„documenta fifteen“  5

UPDATE 2023

Länger als ein Jahr liegt die documenta fifteen zurück. In erschütternden Zeiten bekam ich mit dem Zauberwort ‚lumbung‘ wieder Lust auf Zukunft. In einem Resümee zitierte ich aus dem Handbuch zur Kunstschau: „Idealerweise kann lumbung ein Modell sein, das viele Menschen besitzen, anpassen, entwickeln und benutzen können“. Das indonesische Kollektiv ruangrupa hatte ‚lumbung‘ für die Kunstschau zum Inbegriff der Erfahrung erklärt, dass niemand nirgends allein für sich leben kann.

In dem Handbuch steht auch, dass „der schwierigste Aspekt bei der Erzeugung von lumbung der Aufbau von Vertrauen und Affinitäten ist“. Nach drei Tagen kam ich zu dem Schluss, dass das Narrativ vom ewigen Wirtschaftswachstum auserzählt ist und sich ein zum Skandal hochstilisiertes antisemitisches Missverständnis im Wesentlichen auflösen wird.

Falsch gedacht, denn am 3. November trat die israelische Künstlerin, Philosophin und Psychoanalytikerin Bracha Lichtenberg Ettinger aus der sechsköpfigen Findungskommission zurück und am 12. November folgte ihr der indische Schriftsteller, Kunst-Kurator und Kulturjournalist Ranjit Hoskote. Ihn zählen jetzt ‚besorgte‘ deutsche Journalist:innen an, weil er 2019 eine Petition mit unterschrieben hat, die zum Boykott israelischer Produkte aufruft, weil der israelische Staat Palästinenser regelmäßig wie Menschen zweiter Klasse behandelt.

Dazu berichtet die Französin Agnès S. Callamard, die seit März 2021 Generalsekretärin in der Londoner Zentrale von Amnesty International ist, im Jahr 2022: „Wo immer der israelische Staat Kontrolle über die Rechte von Palästinenser*innen hat, unterdrückt und beherrscht er diese systematisch. Dies gilt für Palästinenser*innen in den besetzten palästinensischen Gebieten einschließlich Ostjerusalem, im Staat Israel sowie für palästinensische Flüchtlinge in anderen Ländern.“

An anderer Stelle: „Israel muss das Apartheidsystem abschaffen und beginnen, die Palästinenser*innen als Menschen mit gleichen Rechten und gleicher Würde zu behandeln. Solange das nicht der Fall ist, liegen Frieden und Sicherheit für Israelis wie Palästinenser*innen in weiter Ferne.

Am 16. November, gestern, erklärten auch Gong Yan (eine chinesische Künstlerin, Kuratorin und seit 2013 Direktorin der Power Station of Art in Shanghai), Kathrin Rhomberg (eine österreichische Kuratorin, die schon den Kölnischen Kunstverein und die Secession in Wien leitete und 2010 die 6. Berlin Biennale verantwortete) und María Inés Rodríguez (eine kolumbianische Kuratorin, die in São Paulo und Paris lebt und arbeitet) dem Geschäftsführer der „Documenta und Museum Fridericianum gGmbH“ Andreas Hoffmann ihren Rücktritt:

„Wir, die verbleibenden Mitglieder des Findungsausschusses nach dem kürzlichen Rücktritt unserer geschätzten Kollegen Bracha Lichtenberg Ettinger und Ranjit Hoskote, geben hiermit unseren kollektiven Rücktritt von dieser ehrenvollen Aufgabe bekannt. Seien Sie versichert, dass wir diesen Schritt nicht leichtfertig gemacht haben und dass wir ihn sehr schweren Herzens tun. […] Damit Kunst den komplexen kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Realitäten unse-rer Gegenwart Rechnung tragen kann, braucht sie entsprechende Rahmenbedingungen, die ihre vielfältigen Perspektiven, Wahrnehmungen und Diskurse ermöglichen.

Die Dynamik der letzten Tage mit ihrer unangefochtenen medialen und öffentlichen Diskre-ditierung unseres Kollegen Ranjit Hoskote, die ihn zum Austritt aus der Findungskommissi-on zwang, lässt uns sehr zweifeln, ob diese Voraussetzung für eine kommende Ausgabe der documenta in Deutschland derzeit gegeben ist. Kunst erfordert eine kritische und multi-perspektivische Auseinandersetzung mit ihren vielfältigen Formen und Inhalten, um ihre transformative Kraft entfalten zu können. Kategorische, einseitige Reduzierungen und Vereinfachungen komplexer Zusammenhänge drohen eine solche Auseinandersetzung im Keim zu ersticken. […] Wir verstehen, dass Deutschland angesichts seiner Vergangenheit besondere gesellschaftliche und politische Verantwortung trägt. […] Gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr, dass dieses Bewusstsein für besondere Verantwortung meinungspolitisch missbraucht wird, um unerwünschte Ansätze und deren breite und offene Diskussion von vornherein zu unterdrücken. Anstelle von Debatten und Diskussionen treten daher allzu leicht Vereinfachungen und Vorurteile.“

Haben wir eine mit ihrem Amt überforderte Kulturstaatsministerin, oder arbeitet sie im Hintergrund gezielt an einer ‚Leitkultur‘ als Hausordnung für Menschen aus anderen Kulturen, die in Deutschland leben wollen? Dafür spricht der Schluss des Schreibens:

„Unter den gegenwärtigen Umständen glauben wir nicht, dass es in Deutschland einen Raum für einen offenen Gedankenaustausch und die Entwicklung komplexer und differenzierter künstlerischer Ansätze gibt, die documenta-Künstler und Kuratoren verdienen. Wir glauben nicht, dass kurzfristig akzeptable Bedingungen geschaffen werden können und halten es für respektlos gegenüber dem Erbe der documenta, einfach mit der aktuellen Si-tuation zufrieden zu sein.“

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