ERSTE PERSPEKTIVE
Für eine überfütterte Gesellschaft ist freiwilliges Hungern eine Provokation. Von März bis Juni haben in Berlin Mitglieder der „Letzten Generation“ auf dem Invalidenplatz neben dem Wirtschaftsministerium ein Hungercamp eröffnet, um den Bundeskanzler zur Klimaehrlichkeit zu bewegen. In einer Regierungserklärung soll er anerkennen, dass
- der Fortbestand der menschlichen Zivilisation durch die Klimakatastrophe extrem gefährdet ist,
- der CO2-Gehalt in der Luft viel zu hoch ist und
- jetzt radikal umgesteuert wird, um einen vom Weltklimarat vorgeschlagenen Zielwert von 0,35 ‰ bis zum Jahr 2150 zu erreichen.
Hat Olaf Scholz überhaupt die Möglichkeit, das zu tun, wenn Wissenschaftler:innen ihn persönlich überzeugen würden, dass sofort gehandelt werden muss, um Not und Elend von weiten Teilen der Menschheit abzuwenden?
Wolfgang Metzeler-Kick, Sona, Adrian Lack, Markus Müller, Michael Winter, Tin, Richard Cluse und Titus Feldmann setzten hungerstreikend ihre Gesundheit ein, ‚Wolli‘ Metzeler-Kick während seiner 99 Tage bis ans Sterben heran.

Als ich am 3. Juni das Camp besuche, geht es ihm schlecht. Mit zwei Begleitern der Aktion komme ich ins Gespräch. Hat „hungern-bis-ihr-ehrlich-seid“ über die mediale Aufmerksamkeit hinaus wirklich eine Chance auf Erfolg? Werden sie dafür tatsächlich ihr Leben aufgeben? Das geht doch nur einmal nicht gut und dann?
Sie sagen, ‚Wolli‘ habe die Entscheidung, mit dieser Aktion sein Leben einzusetzen, in ruhiger Klarheit getroffen, ganz bei sich, mit sich im Reinen. Jeder und jede werden im Ernstfall selbst entscheiden, wie weit sie wirklich gehen. Einen Druck von der Gruppe her gebe es nicht.

„Trotzdem war dieser Hungerstreik nicht vergebens, denn wir haben damit Wichtiges aufgezeigt“, wird Adrian Lack in einer Pressekonferenz nach dem Abbruch des Streiks sagen. „Nämlich dass wir begreifen müssen, dass uns die Politik nicht retten wird und dass uns die Medien nicht aufklären werden.“

Das sind die Fakten. Schon viel zu lange treiben Politik und Berichterstattung in Deutschland Keile in die Gesellschaft. So werden die zwei Seelen in der Brust, die nicht nur Goethe bemerkt hat, unser Fluch und Segen auch in Zukunft bleiben. Den von den Streikenden vorbereiteten Brief an den Bundeskanzler unterschreibe ich selbstverständlich.
ZWEITE PERSPEKTIVE
Nach diesem Besuch fahre ich in die „Kulturbrauerei“ im Prenzlauer Berg, wo in einer Veranstaltung der Berliner Theaterwissenschaftlers Joachim Fiebach geehrt wird. Einen der Redebeiträge hält Stefan Suschke, Anfang der 1980er Jahre Student bei Fiebach, heute Schauspieldirektor in Linz, Österreich. In zwei Tagen wird die „Berliner Zeitung“ unter der Überschrift „Wir werden von Leuten regiert, die keine Ahnung vom Krieg haben“, einen Artikel von ihm veröffentlichen.
Suschke schreibt: „Es geht um das, was man landläufig als ‚Ehrlichmachen‘ bezeichnet. Ehrlich machen heißt, die geopolitischen Ziele des Westens offenzulegen. Das kann sich nicht im Vorzeigen eines ideologisch verbrämten Freiheitsbegriffes erschöpfen. Zur Ehrlichkeit gehört auch eine Kostenrechnung, welche die Politik bisher schamhaft vermieden hat. Wenn klar ist, wie viel der Ukrainekrieg jeden Einzelnen kostet, wird das Nachdenken endlich auf ordentliche kapitalistische Füße gestellt.
Wir sollten, weil die westliche Welt sich auch in einem ideologischen Konflikt befindet, endlich eingestehen, dass die Regierenden genauso Propaganda betreiben wie der Gegner, ‚der Russe‘: Herr Pistorius, der die Kriegstauglichkeit der Armee beschwört, Frau Stark-Watzinger, die Schüler besser auf den Krieg vorbereiten möchte, Zeitungen wie FAZ, Zeit und Spiegel, welche den Kriegsbefürwortern den breiten Raum einräumen, der ihrer ideologischen Präferenz entspricht.“
Und: „Was wird mit dem ‚unverbrüchlichen transatlantischen Bündnis‘, wenn Trump Präsident wird und Putin die Ukraine in den Schoß fallen lässt? Dann werden sich all die Formeln als so leer erweisen wie die ‚deutsch-sowjetische Freundschaft‘, die ‚blühenden Landschaften‘ und die Hülsen der Artilleriegeschosse in der Ukraine.“
Kriege und Klimawandel haben gemeinsam, dass sie Not, Tod, Feindbilder und Wachstumsraten generieren. Sehen wir genau dorthin, wo Hunger keine Drohung, sondern Bedrohung ist. Machen wir uns ehrlich und nicht mehr vor, das hätte mit uns nichts zu tun. Das dort ist keine andere Welt und keine parallele. Sie wird uns sehr sehr nahe kommen.