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So Auf- und Anregendes wie den Roman „Tschudi“ finde ich selten, so wie den Roman „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow, wo der Teufel in den 1930er Jahren nach Moskau reist, um im jugendlichen Sowjetstaat dem sogenannten Neuen Menschen auf den Zahn zu fühlen. Lange ist das her, und jetzt legt mir eine inspirative Freundin den Roman von Mariam Kühsel-Hussaini nahe, der mich nach wenigen Sätzen gleich doppelt ergreift.
Einerseits seines Themas wegen. Die Malerei der französischen Impressionisten mag ich seit meiner Jugend, doch nie hat mich interessiert, wie die Bilder in Deutschland bekannt wurden. Durch Tschudi also, den „Meister des Widerspruchs im Geschehen einer Wahrheit, die soeben dabei ist, sich“ aus dem akademischen deutschen Dünkel „zu erheben“ und aus dem Dunstkreis eines Kaisers, der die „violetten hingespuckten Hinterlassenschaften aus Frankreich“ verabscheut.
Ein Abkömmling alten Schweizer Adels, hat Hugo von Tschudi 1875 ein Studium der Juristerei in Wien beendet, sich daneben an Vorlesungen in Kunstgeschichte begeistert und daraufhin Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich und Italien bereist. 1883 holt ihn Wilhelm Bode, soeben zum Direktor der königlichen Skulpturensammlung befördert, als Assistent der Gemäldegalerie nach Berlin.
Dort wird der charismatische Eidgenosse der aufstrebenden bürgerlichen Elite in kurzer Zeit am funkelnden Himmel der Kunst- und Geistes-Szene zum leuchtenden Schweifstern. Im Literarischen Salon von Carl und Felicie Bernstein verliebt er sich endgültig in die modernen Franzosen und ist als Direktor der Nationalgalerie bald in die Lage, einiges davon nach Berlin zu holen. 1896 reist er mit dem Freund und Maler Max Liebermann nach Paris und erwirbt Manets, Monets, Degas’, Cézannes et cetera. In der Nationalgalerie stellt er sie aus und lässt das dafür Abgehängte mal eben im Depot der „vaterländischen Bildersammlung“ verschwinden.
Hier unterschätzt Tschudi allerdings den großdeutschen Kleingeist, der sich umgehend um den Historienmaler und Kaiserliebling Anton von Werner sammelt, um Tschudis Kosmopolitismus anzugreifen. Ein Bilderkampf entbrannt, wie ihn die Reichshauptstadt noch nicht gesehen hat, und ausgerechnet Wilhelm Bode, der Tschudi an der Spanischen Treppe in Rom kennengelernt, gefördert und nach Berlin geholt hat, erweist sich auf einmal als fieser Widersacher. Getuschelt wird, Bode habe Tschudi die Direktorenstelle nur verschafft, um ihn besser im Blick zu haben und „kleinzuhalten“.
„Der Krieg der Kunst hat erst begonnen, und er wird die wahre Natur der Menschen aufzeigen“, bemerkt der Attackierte und verteidigt seinen Direktorensessel ein Jahrzehnt lang, bevor er nach München zieht, wo er willkommen ist.
Andererseits überrascht mich die Sprache der Autorin. Mariam Kühsel-Hussaini kenne ich vor ihrem Roman so wenig wie Tschudi. Als Tochter eines afghanischen Dichters und Enkelin eines Kalligrafen, der ein Freund und Vertrauter des afghanischen Königs ist, kommt sie 1990 nach Deutschland. 2010 erscheint „Gott im Reiskorn“, ihr erster Roman in deutscher Sprache, in der sie entlang der eigenen Biografie die Geschichte eines jungen Berliner Kunsthistorikers erzählt, der in den 1950er Jahren nach Afghanistan reist, dort in eine Kalligrafenfamilie aufgenommen wird und die wahre Seele des Orients erlebt: die Poesie.
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„Tschudi“ ist der vierte Roman der Afghanin und eine unverhüllte Liebeserklärung an die Titelperson, für die sie mit Worten und Sätzen in hinreißender Anmut und achtlos der Sturzgefahr entlang des schmalen Grats zwischen Kitsch und Wortzauber tanzt. Mit kalligrafischer Finesse manövriert sie Tschudi aus der Vergangenheit heraus hinein in einen Kunstraum, der keine Zeitkapsel ist, sondern hinter den „Kunstfronten“ am Horizont schon die Ungeheuerlichkeiten aufzeigt, die das 20. Jahrhundert zerlöchern werden.
„… den Blick in die vielgeliebte Lagune bohrend, Torcello, mit seiner teuflischen Brücke … San Francesco, die Toteninsel … mit ihrer schwarz flüsternden Mauer aus Zypressen, sich kleiner und kleiner schaukelnd in Tschudis Linsen … denen eine Träne floh, über kleine rotweiche Knötchen, die an den Rändern ihrer abgeheilten bläulich braunen Wunden neue Knötchen bilden würden … bald wieder … tief in die Haut hineingeschlängelt, über die Nase, beide Wangen, im Inbegriff, diesen Schatz von Antlitz schwer zu entstellen.“
Die venezianische Episode findet sich ganz vorn im Buch, von Tschudi in stampfender, dampfender, eiserner Betriebsamkeit der deutschen Hauptstadt erinnert und wie er damals die Handgreiflichkeit mit einem frechen Gondoliere nicht scheute, während ein Unbehagen in ihm wächst, je weiter die Erinnerung in das Zeitgeschehen vordringt.
Tschudi allein reicht dafür nicht aus, und so weitet die Autorin das Umfeld auf den Kunstmaler Adolf Menzel und den deutschen Kaiser Wilhelm Zwo aus. In diesem Dreieck atme ich die Berliner Luft der Jahre zwischen 1896 und 1911, in der sich das Geschehen auflädt wie die Kugeln eines heftig gekurbelten Bandgenerators.
Genau genommen ist es ein Versehrtendreieck. Hugo von Tschudi leidet an Lupus vulgaris, der Wolfskrankheit, eine Hauttuberkulose, deren Anfangsstadium Jahre dauern kann, bis sich, bevorzugt auf Wangen und im Nacken, erbsengroße, braune Bläschen oder Knötchen bilden, die keinerlei Schmerz verursachen. „Das besonders Gemeine dieser Krankheit ist, dass die Bakterien sich von ihrem eigenen Fettgewebe, das sie bilden, sobald sie sich teilen, ernähren können.“ Das unterläuft die natürliche Immunabwehr des Kranken.
Rudolf Virchow liässt für Tschudi eine Gesichtsmaske fertigen, innen aus schonendem Wachs, „nach außen mit hauchdünnem Kupfer versehen“. Sie verdeckt die Krankheit vorübergehend. 1911, da ist Tschudi Sechzig, sind beide Ohren amputiert, die Nase „wie ein zertrümmerter Turm. Hellrosane und hellgelbe Tupfen auf den Brauen. Umbra, weiß und schwarz auf der weichen Hand. Violett silbrige Wimpern, die sich schlossen und nicht wieder öffneten.“
Adolph Friedrich Erdmann Menzel ist Fünfzehn und Einsfünfzig, als seine Familie 1830 von Breslau nach Berlin zieht. Größer wird die „kleine Exzellenz“ nie, doch seine Künstlerkollegen feiern ihn als Großmeister. Als Tschudi in Berlin eintrifft, ist er Mitglied der Königlichen Akademie der Künste und Professor. Seit der Reichsgründung und einem wachsenden Nationalismus bahnt er einer Malweise den Weg, die die vorgefundene Wirklichkeit abbildet, ohne sie zu heroisieren. 1895 wird er auswärtiges Mitglied der französischen Gelehrtengesellschaft Académie des Beaux-Arts. In der Heimat verleiht ihm Kaiser Wilhelm Zwo den Titel ‚Wirklicher Geheimer Rat‘ mit dem Prädikat ‚Exzellenz‘ und 1898 den Schwarzen Adlerorden, der seine Person adelt.
Wilhelm Zwo, der „Deformierte“, fühlt sich ein Leben lang als Krüppel. Bei der Geburt vom Arzt gequetscht, wird „ein wichtiger Nervenstrang entlang der Achsel so heftig verletzt, dass er nach anfänglichen Lähmungen schließlich mit einem 15 cm kürzeren Arm das Leben antrat.“ Eine Kopfstreckmaschine soll das beim Zehnjährigen korrigieren. Es folgen „Elektrisierungsheilversuche“ mit „gemeinem Wechselstrom“, der ihn „jahrelang durchschnitt“. Die Hand am anderen Arm lässt sich derweil das Zeichnen beibringen, zum Beispiel von Schlachtschiffen wie der „SMS Kaiser Wilhelm II“: „Noch etwas Zink auf die aufgebrachten Wellen. Noch ein wenig mehr Rauch aus den Zylinder-Dampfkesseln. Diese Malerhand ging sehr bedacht vor … Jetzt nur noch ein wenig Glut in den Sonnenuntergang mischen. So, ja, so ist es gut. Der Kaiser legte seine Pinsel beiseite und betrachtete wohlwollend das Bild. Zufrieden mit sich. Fort waren die Zweifel und Sorgen … Das ist es schließlich, was bleibt, nicht die Rinnsteinkunst eines Liebermann oder das Sabbern und Klistieren auf den französischen Leinwänden.“ Wie gern er diesen Tschudi „umerziehen“ würde!
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Bald kehren die kaiserlichen Zweifel und Sorgen, verlässliche Gefährten, zurück. 1902, noch weit entfernt vom ersten Krieg der Welt, ist er der einzige, der seine Vorahnungen persönlich nimmt, wenn sie ihn „aufschrecken ließen, schlummernd wie eine Sphynx im langgestreckten Barockbau an der leise treibenden Spree … hoch über seinem kalten Heimatreich … in seinem Raumschiff über der Wahrheit“,
während nur wenige Meter entfernt die regierungskritische, wirtschaftsliberale Freisinnige Volkspartei Wahlkampfflugblätter verteilt,
während der Jude Benedict Friedlaender „die Gefängnisstrafe für homosexuelle Männer abgeschafft wissen wollte“ und enthusiastisch die anarchistische Zeitschrift „Kampf“ finanziert,
während der einflussreiche jüdische Journalist Maximilian Harden die Homosexualität von Philipp zu Eulenburg, des Kaisers Engstvertrautem, öffentlich macht,
während ihn die neuen Großindustriellen dem Militär zuliebe unterstützen, denn ihnen geht es „um unsere Präsenz, wir haben ein Reich, Kolonien, da entsteht natürlich eine Eigendynamik … Es geht nicht um die Endgültigkeit und Vollführung der Tyrannei des Materials Stahl, sondern um die Haltung, die bereits präventiv wirken kann, wenn es darum geht, unsere Handelswege zu verteidigen“,
während Friedrich Krupp Tschudi einen Goya für die Nationalgalerie schicken lässt. „Es heißt ‚Der Maibaum‘. Ein buntes Bild, innig. Wenn da nicht … so ein schwarzer Schleier über den Farben drohte“,
während „Richard Wagner mit jeder Gegenwart bricht“ und „die konservativen und rechten Parteien des Reichstages ihre Sitzungen mit dem Schrei ‚Heil!‘“ beenden.
„Mein ganzes Reich ist doch schon in jüdischer Hand“, zetert Wilhelm Zwo 1906, heftige Schmerzen im Zahn. „Es gibt keine andere Erklärung. Das jüdische Welträtsel ist es, die Welt zu verschlingen. Selbst den Kaiser verschont das nicht. Oh, was für eklige Stunden. Was für Verkehrtheit. Bedrohlichste Zersetzung.“
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Ich bin Einundzwanzig, als mir der Schriftsteller Horst Beseler beim ersten Zentralen Poetenseminar der DDR im Schweriner Schloss das Buch „Die goldene Rose“ des russischen Schriftstellers Konstantin Paustowski empfiehlt. Darin lese ich von einer kommenden Zeit, in der „die Poesie die Herrschaft über die Herzen haben, und die soziale Ordnung auf der Schönheit der Gerechtigkeit begründet sein wird, auf der Schönheit des Geistes, des Herzens, der menschlichen Beziehungen und des menschlichen Körpers“. Das trage ich als Vision mit mir herum, bis ich sie vergesse und „Die goldene Rose“, bis das Buch „Tschudi“ mich wieder an sie erinnert, denn nur vergessen ist sie, nicht verloren.
Die Poesie hat sich in mir aufbewahrt und taucht in einem Schriftwerk wieder auf, wo, wie es bei Paustowski steht, „Poesie und Prosa organisch verschmelzen oder, genauer gesagt, in einer Prosa, die ganz durchdrungen ist vom Wesen der Poesie, von ihren lebenspendenden Säften, ihrer transparanten Luft und ihrer fesselnden Macht“ und zudem in verschrifteten Farben, die es nicht einfach so durchziehen, sondern im Wesentlichen entsetzen: Tschudi in einem Teufelspakt, wie seinerzeit Michail Bulgakow den Meister und Margarita mit dem Teufel paktieren lässt.
„Nur dass“, schreibt Mariam Kühsel-Hussaini, „der Teufel eigentlich ein verkleideter Engel war in Gestalt von Leinwänden, die etwas mit sich nach Berlin brachten, was es noch nie gegeben hatte, Farbe, […] Farben des Lebens, der Einsicht, der Zugewandtheit und des ganzen menschlichen Stimmungsreichtums, […] der Unbestimmtheit, des Zweifels, der Verleumdung, der Bosheit, der Schwäche und des Wahnsinns:
… Marmorweiß … Käse-Mehl-Weiß … weiß glühend … gelblich ernst … Sonnengelb … Sommerflamingo … hochrot … Granatapfelrot … Salonrot … Frauengiftrot … milchkaffeefarben … Feuerbraun … kiwiknallig … arg blau … silberblau wie bei Caillebotte … dunkelgolden … starkviolett … Perlmutt … buntschillernd … zuckend goldgrau … Grau-Dunkelgrau … Nachtgrau … in Crème und Bisquit (auf Wänden … oder) unerwartetes Türkis dicht an plötzlichem Smaragd und unbezwingbarem Rubin … purpurrot (in Gardinen) … schwarz-schwarz (von Augen) … mandelfarben (die Brüste) … wald-schwarz (das Schamhaar) … rot-rosa (die Vulva) … golden (der Wahrheit Kern … wellenhaft) rollend in Grau in Silber in Zinn … aus Blautönen ins Türkis (auf geschaukeltem Wasser) …
Die Sonne ging unter. Maßlos erstreckte sich ihre lavafarbene Glut in langen Goldfäden über den ganzen Himmel und stach in den Spiegel des Wassers und brannte fort im schwarzen Loch des Sees.
… schwarzpinkene Fetzen … schwarz-silbrig … Goldtropfen unterhalb einer teerig aufgeladenen Wolke … Mantelschwarz … Samtkragenschwarz … Zylinderschwarz … Schwarz wie die Zukunft …
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Mariam Kühsel-Hussaini erschafft die Welt malerisch, setzt sie tosend und gediegen in gleißendes, flimmerndes, mattes, changierendes, dunkelndes Licht, riskant und dosiert, ausgelassen zuweilen, selten übermütig, häufig als Zumutung, manchmal als Provokation, stets mit gewisser Ungewissheit, einerseits nah am Ertrinken im Wörtersee, andererseits strandend am Ufer der Sprachlosigkeit.
„So soll es sein. So oder so. Entweder lebenrot oder todrot“, flüstert ein Poet mir zu. Verse kann Mariam Kühsel-Hussaini auch. Wie Intarsien legt sie sie in die Prosa ein:
„Er schaute in den Baum hinein, der zögerte, sich zu verwandeln. Ein wartender Baum. Ich warte mit dir, sagte Tschudi. Was hält dich auf zu grünen? Bist du zu verletzt, um endlich aufzuspringen? Verletzt, von der Gewalt der Einsamkeit? Elas Blick hatte sich verändert. Ihn so zu sehen – von dieser vollkommenen Stille durchzogen – versetzte ihr einen Druckschmerz im Magen, der sich konzentrisch in ihr ausbreitete, manchmal mit plötzlicher Ausweglosigkeit geschmückt. Öffne endlich deine Blätter, sagte Tschudi, lass mein Herz ganz lange schauen. Sieh doch, wie der große Himmelsreif keine Grenzen für dich kennt. Bald leuchtest du in grünem Feuer, bald brennen deine Zweige in Absinth. Du kannst dich doch nicht ewig wehren, du bist auserwählt. Du wirst der Schwan der Straße sein, wenn Gott seine Könige zählt.“
So steht es im Buch „Tschudi“ im 39. Kapitel und lässt sich mühelos versifizieren:
was hält dich auf zu grünen? / bist du zu verletzt / um endlich aufzuspringen? / verletzt von der gewalt / der einsamkeit? //
öffne endlich deine blätter / lass mein herz ganz lange schauen / sieh doch, wie der große / himmelsreif keine grenzen / für dich kennt //
bald leuchtest du in grünem / feuer bald brennen deine / zweige in absinth / du kannst dich doch nicht / ewig wehren //
bist auserwählt / wirst schwan / der straße sein / wenn gott / seine könige zählt