„59. Biennale di Venezia“ 4

HARVEST

Zum erste Mal in ihrer Geschichte hat sich in diesem Jahr die documenta in Kassel dem globalen Süden anvertraut. Dort erfuhr ich, wie sich mit kollektiver Kreativität anders leben lässt, als im vermeintlich alternativlosen Kapitalismus. Die 59. Biennale di Venezia hat der weiblichen Kreativität eine große Bühne geschaffen und zum ersten Mal die in männlichen Hierarchien ruhiggestellte Frauen- und LGBTQ-Power in den Mittelpunkt gerückt.

Hinzu kommt die Entdeckung, dass Kollektivität und Weiblichkeit auf derselben Seite sind, wenn Kreativität sich entschließt, für eine lebenswerte Zukunft zu wirken. Offen bleibt, ob sie destruktiven Prozessen, die sich aus konkurrierendem Wachstum entwickeln, widerstehen können. Klar ist mir hier und in Kassel geworden, dass die Möglichkeit so lange existieren wird, solange Menschen existieren.

Vom dänischen Pavillon mit „We walked the Earth“ von Uffe Isolotto habe ich schon erzählt. „In seiner Geschichte ist die Verwandlung von Menschen in Zentauren nicht das Ergebnis einer wachsenden Distanz zur Natur, sondern eine notwendige Anpassung des Organismus an einen ökologischen Ausnahmezustand, der die Existenz des Menschen wieder in existenziellen Stress versetzt“, schreibt der Kunstkritiker Stian Gabrielsen.

Wieso aber „wieder“? Weil in der Natur ruhige Fahrwasser und (ökologische) Gleichgewichte vorübergehend sind? Gar nur eingebildet? Nur Momentaufnahmen? In der Schulzeit habe ich gelernt, dass es Fixpunkte nicht gibt, keinen einzigen und nirgends. Ist das etwa die menschliche Tragödie, dass wir uns selbst als Mittelpunkt der Welt empfinden müssen und selbstbewusst da zu sein, inzwischen acht Milliarden mal?

Im dänischen Pavillon bekam ich ein Heft mit einer Shortstory von Jacob Lillemose (geb. 1974), Kurator des Länderbeitrags, in die Hand. Erst mit seiner Geschichte, die er „And Now We Are Water“ nennt, ist es mir möglich, die Inszenierung von Uffe Isolotto als Momentaufnahme zu verstehen.

„Überall ist Wasser. Überall, wo wir jemals waren und wo wir jetzt sind. Wasser ist unser Leben. Wir sind geschaffen, um im Wasser zu leben, und wir sind aus Wasser. Nicht aus dem Wasser, das uns umgibt. Das Wasser, aus dem wir sind, ist so beschaffen, dass wir uns verändern können. In einem Moment können wir weich sein, im nächsten fest und hart, in einem eiskalt, im nächsten kochend heiß, spiralig oder kugelig, farbig im Licht und farblos und durchsichtig im Dunkel. Die Möglichkeiten unseres Wassers sind endlos. Die einzigen Grenzen sind unsere Vorstellungskraft.“

So fängt die Geschichte an, mit einer Überschrift, die eine Täuschung ist. Oder auf wen bezieht sich in „Und jetzt sind wir Wasser“ dieses „wir“, wenn nicht auf mich? Bis ich es auf die fiktive Spezies einer fernen Zukunft abwälzen kann, wo es auf den schlammigen Grund eines Gewässers absinkt, zwischen eigenartige Formen, die einmal Lebewesen waren. Dieses „wir“ zieht sie heraus und „hinauf ins Licht“.

Da der Autor nur geometrische Begriffe verwendet, brauche ich lange, um in den eigenartigen Formen jene Zentauren zu erkennen und die Zukunftsvision als Vorgeschichte zu der Spezies in Jacob Lillemose’s Shortstory. Sie endet damit, dass das ferne „wir“ – offenbar in ähnlich existenzieller Not wie das heutige – die leblosen Formen übernimmt und eine neue Daseinsweise auf dem Gewässergrund probiert.

„Die Wasserwesen gleichen den allgemeinen Pessimismus der Installation aus“, schreibt Stian Gabrielsen. „Es ist eine Lebensform, die sich auf Geheiß ihrer Vorstellungskraft neu erfindet. Sie zeichnen ein Bild der Zeit nach dem Menschen aber auch losgelöst von der Vergangenheit“.

In seinem Buch „Aufklärung in Zeiten der Verdunkelung“ wird der deutsche Schriftsteller und Historiker Philipp Blom in naher Zukunft (2023) schreiben: „Das Narrativ der menschlichen Sonderstellung, des ewigen Wachstums, des Fortschritts, ist […] zur Grundlage von wissenschaftlichen Arbeiten und Ordnungssystemen, von wirtschaftlichen Theorien und industrieller Praxis geworden. Es ist so allgegenwärtig, dass es alternativlos scheint und unsichtbar, so wie der alten Geschichte nach Fische keine Ahnung haben, was Wasser ist. Dieses Wasser zu verlassen ist ein echter evolutionärer Sprung. Das Begreifen, was Wasser ist und dass wir alle darin schwimmen, ist zumindest ein erster Schritt.“

Das ist tröstlich? Hier und Jetzt tröstet die Lagunenstadt. Wie lange noch im Hin und Her ihrer Jahrhunderte langen Geschäftigkeit, im Übergriff moderner Kreuzfahrtschiffe? Mit Lust und Neugier bin ich angereist. Sind sie noch da? In abgelegenen Gassen finde ich sie in einzelnen Gesichtern, im gedämpften Sound der Stadt und im herbstlichen Lagunenlicht, das Himmel und Wasser zusammenführt. Mir zum Vergnügen. „Venedigs Seele, die Seele, mit der die alten Künstler die schöne Stadt bekleideten, ist herbstlich“, schrieb Gabriele D’Annunzio, italienischer Dichter, Aristokrat und Offizier der Königlichen Italienischen Armee während des Ersten Weltkriegs.

Ein großes Vergnügen an der Kunst bereitet mir im Länderbeitrag des Kosovo Jakup Ferri (geb. 1981), ein Nachfahre vom Stamm der Dardanier, die das Gebiet der Republik Kosovo vor langer Zeit besiedelten. Im Begleitheft lese ich: „Die harte Realität im Kosovo wie an vielen anderen Orten auf der Welt scheint für den Moment ausgesetzt, lädt gerade in der spielerischen Schwebe der Kompositionen aber ein, in deren Schutzraum alternative Wirklichkeiten und Zukünfte zu entwerfen“.

Vielleicht hat den Dardaniern ihre Fähigkeit zum Vergnügen das Überleben gerettet? Vor über 2000 Jahren gründeten sie mitten im Balkan ein Königreich und brauchten nicht lange auf die Begehrlichkeiten von übermächtigen Nachbarn zu warten. Den Anfang machten die Römer. Es folgten Byzantiner, Bulgaren, Serben und Osmanen. Nach den Balkankriegen 1912 und 1913 kam das Kosovo zu Serbien und Montenegro und als autonome Provinz zu Jugoslawien und nach einem Krieg 1998/99 unter UN-Verwaltung. Seit 2008 ist es eine von 102 Staaten anerkannte souveräne Republik. Ein Happyend ist es noch nicht, denn Serbiens Anerkennung lässt auf sich warten.

Die Teppiche, mit denen „Die Monumentalität des Alltäglichen“ ausgelegt ist, verdanken ihre Muster dem zwölfjährigen Sohn des Künstlers. „Sie basieren“, erzählt die Kuratorin, „auf dem Computerspiel ‚Animal Crossing‘, in dem die Spieler:innen ihre eigenen Avatare, deren Kleidung, Accessoires und Einrichtungsgegenstände, gestalten müssen“. Handwerkerinnen aus dem Kosovo und Albanien haben sie gewebt.

Die Bilder zeigen kunterbunte Alltagsszenen, vergnügte Tiere und Menschen. Ironie und Doppeldeutigkeit ist ihnen fremd, nur Lebenslust und gute Absichten kann ich entdecken. So fängt doch jedes Leben an, unverbogen, ungelogen? Als ein reines Vorhandensein ganz ohne Wenn und Aber.

Und was ist mit dem Boden des Ausstellungsraumes, der Tatsachen, auf dem wir bleiben sollen und der verbogen ist? Aber nein, gebogen ist er, auf beiden langen Seiten hochgebogen.

„Unsere eigentliche Idee ist ein U-Boot, das in vielen von Ferris Bildern in surrealen Situationen auftaucht“, erzählt die Kuratorin. „Da die historischen Wände im Arsenale höchst denkmalgeschützt sind, haben wir uns entschieden, einen Raum im Raum zu schaffen. Wir fahren sozusagen ganz gemütlich durch die Tiefsee – in Referenz auf die historische Schiffswerft der Arsenale, die immer noch Stützpunkt der italienischen Marine ist.

Da fällt mir die „Nautilus“ ein, das U-Boot aus den Romanen „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“ und „Die geheimnisvolle Insel“ des Schriftstellers Jules Verne, die ich als Teenager mit Vergnügen verschlang.

Auf der „Nautilus“ hat Kapitän Nemo das Kommando, Sohn eines indischen Herrschers, der ihn als Zehnjährigen nach England schickt, um eine gute Erziehung zu erhalten und später gegen die Briten zu kämpfen, die sein Land unterdrücken. Diesem Plan folgt der junge Nemo zunächst nicht. Er lernt die westliche Wissenschaft und Kultur kennen und lieben und möchte sie mit seiner Heimat verbinden. Dafür entwirft er ein Schiff zur Erforschung der Unterwasserwelt. Wieder zu Hause jedoch, auf dem Boden der Tatsachen, zettelt er einen Aufstand gegen die britischen Besatzer an, der blutig scheitert. Da macht er aus dem Forschungsschiff ein Kampfschiff und eilt mit treuen Gefährten dort zu Hilfe, wo für ein freies Leben gefochten und geschossen wird. Kein Happyend ist das und keines ist in Sicht.

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