„In den Gängen“ ist der erste Kinofilm des Leipziger Regisseurs Thomas Stuber nach einer Geschichte von Clemens Meyer. Medial umgeben von der dreiteiligen Dokumentation „Ungleichland“ (über den deutschen Multimillionär Christoph Gröner) und weiteren Radio- und Fernsehbeiträgen über die Ausweitung der Ungleichheit im neoliberalisierten Deutschland, entfaltet das Kammerspiel mit eindringlicher Virtuosität Existenzen, die nichts weniger als Mitleid nötig haben und Aufmerksamkeit nicht erwarten, schon gar nicht Zuwendung.
Die Kamera von Peter Matjasko zeigt Menschen in der Abgeschiedenheit von Gängen und Dunkelkammern eines Warenlagers. Dort erwerben sie ihren Lebensunterhalt. Dort haben sie sich im Lauf der Zeit ein Biotop erarbeitet und es mit einer Wärme angereichert, die mich irritiert, denn lange weiß ich nicht, ob sie aus der Tiefe des Planeten oder aus Herzen kommt. Ganz sicher nicht von der Sonne her, die in den Gängen ausgeschlossen ist. Bis ich begreife, dass an diesem Ort und in diesem Film die drei Wärmequellen zusammenhängen.
Der Walzer „An der schönen blauen Donau“ von Johann Strauß erinnert mich an den Film „2001“ von Stanley Kubrick. Ein Schachspiel wird hier zur Metapher für strategisches Denken. Auf beidem beruht dieses Biotop und ist für die, die hier für Lohn und Brot arbeiten müssen, Zuhause. Hier ist ihr Leben und ihr Lieben unumstritten. Die Welt darüber hinaus taugt besser zum Sterben.
Strahlten die Gänge nicht so verlässlich Wärme ab, die Dunkelkammern nicht so weiches Licht und wäre das Spiel von Franz Rogowski und Sandra Hüller als Christian und Marion nicht so zum niederknien, es wäre der entmutigendste Film des Jahres.