Gar zu gern sind wir auf unsere Entwicklung stolz. Entwicklung des Ich, der Gemeinschaft, der Menschheit. In seiner „Einführung in die Theatergeschichte“ schreibt der Theaterwissenschaftler Andreas Kotte hingegen: „Theater entwickelt sich nicht, es wandelt sich nur“. Sollten die Bretter, auf denen Theater sich zeigt, tatsächlich die Welt bedeuten, hat dieser Satz es in sich.
Klären wir zunächst den Begriff. ‚Entwicklung‘ wird seit dem 17. Jahrhundert für ein Auswickeln im Sinne von ‚Entfaltung‘ verwendet. ‚Wandlung‘, vom althochdeutschen ‚wantön‘ her, vom ‚wiederholten Wenden‘, bedeutet seit dem 14. Jahrhundert ‚Umformung‘ und ‚völlige Veränderung‘.
Kottes These ist ein Affront zu dem, was wir gern als zivilisatorischen Fortschritt bezeichnen. Hier gibt es inzwischen mindestens so viel Skepsis wie Euphorie. Verunsichert fühlen wir uns und bedroht. Der gern in Kauf genommene Zuwachs an Bequemlichkeit und Lebensqualität, wissen wir, hat seinen Preis. Sollte er eine Kehrseite haben? Sind wir Gewinner oder Looser unserer Geschichte? Zweifellos raffen wir die Zeit, aber häufen wir sie dadurch oder wird sie uns vor allem knapp?
Aus der Perspektive von Wissenschaft und Technik wachsen unsere Möglichkeiten, die Welt zu verstehen und zu gestalten. Was wir tatsächlich tun, zeitigt jedoch Veränderungen bar jeder Vernunft. Was ist mein Leben wert, wenn es mir lieber als jedes andere ist? Hier vervollständigt Kottes These mein Weltbild. Oder ist sie der Hinweis auf ein prekäres Defizit, weil mein Scheitern vielleicht kein Zufall oder Mißgeschick ist, sondern letzten Endes konsequent?
Ganz am Schluss des Doppelsatzes – und er hat es in sich! – steht das scheinbar unscheinbare Wörtchen ‚nur‘. Wie leicht ist es überlesen. Weglesen lässt es sich nicht. Im Gegenteil wird es zum Widerhaken, an dem ich hängen bleibe und das ganze Theater, das ich mache. Das ‚nur‘ spielt mich ganz einfach an die Wand, an der ich mit dem Rücken stehe oder mir den Kopf einrenne. Da ist gar keine Wand? Dann habe ich ja Glück? Weil die Erde kein Raum ist, in dem ich feststecke und auch keine Scheibe, von der es sich abgründig stürzen lässt?
Jedoch ist dieser Raum ein sphärischer, ein Raumschiff, auf das ich angewiesen bin und bleibe, auf dem ich leben kann. Oder nicht.