontinuität ist ein wichtiges Wort in diesem Umkreis. Lucas Samaras (geb. 1936) und bereits Gast der 4. documenta, documenta 5 und documenta 6, zeigt sich nach 40 Jahren wieder. Mit Spiegeln faltet er den Raum auseinander und ermöglicht einen Wechsel der Perspektive, ohne den eigenen Standpunkt verlassen zu müssen.

„Hopscotch“ ist das Environment von Vlassis Caniaris (1928-2011) betitelt. Kopflose Attrappen stehen um ein Hüpfspiel herum, das auf Mechanismen einer Arbeitsmarktpolitik für Immigrierte deutet und mit anderen Objekten auf die Lebensbedingungen jener ‚Gastarbeiter‘, die seit den späten 1950er Jahren durch das westliche Europa ‚wandern‘. Reflektiert wird die für diese Gruppe seit einem halben Jahrhundert unsichere Wirklichkeit, wird territoriale Verdrängung, gesellschaftliche Ausgrenzung, nationale Identität und verweigertes Bürgerrecht.

Um über Nationalflaggen zu laufen, die Costas Varotsos (geb. 1956) digital auf Acrylglas gedruckt und auf dem Boden eines Turmzimmers ausgelegt hat, muss ich die schon erwähnte Warteschlange hinnehmen. Auch beim vorsichtigen Gehen bricht und splittert es unter den Füßen. So entsteht nach und nach ein Scherbenteppich, in dem sich Stolznationales ins Kunterbunt auflöst. Zu naiv für die bittere Wirklichkeit?

In der „documenta-Halle“ zeigt der mexikanische Komponist Guillermo Galindo (geb. 1960) „Fluchtzieleuropahavarieschallkörper“. Auch diese Arbeit geht auf ein früheres Projekt zurück. Für „Border Cantus“ sammelte er entlang der amerikanisch-mexikanischen Grenze, „eine der am stärksten militarisierten Zonen Nordamerikas, von Flüchtlingen, Migrant:innen und Grenzschützer:innen“ zurückgelassene Dinge und verwandelte sie in Objekte, die „in die Welt hinaus klingen“. Für Kassel und Athen hat er Musik für Grenzüberschreiter komponiert und neue Instrumente aus Fundstücken geschaffen.

Für den Malinesen Aboubakar Fofana (geb. 1967) ist „die natürliche Welt in Kombination mit unseren menschlichen Fähigkeiten unser aller Anfangs- und Endpunkt zugleich“. Er zeigt das an der Farbe Indigo. Im 17. Jahrhundert wurde sie in Europa Symbol für Status und Gesundheit. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde South Carolina ein Hauptlieferant. Das steigerte den Sklavenexport von Afrika nach Amerika und beschleunigte dort die Enteignung von Grund und Boden der indigenen Bevölkerung. Als Mitte des 19. Jahrhunderts der chemischen Industrie die massenhafte Herstellung von Indigo gelang, löste die Symbolik der Farbe sich auf. Die traditionelle Produktion verkümmerte und das Wissen um ihre natürliche Herstellung. Mit Fofana ging ist es nicht verloren und die Poesie des Indigo entdeckt: blaues nichts / ein hauch von blau / pastellblau / lebendiges blau / azurblau / blauer horizont / ultramarinblau / klares dunkles tiefes / himmelsblau.

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