Aus den Sprachen der einst in Zentralafrika beheimateten Zulu und Xhosa, die Wiege der modernen Menschheit, wohnt das Wort ‚Ubuntu‘. Es steht für eine Lebensweise, die auf Verbundenheit aus ist und die wechselseitige Abhängigkeit in einer Gemeinschaft in den Mittelpunkt des Zusammenlebens rückt.
In Südafrika bedeutet es soviel wie ‚unsichtbarer Zusammenhalt‘. Demnach ist jeder Mensch Teil eines Ganzen und jeder Ausgeschlossene beschädigt es. Ebenso ist ‚Ubuntu‘ ein Begriff für wechselseitigen Respekt und für ein individuelles Handeln, das der Gemeinschaft zuträglich ist. „Jemand, der Ubuntu ist, ist offen und für die anderen da, widmet sich ihnen voll und ganz. Er fühlt sich nicht bedroht, weil andere fähig und gut sind und ein eigenes Selbstwertgefühl besitzen, das aus der Erkenntnis kommt, Teil von etwas Größerem zu sein und fühlt sich nicht abgewertet, wenn andere abgewertet oder gedemütigt oder gefoltert oder unterdrückt werden“, sagte der südafrikanische Menschenrechtsaktivist und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu.
„Die Menschheit erlebt im Moment eine historische Wende, die wir an den Fortschritten ablesen können, die auf verschiedenen Gebieten gemacht werden“, schreibt Papst Franziskus im November 2013 in „Evangelii Gaudium“ und setzt fort: „Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass der größte Teil der Männer und Frauen unserer Zeit in täglicher Unsicherheit lebt, mit unheilvollen Konsequenzen. Häufig erlischt die Lebensfreude, nehmen Respektlosigkeit und Gewalt zu. Die soziale Ungleichheit tritt immer klarer zutage. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht.“
Wer ist denn von Natur aus fähig, berührt zu sein, dass weltweit über 900 Millionen Menschen – etwa jeder Siebte! – nicht genug zu Essen haben und dass die Zahl zunimmt, obwohl ausreichend Nahrungsmittel vorhanden sind. ‚Ubuntu‘ muss erlernt werden, um Krisen und Kriege und Katastrophen zu überleben. Nicht nur Papst Franziskus hat andere Lebenserfahrungen: „Um einen Lebensstil vertreten zu können, der die anderen ausschließt, oder um sich für dieses egoistische Ideal begeistern zu können, hat sich eine Globalisierung der Gleichgültigkeit entwickelt. Die Kultur des Wohlstands betäubt uns, und wir verlieren die Ruhe, wenn der Markt etwas anbietet, was wir noch nicht gekauft haben, während alle diese wegen fehlender Möglichkeiten unterdrückten Leben uns wie ein bloßes Schauspiel erscheinen, das uns in keiner Weise erschüttert.“
Der senegalesische Philosoph Souleymane Bachir Diagne unterscheidet zwei Formen von ‚Ubuntu‘. Die erste bestehe darin, „die Mauern zu zerstören, die die Menschen von ihrer eigenen Menschlichkeit trennen“. Die zweite ist, unsere Verantwortung gegenüber der Natur auszuloten, nicht in der Masse abzutauchen, sondern verständnisvoll zu handeln.
Beim Begräbnis von Nelson Mandela im Dezember 2013, sagte US-Präsident Barack Obama: „Vor allem kannte Mandela die Bindungskraft der menschlichen Seele. Er hatte nicht nur Ubuntu verinnerlicht, er lehrte Millionen Menschen diese Wahrheit in sich selbst zu finden. Wir erinnern uns, als er seine Gefängniswärter als Ehrengäste zu seiner Amtseinführung einlud. Ein Mann wie er war nötig, um nicht nur den Gefangenen, sondern auch den Gefängniswärter zu befreien. Um zu zeigen, dass man anderen vertrauen muss, damit sie einem vertrauen können. Er hat nicht nur Gesetze verändert, sondern auch Herzen.“
Wen oder was verändern wir und wann?