ZEITEN WENDEN
Eine Menschenschlange wartet auf Einlass in den Pavillon Italiens. Sie reißt nicht ab, weil aller 20 Sekunden immer nur eine Person hinein darf. Auf diese Weise gehört der erste Eindruck mir allein. Das Thema des Italieners Gian Maria Tosatti (geb. 1980) ist der Aufstieg und Fall der Industrienation Italien von 1960 bis heute.
Der vorgegebene Parcours durch Räume und Hallen, der keine Abweichung duldet, erweist sich auf Schritt und Tritt als eine ausgeklügelte Erzählmaschine, die das Gleichgewicht zwischen Mensch, Technik, Ethik und Profit ins Zentrum der Betrachtung rückt. Ist es in der Corderie der Sog der Raumflucht, der den Durchgang bestimmt, ist es hier die geschickt stimulierte Neugier, die mich vorwärts treibt.
Der Titel „Geschichte der Nacht und der Kometen“ entfaltet zudem eine Poetik, die die Phantasie an der Realität zerreibt. Der Künstler nimmt sie als „Nacht unserer Zivilisation“ wahr, „in der wir uns entscheiden müssen, ob wir weiter brennen und leuchtende Bahnen am Himmel ziehen wollen, oder ob wir verschwinden wollen, wie viele Kreaturen oder wie die toten Sterne“. Vielleicht ist es ja gar nicht die Neugier, die mich treibt, sondern die fortwährende Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Ambition.
Für Neuseeland zeigt Yuki Kihara (geb. 1975) mit „Paradise Camp“ eine ‚fa’afafine‘ Utopie. Das heißt in samoanischer Sprache ‚in der Art einer Frau‘. In der Realität ist das eine Personengruppe, deren Mitglieder biologisch männlich sind, in Familien mit zu wenigen Töchtern aber als Frauen erzogen werden, damit die sozialen Anforderungen der Gemeinschaft, wie zum Beispiel die Altenpflege, erfüllt werden können.
Dem widerspricht der selbst fa’afafine Künstler heftig. Er findet in dieser Beschreibung nicht die Realität des polynesischen Kulturkreises, sondern nur einen verständnislosen westlichen, kolonialen Blick darauf. Tatsächlich sei in Samoa, das bis 1962 neuseeländische Kolonie war, die fa’afafine Lebensweise eine freie Entscheidung eines jeden und bringe ein neues Geschlecht hervor, das von der samoanischen Gesellschaft nicht nur respektiert wird, sondern mit einer Selbstverständlichkeit in das kulturelle und soziale Leben integriert ist.
Kind einer Samoanerin und eines Japaners, ging der Künstler als Teenager nach Neuseeland, wo er Modedesign studierte und hatte 2008 als erster Pazifikinsulaner eine Einzelausstellung im New Yorker Metropolitan Museum of Art. In Venedig thematisiert er in Videos, Fotografien und Collagen Kolonialismus und Transgender.
Mexiko zeigt Arbeiten von vier indigenen Künstler:innen für das Projekt „Hasta que los Cantos“. Der Titel „Bis die Lieder entspringen“ entstammt einem Poem aus dem 16. Jahrhundert, das die gescheiterte Verteidigung der Azteken gegen die spanischen Eroberer thematisiert. Mariana Castillo Deball (geb. 1975) hat im gesamten Raum einen Holzfußboden ausgelegt, in den historische Berichte eingraviert sind. Darüber hängen 23 Stoffbahnen, die Santiago Borja (geb. 1970) mit 11 Weber:innen fertigte. Die Muster spielen auf Epigenetik an, eine neue Disziplin in der Genetik, die erforscht, welche Umweltfaktoren bewirken, dass bestimmte Gensequenzen in einer DNA an- oder abgeschaltet werden. Naomi Rincon Gallardos (geb. 1979) drehte das Video „Sonnet of Vermin“, eine spekulative Vision, die mit mythischen mittelamerikanischen Charakteren bevölkert ist.
Die kopflosen Hüllen eines gruseligen mechatronischen Puppentheaters der Künstlerin Fernando Palma Rodríguez (geb. 1957) thematisieren die Massenentführung von 49 Lehranwärter:innen, die 2014 in Iguala gegen eine diskriminierende Einstellungs- und Bezahlungspraxis protestierten und daraufhin, sechs von ihnen an Ort und Stelle, von der Polizei erschossen und die anderen später in staatlichem Auftrag ermordet wurden.
Für Malta zeigen in einem vollständig abgedunkelten Raum die Künstler Arcangelo Sassolino (geb. 1967), Giuseppe Schembri Bonaci (geb. 1955) und der Komponist Brian Schembri (geb. 1961) „Kluge Diplomatie“.
Von der Decke tropft 1500 Grad Celsius heißer Stahl, um zischend in sieben mit Wasser gefüllten Metallbecken zu verglühen. Die Künstler verbinden die kinetische Installation mit dem historischen Gemälde „Die Enthauptung Johannes des Täufers“, ein 1608 von Merisi da Caravaggio geschaffenes Altarbild, dessen Original in der Konkathedrale Sankt Johannes in Valetta tun. Was hat das alles mit kluger Diplomatie zu tun?
In den zwei KunstWerken bemerke ich eine gemeinsame Suche nach Antworten auf die Frage, ob Hoffnung, die wir sie uns immer wieder nehmen und machen, sich materialisieren lässt: als Blut im Spotlight auf Caravaggios Bild, als flüssiger Stahl, der in Sassolinos Installation durch Finsternis zuckt? Beide Male blitzt Hoffnung als Momentum auf. Wie wenn wir im Verlorengehen Neues suchen?
Vergeblich suche ich in der Nähe von Arsenal die Ausstellung von Nepal. Stattdessen finde ich eine kleine Galerie mit deutscher Beschriftung. Dort begrüßt mich ein Österreicher, der erst vor wenigen Tagen aus Wien angereist ist, um sie zu betreuen. Er will suchen helfen. Während wir das tun, kommen wir auch auf die documenta fifteen in Kassel zu sprechen. Was hält er vom Skandal um das Banner der Indonesischen Gruppe Taring Padi? Glaubhaft sagt er, davon habe er in Wien nichts gehört. Ist die kreative Kunstwelt vielleicht doch nicht so eingeschränkt, wie es die deutschen Kunstphilister erscheinen lassen?
„Ich habe kein Zeichen hinterlassen“ heißt die Präsentation von Simbabwe, die ich auf dem Heimweg am Canale della Pietà neben der Kirche Santa Maria della Pietà entdecke. Hier wird der Magie und Schönheit des Unerwarteten, Unheimlichen, Missachteten nachgespürt, verfolgt von Vergangenheit, die sich nicht abschütteln lässt, flankiert von Gegenwart, die unerträglich bleibt, entrückt einer Zukunft, die sich entzieht. Vier Künstler:innen plädieren für die Nützlichkeit von Geschichten beim Überleben.
Die Zusammenhänge von Zahlen, Tieren und Figuren in „Der Simbabwe-Blick“ von Ronald Muchatutas (geb. 1983) finde ich erst nachträglich. Jahreszahlen verweisen auf bedeutende Ereignisse in der Geschichte Simbabwes. Ein Hund ist eine Metapher für politische Brutalität. In Kindergesichtern zeigen Uhren Verwundbarkeit und Hoffnung an. Die Einladung, meine Schuhe auszuziehen und auf Hängendes und Liegendes zu treten ist für mich nur ein Effekt. Den Körper dadurch in ein Medium der Erkenntnis zu verwandeln, bedürfte es längeren Trainings.
Die Installation „Muera Nyoka, Nemazai Acho“ von Terrence Musekiwa (geb. 1990) erzählt auf spirituelle Weise die Geschichte des Kariba-Staudamms. In den 1950er Jahren wurde er vom Kolonialstaat an der Grenze zwischen Sambia und Simbabwe errichtet und führte nicht nur zu Umweltkatastrophen, sondern auch zur Vertreibung der Bevölkerung in der Region. 24 Steine symbolisieren 24 Forderungen der Einheimischen an die Behörden.
Kresiah Mukwaz (geb. 1992) hat von Freundinnen, Familienangehörigen und weiteren Frauen Büstenhalter gesammelt und daraus obskure Gebilde hergestellt. Gemeinhin gilt Unterwäsche als Privatsphäre. Im afrikanischen Kontext ist ihr Vorzeigen auch am Körper Ausdruck eines Protests.
Die meisten Objekte von Wallen Mapondera (geb. 1985) sind aus Eierkisten gefertigt. Eier symbolisieren in Simbabwe Leben, Geburt, Transformation und Zerbrechlichkeit. Darüber hinaus setzt der Künstler Verpackungskartons, Reinigungsgerät und Alltagsgegenstände ein, um gesellschaftliche Ereignisse zu kommentieren.
Es sind Gestaltungen eines Dilemmas. Es sieht so aus, dass das Biotop Erde zwar fortwährend in ein lebensfreundliches Gleichgewicht investiert, Menschenheit aber durch bewusstes Handeln nicht in der Lage ist, daran mitzuwirken.
DIVERSITÄT
Am dritten Tag sehe ich Länderbeiträge im Stadtgebiet an, beginne allerdings mit einer Exkursion zu Banksy, den niemand eingeladen hat. Nach wie vor passt er sich nicht dem den event- und geldgesteuerten globalen Kunstmarkt an. Nach wie vor provoziert er ihn und lebt sehr gut damit.
Im Vaporetto fahre ich auf dem Canal Grande bis zur Station Ca‘ Rezzonico und laufe bis zum Campo San Pantalon. Dort hat der Provokant auf der Außenwand eines venezianischen Hauses, das leer steht und zu verkaufen ist, ein Graffito aufgebracht. Neben die Tür zum Rio de Ca‘ Foscari ist ein Kind in einer Schwimmweste gesprayt. In der rechten hochgereckten Hand hält es eine Fackel, die Seenot signalisiert, eine absehbare Aussicht für die ganze Stadt.
Den Weg zurück und weiter komme ich über die Brücke dell‘ Accademia in den Stadtteil San Marco. Im Palazzo Franchetti zeigt sich Portugal. Pedro Neves Marques (geb. 1984) zeigt in einer Filmtrilogie „Vampires in Space“ die Aussichten unserer Spezies.
Jahrhunderte voraus hat die Erde aufgehört, ein Lebensraum zu sein. Vampir:innen suchen in kosmischen Weiten einen Weg, ihre Unsterblichkeit zu bewahren. In einem Raumschiff fliegen sie einem erdähnlichen Planeten entgegen. Zwischen den Kurzfilmen sehe ich mir im Raum aufgestellte sargähnliche Module an, die Begriffe wie Vergänglichkeit, Verwundbarkeit und Endlichkeit im Ewigen untersuchen. Am Ende bleibt für mich mit alledem nicht mehr zurück, als eine weitere Sience-Fiction-Spielerei.
„Ungekämmt, unvorhergesehen, ungezwungen“ heißt eine Begleitausstellung zur Biennale im Palazzo Pisani, wo Venedigs Musikhochschule untergebracht ist. Hier hat die Kunsthistorikerin Ziba Ardalan Arbeiten verschiedener Künstler:innen über das Gebäude verteilt. Übergreifendes Thema ist die Entropie als Maß der Unordnung in einem physikalischen System. Physikalisch bleibt in einem abgeschlossenen System die Entropie ohne Energie- oder Materieaustausch mindestens gleich oder nimmt zu. Maximale Entropie ist erreicht, wenn alle im System ablaufenden Prozesse zum Stillstand kommen. Dann ist es in einem stabilen Gleichgewicht.
Auf Menschheit angewandt, sorgt Entropie mit dem wachsenden Verbrauch von lebensnotwendigen Ressourcen dafür, dass die Biospäre, in der sie sich als Spezies erhalten will, durch wachsendes Ungleichgewicht nach und nach verloren geht. Bohrkerne, die der Schweizer Julian Charriére (geb. 1987) samt dem durchbohrten Gestein in den Innenhof der Hochschule tranportiert hat, symbolisieren die Gewinnung natürlicher Ressourcen und die Unumkehrbarkeit ihres Verbrauchs.
Weiter bewege ich mich Richtung Marcusplatz, doch weit entfernt vom Schlendern, das ihm zu seinem Namen verholfen haben soll, wie es in einer Reisegeschichte von Elke Heidenreich steht. „Schon vor Jahrhunderten antworteten stolze italienische Väter auf die Frage, was denn ihr Sohn mache: ‚È in piazza!‘ Er ist Müßiggänger, er schlendert auf dem Platz herum, und piazza ist immer San Marco, denn alle anderen Plätze heißen campo.“
Eine in sich ruhende Warteschlange und ein abweisendes Prozedere der Ordnungskräfte killen meine Vorfreude auf Anselm Kiefer, der parallel zur Biennale im Dogenpalast die Sala dello Scrutinio, ein Saal, in dem in der alten Seerepublik Venedig Stimmzettel ausgezählt wurden, mit einem Welttheater verzaubert. Enttäuscht reihe ich mich wieder aus, meide auch die Touristenschlange, die sich zur Rialto-Brücke wälzt und finde auf Nebenwegen zum Palazzo Mora, in dem das Europäische Kulturzentrum untergebracht ist. Es zeigt die sechste Ausgabe von „Personal Structures – Reflections“, eine weitere Begleitausstellung der Biennale. Beiträge von fast 200 Künstler:innen wurden dafür ausgesucht.
Der israelischen Milliardärswitwe Ariela Wertheimer (geb. 1957) wird mit „HomeLandscape“ eine Ausstellung in der Ausstellung gewährt. Gewidmet hat sie sie ihrem im Frühjahr an Krebs verstorbenen Ehemann und Industriemagnaten Eitan Wertheimer, genaugenommen seiner medizinischen Behandlung, um die herum sie die verschiedenen Stadien von Verlust und Trauer chirurgisch präzise dokumentiert, dieses Niemandsland zwischen Landschaft und Körper, zwischen Physis und Spiritualität, zwischen Wehmut und Erinnerung.
Die Südkoreanerin Oh Myung Hee (geb. 1956) erforscht die Jahre, in denen sich das traditionelle Südkorea westlichen Lebensweisen annähert. Die Mitte des dreiteiligen Bildes „The Days Were Snowy But Warm“ zeigt eine typisch koreanische Frau in den 1930er Jahren.
Links ist Na Hye-sok Na zu sehen, geboren 1913, die als erste Malerin und Schriftstellerin des modernen Koreas mit alten Bräuchen und Systemen bricht. Als sie die Autobiografie von Marilyn Monroe liest, entdeckt sie Affinitäten zu den verborgenen Emotionen und Gefühlen der Schauspielerin.
Gegen Ende des Koreakriegs 1953 trat Marilyn vor amerikanischen Truppen auf, um ihre Moral zu stärken. „17000 Soldaten schrien vor mir. Ich stand vor ihnen und lächelte. Es fing an zu schneien, aber mir war warm, als stünde ich in der strahlenden Sonne … Ich fühlte mich zu Hause.“
Was Weiblichkeit für die Künstlerin ausmacht, ist mit diesen drei Frauen verbunden. Die Frau in einem Hanbok in der Mitte, die traditionelle koreanischen Kleidung, ist das Frauenbild, das in den 1930er Jahren koreanische Mütter ihren Töchtern vermittelten. Lack und Perlmutt, die die Künstlerin als dekorative Elemente verwendet, verzieren in Korea traditionell die Utensilien für ein Boudoir, ein exklusiver Raum für Frauen.
Für die Niederlande die queere, nicht-binäre Künstlerin Melanie Bonajo (geb. 1978) den Innenraum der Kirche Chiesa dell’Abbazia della Misericordiaden mit der Installation „When the body says Yes“ ausgefüllt. Ihre Sehnsucht nach körperlicher Nähe nennt sie „Hauthunger“.
Auf einer Kinoleinwand läuft ununterbrochen ein Film, in dem sich, mal bekleidet und mal entblößt, Menschen behutsam berühren, erfühlen, erkunden, ohne sich in ihrer Hingabe zu vereinzeln. Von der Decke hängen Fäden und transparente Tücher. Der Boden ist in eine textile Polsterlandschaft mit Sitz- und Liegehügeln verwandelt, die zum Zeitvergessen einladen. Mit Worten aus dem Off berichten die im Film Agierenden von ihrer Sehnsucht nach gemeinsamem Finden und Erfinden. Energie und Wärme entstehen nicht durch aufreibendes Aneinander, sondern im Sich-einig-werden und Verbundensein.
„Ich denke, meine Kunst gibt uns grundlegende Werkzeuge an die Hand, wie wir soziale Beziehungen und Zustimmung auf eine mitfühlende Art und Weise handhaben können“, sagt die Künstlerin, über ihre Absichten befragt. „Sie stellt die Fürsorge, das Gesehen- und Gehört-Werden und das Wissen um die eigenen Wünsche in den Vordergrund und zwar jenseits der Konditionierung, die wir im kapitalistischen System erfahren, das von unserer Isolation und davon profitiert, dass es das Gehirn über den Körper stellt.“











