Jean Ziegler in Leipzig

Vor fünf Jahren las ich „Der Hass auf den Westen“ und versuchte, mir ein Bild von seinem Autor zu machen. Lange nicht mehr fand ich Worte so aufhellend, wie die über die geschichtsmächtige Kraft von seit Jahrhunderten kolonialisierten Völkern und so ermutigend, wenn er seine Hoffnung ausdrückt, sie mögen erwachen und die globale Weltordnung für eine lebenswerte Zukunft der Menschheit verändern. Es ist eine andere Sprache als die der Selbstgerechtigkeit, mit denen westliche Politiker vor allem ihre Macht und die eigenen Interessen propagieren und verteidigen.

Aus Zieglers Sätzen spricht Mut zum qualifizierten Zweifel an der Ordnung, die sie der Welt aufdrängen und Mut zum offenen Diskurs über einen Wertekanon, den wir kaum noch hinterfragen.

Nun ergab sich die Gelegenheit, diesem Mann zu begegnen. Unverdrossen und sogar mit Vergnügen parierte er während der Leipziger Buchmesse im Museum der bildenden Künste unter einem Bild von Neo Rauch die süffisante Arroganz des bereitgestellten Rundfunkmoderators Thomas Bille, der ihn gern in der Schublade der Kapitalismuskritik hätte verschwinden lassen, um den Rest des Abends seine Ruhe zu haben.

Stattdessen nutzte Ziegler sein mit seinem neuen Buch „Ändere die Welt!“ die Gelegenheit, das Auditorium auf den unverminderten Ernst der Lage und die nach wie vor vorhandene Chance eines jeden von uns, sie nicht hinnehmen zu müssen, aufmerksam zu machen, die Chance, Zukunft gewinnen zu können.

Der inzwischen Achtzigjährige beeindruckte mich mit einer ernsthaften Zuversichtlichkeit, die er mit Güte, Geduld, Neugier und Zorn bei Kräften hält und also sich. Gütig quittiert er den Wunsch vieler Zuhörer, ihn nach der Veranstaltung persönlich anzusprechen. Geduldig hört er zu und erkundigt sich neugierig nach ihren Lebenslagen. Er nimmt sich soviel Zeit dafür, wie er für wichtig hält, und niemand kommt auf die Idee sich deswegen über eine geraume Wartezeit in der langen Reihe zu beklagen. Zu hören bekomme ich von ihm die Ermutigung zum Unmut und den Wunsch, mich nicht in erlebten und beobachteten Ungerechtigkeiten einzurichten.

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