„Arbeit und Struktur“

Das Internet-Tagebuch „Der verbotene Blog“ des chinesischen Künstlers Ai Weiwei aus dem Jahr 2011 kenne ich schon und lese nun das im vergangenen Herbst gedruckt erschienene digitale Tagebuch „Arbeit und Struktur“ des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf. Es dokumentiert seine letzte Lebensphase mit einem Glioblastom, einem tödlichen Hirntumor.

Ohne falsche Hoffnung, ohne sich etwas vorzumachen, nimmt Herrndorf Bestrahlung, Chemotherapie und Operation als fristverlängernde Maßnahmen an. Die von seinen Ärzten im Ungewissen gehaltene Zeit, die ihm noch bleibt, will er nicht „verplempern“. Angefangene literarische Projekte will und wird er noch fertigstellen. Gleichzeitig arbeitet er an einer „Exitstrategie“ und entscheidet, sein Ende selbstbestimmt zu setzen, dann, wenn er spürt, dass Gedanken und Gefühle sich in „Gemüse im Kopf“ verwandeln.

Wichtig ist ihm, „dass zwischen Entschluss und Ausführung nicht mehr als eine Zehntelsekunde“ liegen soll. Er beschafft eine Pistole für eine innere Sicherheit, aus der heraus er die verbleibende Frist strukturiert. Mit diesem digitalen Tagebuch.

Für mich sind diese Struktur und das daraus entwickelte Werk der Grund, dass aus der ärztlichen Prognose einer etwa dreimonatigen Restzeit noch dreieinhalb Jahre werden. Es sind sein Denkvermögen und der Mut, es durch Erwartung, Verzweifelung und Überraschendes hindurch in ein tagtägliches Handeln zu verwandeln, das ihn so lange zusammenhält und bei Verstand.

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